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Aus: Ausgabe vom 16.01.2021, Seite 15 / Geschichte
Geschichte Afrikas

Aus dem Weg geräumt

Vor 60 Jahren wurde Patrice Lumumba, erster Premier des Kongo, ermordet. Seine Politik richtete sich gegen die Interessen der alten und neuen Kolonialherren
Von Simon Loidl
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Kämpfte für ein unabhängiges Kongo: der Sozialist Patrice Lumumba

Jahrzehntelang gab es Debatten darüber, wer Patrice Lumumba ermordet hat. War es die CIA oder der MI6? Waren es belgische Geheimdienstler oder Soldaten der früheren Kolonialmacht? Waren es kongolesische Militärs aus der abtrünnigen Provinz Katanga? Westliche Politiker und Medien taten die Beteiligung einiger dieser Akteure lange als Verschwörungstheorien ab. Heute indes steht fest: Alle Genannten haben den Tod des ersten Premierministers des unabhängigen Kongo am 17. Januar 1961 zu verantworten. Seit fast 20 Jahren ist dies auch die offizielle Position Belgiens. 2001 wurde nach einer Klage des Sohnes von Lumumba eine Kommission eingesetzt, welche die Todesumstände des Freiheitskämpfers untersuchte. Diese kam zu dem Schluss, dass katangische Soldaten unter Führung des Sezessionisten Moise Tschombé zusammen mit belgischen Armeeangehörigen Lumumba und dessen Gefährten Joseph Okito und Maurice Mpolo Anfang 1961 gefangengenommen, gefoltert und schließlich erschossen hatten. Wenige Tage nachdem die Mörder die Leichen verscharrt hatten, gruben sie diese wieder aus und beseitigten die sterblichen Überreste mittels Säure. US-amerikanischer und britischer Geheimdienst hatten bei der Jagd auf Lumumba geholfen, wussten von der Ermordung und unterstützten die Sezessionisten unter Tschombé sowie Lumumbas Gegenspieler Joseph Mobutu militärisch und logistisch. Die CIA hatte bereits zuvor Pläne geschmiedet, Lumumba zu vergiften, da dessen Politik den US-Ambitionen in Afrika diametral entgegenstand.

Gefährliche Konzepte

Der rohstoffreiche Kongo stand damals und steht heute im Fokus vieler ökonomischer Begehrlichkeiten. Westliche Konzerne interessieren sich seit dem 19. Jahrhundert für mineralische Ressourcen wie Uran, Kupfer, Gold, Kobalt, Diamanten oder zuletzt Coltan sowie für landwirtschaftliche Erzeugnisse wie Kaffee, Palmöl, Baumwolle, Erdöl, Hölzer oder Kautschuk. Bis heute schmieren die Erlöse aus dem Verkauf der mineralischen Rohstoffe die Kriegsmaschinerie in dem zentralafrikanischen Land. 1960 waren Vertreter aller westlichen Mächte in höchstem Maße daran interessiert, dass ihre Interessen auch nach der Unabhängigkeit des Kongo von der vormaligen Kolonialmacht Belgien gewahrt blieben. Das hieß im Klartext: Minengesellschaften und deren Aktionäre sollten von den Umwälzungen unbehelligt bleiben. Doch genau dies gefährdeten die politischen Konzepte von Patrice Lumumba und dessen Regierung.

Das Jahr 1960 war für den Kongo – wie für viele andere afrikanische Länder   das Jahr der Unabhängigkeit. Im Mai fanden die ersten Parlamentswahlen statt, die Lumumbas Mouvement National Congolais (MNC) für sich entscheiden konnte. Am 30. Juni endete der Status des Kongo als belgische Kolonie, Lumumba wurde zum Premierminister ernannt. Die Nationalversammlung wählte Joseph Kasavubu zum Präsidenten. Dieser war der Wunschkandidat der vormaligen Kolonialherren für das Amt des Premiers gewesen, allerdings hatte seine Alliance des Bakongo (Abako) bei den Wahlen nur zwölf der 137 Sitze erringen können. Lumumba hingegen hatte bereits in den vorangegangenen Jahren in der Unabhängigkeitsbewegung antikolonialistische Positionen vertreten, was ihn für belgische, britische und US-amerikanische Unternehmer, Politiker und Geheimdienstler verdächtig machte. Die Rede des neuen Premiers während der Unabhängigkeitsfeier bestätigte dann die schlimmsten Befürchtungen der alten und neuen Kolonialisten. Statt versöhnlicher Worte und Beschwichtigung der ausländischen Akteure bezüglich deren wirtschaftlicher Interessen, sprach Lumumba von Gewalt und Sklaverei, welche die Kongolesen über Jahrzehnte erdulden mussten. Er beklagte Demütigungen und Massaker und versprach, dass die Reichtümer des Landes künftig den Menschen des Kongo zugute kommen würden. Er prangerte historisches Unrecht an und benannte dessen Urheber. Der anwesende belgische König wollte sofort abreisen.

