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Aus: Ausgabe vom 16.01.2021, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Kapitalismus und Vogelwelt

Ein anonymer Artikel aus dem Jahr 1886 über Naturzerstörung durch Industrie und Landwirtschaft im Kapitalismus sowie Nachhaltigkeit durch Kommunismus
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Auch die Vogelwelt leidet unter den Waffen, die der Kapitalismus dem Menschen zu ihrer Zerstörung liefert: Kraniche fliegen nahe Windenergieanlagen im Landkreis Märkisch-Oderland bei Lietzen (Brandenburg)

Wir brachten unter diesem Titel (»Der Kapitalismus und die Vogelwelt«) in Nr. 1 dieses Jahrgangs der Neuen Zeit eine Notiz, die mit einigen statistischen Angaben dartat, dass die Zahl und Mannigfaltigkeit der Vögel in industriellen Gegenden in Abnahme begriffen ist. Verschlechterung der Luft und des Wassers, vielfach auch Verkümmerung der Nahrung, Störungen während der Brütezeit und Erschwerung der Nistgelegenheiten dürften die Hauptursachen dieser Abnahme sein.

Sie ist jedoch nicht auf die industriellen Gegenden beschränkt. Wo die Landwirtschaft kapitalistisch betrieben wird, bemerken wir die gleiche Erscheinung. Die kapitalistische Landwirtschaft bringt die Waldverwüstung mit sich, möglichste Ausbeutung des Bodens, also z. B. Beseitigung der viel Platz einnehmenden Hecken durch Drahtzäune usw., auf jeden Fall Verminderung der Nistplätze und Verkürzung des Futters. Während so die Vermehrung der Vögel gehemmt wird, wachsen die Verfolgungen, denen sie von seiten des Menschen ausgesetzt sind.

Im Gegensatz zum Kommunismus wohnt in der Warenproduktion das Bestreben zur Raubwirtschaft, zur möglichst augenblicklichen Ausbeutung der Natur ohne Rücksicht auf die Nachhaltigkeit und Dauer der Erträge. Das Wort: »Nach uns die Sintflut« ist das Motto der Warenproduktion. Es erscheint uns das sehr natürlich. Der Kommunismus ist eine Produktionsweise, unter der die Produktionsmittel dem Gemeinwesen gehören (…) und unter der die Mitglieder des Gemeinwesens gemeinsam nach bestimmtem Plane produzieren und den Arbeitsertrag unter sich verteilen. Eine solche Produktionsweise schließt Raubbau an Grund und Boden, an Menschenkräften, an den Springquellen des Reichtums überhaupt fast völlig aus; denn das Gemeinwesen ist im Unterschied zum Einzelwesen unsterblich und ewig, es kann daher nicht die Grundlagen seiner Existenz opfern um eines augenblicklichen, vorübergehenden Erfolges willen.

Anders unter dem System der Warenproduktion. Diese ist eine Produktionsweise, unter der die Produktionsmittel im Besitz voneinander unabhängiger Privatpersonen sind, die mit ihnen nach persönlich freiem Ermessen produzieren oder produzieren lassen. Das Ergebnis der Produktion sind Waren, Produkte, welche nicht vom Gemeinwesen unter seine Mitglieder verteilt, sondern nach einem bestimmten Wertmaßstabe gegenseitig ausgetauscht werden. (…)

Das Streben der Warenproduktion nach Raubwirtschaft konnte sich nur in engen Grenzen geltend machen, solange diese nicht den Charakter der kapitalistischen Produktionsweise annahm, der Großproduktion mit Hilfe riesenhafter Maschinen, mit wissenschaftlicher Unterjochung der Naturkräfte, die jetzt dazu dienen, die schüchternen Ansätze der einfachen Warenproduktion zur Raubwirtschaft riesenhaft zu entwickeln, die Springquellen des Reichtums in kurzen Zügen rasch zu erschöpfen, auf die Gefahr hin, sie für immer versiegen zu machen. Der Warenproduktion war z. B. immer das Streben zur Waldverwüstung eigen. Wo sie im Altertum die höchste Stufe erreichte, hat sie auch in verhältnismäßig kleinen Bezirken zur völligen Entwaldung geführt, so in vielen Punkten Griechenlands, Italiens und Südfrankreichs. Aber was ist diese Waldverwüstung im Vergleich zu derjenigen, welche heute die Entwicklung des Eisenbahnwesens und der Dampfschiffahrt mit sich bringt, welche nicht nur die Wälder in den Ländern mit entwickelter kapitalistischer Produktionsweise, sondern weit über deren Bereich hinaus vernichtet, in Schweden, Russland, den Wildnissen der Vereinigten Staaten, Kanada, Birma etc. (…)

Auch die Vogelwelt leidet unter den Waffen, die der Kapitalismus dem Menschen zu ihrer Zerstörung liefert. (…) Von Januar bis April 1886 wurden in London in einem einzigen Auktionslokal 404.464 Vögel aus Westindien und Brasilien verkauft, dazu 356.389 aus Indien und überdies Tausende von schöngefärbten Fasanen, Paradiesvögeln usw. (…) Dass der Handel mit Vogelbälgen einen solchen Aufschwung nehmen konnte, ist hauptsächlich unseren Damenmoden zuzuschreiben. (…)

Zahlreiche Vogelfreunde glauben, durch einen Appell an die Frauen gegen das Tragen von Vogelbälgen auf den Hüten und dergleichen eine Besserung herbeiführen zu können. Wir schließen uns dem Appell an und wünschen ihm besten Erfolg; wir bezweifeln jedoch lebhaft, dass ein solcher Aufruf viel nützen wird. Die Mode wird sich ändern – auch ohne Appell – der Wechsel ist ja das Wesen der Mode. Aber bereits sind zahlreiche Kapitalien im Handel mit Vogelbälgen und in deren Verarbeitung angelegt.

Der Kapitalismus und die Vogelwelt. In: Die Neue Zeit, 4. Jahrgang, Heft 10/1886. Hier zitiert nach dem Faksimile in der elektronischen Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung: library.fes.de/cgi-bin/nzpdf.pl?dok=1886&f=474&l=478

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  • Hans-Helmut Heinrich: Kommunismus oder Vernichtung Na endlich! Endlich lese ich in der jungen Welt einen Artikel über den Zusammenhang zwischen dem Raubbau an der Natur und der kapitalistischen Produktionsweise. Dies am Beispiel des Vogelschutzes. Die...
  • Jens Dossé: Bitte weiterdenken Kommunismus ist ökologisch, der praktizierte Sozialismus war es jedoch nicht. Der Autor schreibt: »Der Kommunismus (...) schließt Raubbau an Grund und Boden, an Menschenkräften, an den Springquellen d...
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