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Aus: Ausgabe vom 16.01.2021, Seite 11 / Feuilleton
Auswüchse der Identitätspolitik

Triggerwarnung: Jetzt wird’s kritisch

Caroline Fourest wütet gegen kulturalistische Reinheitsphantasien und neoliberale Opferkonkurrenz
Von Peter Köhler
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Keine Diskussionen: Demba Ba (r.) während des Eklats beim Spiel PSG vs. Basaksehir (8.12.2020)

Man sollte es wohl nicht allzu genau nehmen, wenn es um die gute Sache geht. Als im Dezember beim Champions-League-Spiel zwischen Basaksehir Istanbul und Paris Saint-Germain der kamerunische Kotrainer des türkischen Vereins nach einem Foul zu heftig protestierte, ruft der vierte Offizielle Sebastian Coltescu den Schiri herbei, wobei er wohl das Wort »Negru« benutzt und »der schwarze Typ da« sagt. Daraufhin ruft der französisch-senegalesische Basaksehir-Spieler Demba Ba alle Spieler auf, das Feld zu verlassen. Die Partie wird abgebrochen. »Es ist das größte Zeichen, das Spieler in einem Wettbewerbsspiel gegen Rassismus je abgegeben (deutsch: gegeben, noch besser: gesetzt) haben«, lobt die Taz und findet: »Es war ein großer Schritt für die Menschheit.«

Richtig oder falsch? Coltescu ist Rumäne, in seiner Sprache ist »Negru« das Wort für einen Schwarzen. »Der schwarze Typ da« ist keine bösartige Äußerung, zumal wenn sie in der Hitze des Gefechts geschieht: Wie bezeichnet man einen unangenehm auffällig gewordenen Fremden? Nach der Eigenschaft, die ihn am einfachsten von den anderen unterscheidet. »Dieser weiße Typ da, das würden Sie doch nie sagen«, erklärte Demba Ba und übersah, dass man das würde: »Der weiße Typ da« kann in Afrika ein Schwarzer sagen, um aus einer Menge dunkelhäutiger Menschen am einfachsten einen Weißen herauszupicken, übrigens auch ohne abwertenden Unterton. Dass sich für einen Schwarzen mit mannigfaltiger Rassismuserfahrung die Situation anders darstellt, darüber ließe sich diskutieren. Jedoch: »Er (Ba) ließ sich auf eine Diskussion gar nicht erst ein«, heißt es in der Taz – das Kennzeichen einer Generation extrem empfindlicher, schnell beleidigter und tyrannischer junger Leute, der sich die französische Feministin Caroline Fourest in ihrem Buch »Generation Beleidigt« zum »wachsenden Einfluss linker Identitäten« widmet.

Es könnte zum Kopfschütteln, ja zum Lachen sein: Anhänger der These, dass die Pharaonen schwarz gewesen seien, forderten 2019 in Frankreich, eine Tut­enchamun-Ausstellung zu schließen, weil die goldene Totenmaske des Herrschers dessen »Whitening« bezwecke. Aber es ist ernst: Wer widersprach, war ein Rassist und wurde, siehe Demba Ba, aus der Diskussion ausgeschlossen. Was wäre, wenn man zu diskutieren versucht hätte? Für diesen Fall gibt es an manchen US-amerikanischen Universitäten den »Safe Space«, in den sich Studenten zurückziehen können, um sich von der Zumutung einer anderen Meinung zu erholen. So weit muss es nicht kommen: Um nicht erst mit anderen Sichtweisen behelligt zu werden, werden »Trigger«-Warnungen eingesetzt, die vor der Lektüre eines Klassikers darauf aufmerksam machen, dass das Buch Elemente enthält, die nicht ins eigene Weltbild passen und empfindsame Gemüter verstören könnten.