Für Lumumbas Feinde im In- und Ausland waren mit der Rede die Fronten klar. Bereits am 11. Juli erklärte Moise Tschombé die im Süden des Landes gelegene ressourcenreiche Provinz Katanga für unabhängig. Dem Premier, der tags darauf nach Katanga reisen wollte, wurde die Landung verweigert. Damit begann der Konflikt zwischen der neuen Regierung und ihren Gegnern zu eskalieren. Belgien unterstützte Tschombé, belgische Offiziere wurden von den Sezessionisten als »Militärberater« engagiert. Die kongolesische Regierung erklärte Belgien den Krieg und bat die Vereinten Nationen (UNO) um Unterstützung. Belgien baute seine militärischen Kapazitäten in Katanga aus, und erste UN-Truppen kamen ins Land. Da diese nicht in der Lage oder willens waren, den Konflikt zu entschärfen, wandte sich Lumumba schließlich an die Sowjetunion. Ein Telegramm, in dem Lumumba Moskau um Unterstützung bat, wurde von der CIA abgefangen und beschleunigte die Anstrengungen Washingtons, den Premier zu beseitigen.

Gejagt, gefoltert, ermordet

Im Herbst 1960, also nur wenige Monate, nachdem Lumumba ins Amt gewählt worden war, überschlugen sich die Ereignisse. Auf Wunsch der USA entließ Präsident Kasavubu den Premier und installierte statt dessen den Armeeoberst Joseph Mobutu. Lumumba erklärte seinerseits Kasavubu für abgesetzt. Das Parlament stand hinter ihm und annullierte die vom Präsidenten ausgesprochene Absetzung. Daraufhin beauftragte Kasavubu den späteren jahrzehntelangen Diktator Mobutu mit der Festsetzung Lumumbas. Mobutu übernahm mit US-Unterstützung die Macht.

Schon bald wurde Lumumba unter Hausarrest gestellt, konnte fliehen, wurde jedoch Anfang Dezember 1960 erneut gefangengenommen und in einem Gefängnis im westkongolesischen Thysville festgehalten. Seine Anwesenheit sorgte für Unruhe unter den ohnehin unzufriedenen Soldaten – schlechte Bezahlung und das nach der Unabhängigkeit zunächst weiterbestehende Kommando weißer Offiziere hatte bereits im Sommer zu Meutereien geführt. Lumumba und seine Mitgefangenen Okito und Mpolo wurden Anfang 1961 ins katangische Élisabethville verschleppt, dort wieder eingesperrt und von katangischen und belgischen Soldaten misshandelt.

Im Februar verbreitete das Tschombé-Regime das Gerücht, dass Lumumba geflohen und von aufgebrachten Dorfbewohnern umgebracht worden sei. Viele Indizien sprachen damals dafür, dass die Gefangenen bereits Wochen zuvor ermordet worden waren. So verweigerten die katangischen Behörden etwa dem Roten Kreuz den Besuch von Lumumba, Okito und Mpolo. Die Recherchen und Nachforschungen der nachfolgenden Jahrzehnte bestätigten schließlich die grausamen Todesumstände der drei Männer am 17. Januar 1961.

Ein edler und gerechter Kampf. ­Rede von ­Patrice Lumumba bei der Feier zur ­Unabhängigkeit des Kongo am 30. Juni 1960

Auch wenn die Unabhängigkeit des Kongo heute im Einvernehmen mit Belgien, einem befreundeten Land, mit dem wir auf Augenhöhe verhandeln, proklamiert wird, kann kein Kongolese, der diesen Namen verdient, jemals vergessen, dass die Unabhängigkeit durch Kampf errungen wurde, einen täglichen Kampf, einen glühenden und idealistischen Kampf, einen Kampf, in dem wir weder Entbehrungen und Leiden gescheut, noch unsere Kräfte und unser Blut geschont haben.

Auf diesen Kampf, der ein Kampf der Tränen, des Feuers und des Blutes war, sind wir aus tiefstem Herzen stolz, denn es war ein edler und gerechter Kampf, ein Kampf, der unerlässlich war, um der erniedrigenden Sklaverei, die uns gewaltsam aufgezwungen wurde, ein Ende zu setzen.

Unser Schicksal in 80 Jahren Kolonialherrschaft, unsere Wunden sind zu frisch und immer noch zu schmerzhaft, um aus unserem Gedächtnis gelöscht zu werden. (…) Wir werden der Welt zeigen, was der schwarze Mensch erreichen kann, wenn er in Freiheit arbeitet, und wir werden den Kongo zum Zentrum des Einflusses für ganz Afrika machen. Wir werden dafür sorgen, dass das Land unserer Heimat seinen Kindern wirklich zugute kommt.

Wir werden alle Gesetze der Vergangenheit überprüfen und neue machen, die gerecht und edel sein werden. (…) Und für all dies, meine Landsleute, können Sie sicher sein, dass wir nicht nur auf unsere enorme Stärke und unseren immensen Reichtum zählen können, sondern auch auf die Unterstützung vieler fremder Länder, deren Zusammenarbeit wir akzeptieren werden, wenn sie loyal sind und nicht versuchen, uns irgendeine Art von Politik aufzuzwingen.

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