Literatur, Film, Theater, alle Kunst ist, wie Fourest betont, dazu da, Neues kennenzulernen. Sie vermittelt andere Erfahrungen, Erlebnisse und Erkenntnisse und bietet die Chance, spielerisch den Horizont zu erweitern, auch: in fremde Identitäten zu schlüpfen. Doch die Kämpfer für Authentizität dünkt das kulturelle Ausbeutung und ist übergriffig: Eine afroamerikanische Kunstkritikerin verwahrt sich dagegen, dass auf dem Bild einer weißen Malerin eine Schwarze zu sehen ist; einer weißen Amerikanerin, die für ihr Töchterlein eine Party im Geisha-Stil ausrichtet, wird »Yellowfacing« vorgehalten. Noch lustiger: Der Regisseur Spike Lee wird dafür kritisiert, als Schauplatz eines Films Chicago zu wählen, obwohl er New Yorker sei.

Angesichts der von Fourest konstatierten »Angst vor kultureller Vermischung«, die bis zur Ablehnung der ethnischen gehen kann, könnte man meinen, nicht linke Aktivisten wären am Werk, sondern Nazis. Die hassten, nur ein Beispiel, den Jazz und verboten den Swing – heute werfen Afroamerikaner Elvis Presley vor, ihre Musik gestohlen zu haben, statt anzuerkennen, dass der Rock ’n’ Roll erst durch ihn zu einer Weltkultur wurde. Was den Nazis in der Kunst nicht gelang, hätten manche Schwarzen also selbst gern erledigt.

Es stimmt, die schwarze Musik wurde ausgebeutet, doch platte Eindeutigkeit gibt es nicht, Widersprüche sind das Wesen aller Geschichte. Der Kampf gegen Diskriminierung, der Einsatz für Minderheiten, das Engagement für Frauenrechte ist notwendig, doch ebenso notwendig gibt es Kollisionen, wenn der Horizont an der eigenen Nasenspitze endet und es zum neoliberalen »Konkurrenzkampf der Opfer« kommt. Fourest fassungslos: »Eine Feministin sollte ihren Vergewaltiger nicht anzeigen, wenn er schwarz, arabisch oder moslemisch ist. Dies gilt zumal, wenn sie selbst Moslemin ist, denn dann macht sie sich des Verrats schuldig.«

Was die Autorin damit beklagt, ist eine neue Form der Idiotisierung. War der Idiot im antiken, klassischen Sinn der Privatmann, der nur an sich denkt und nicht auch an die Sache der Polis, so haben die modernen allein ihre nach Religion, Herkunft oder Geschlecht definierte Gruppe im Blick und rangeln mit anderen Gemeinschaften um einen höheren Platz in der Opferhierarchie.

Andererseits muss es wohl so sein. Im »Kommunistischen Manifest« würdigten Engels und Marx auch die revolutionäre Rolle der Bourgeoisie, die nicht nur die Produktionsverhältnisse umwälzt, sondern »alle feudalen, patriarchalischen, idyllischen Verhältnisse zerstört«. Seinerzeit war es z. B. die Auflösung der Ehe durch die »Vielweiberei« des Bourgeois, heute werden weitere Traditionen – definiert eben durch Geschlecht, Herkunft, Religion – im Rahmen der kapitalistischen Ordnung befreit. Nur geht die Befreiung in dieser Ordnung mit Wettbewerb und neuer Unfreiheit einher.

Letztlich sind die von Fourest behandelten Auswüchse linker Identitätspolitik Folgen der Kulturalisierung eminent politischer Konflikte, denen sehr materielle Ausbeutungs- und Ausgrenzungsbeziehungen zugrunde liegen. Dass ein Antirassismus, der diese Entwicklung durchgemacht hat, heute weniger mit der Black Panther Party oder dem späten Malcolm X zu tun hat als mit dem neurechten Ethnopluralismus reizt die Autorin zum Widerspruch.

Ihr Buch ist eine Bestandsaufnahme und zugleich ein Plädoyer für Weltoffenheit. Dass sie nur über die USA und Frankreich, nie über Deutschland schreibt, wo die »Generation Beleidigt« ebenfalls an der Arbeit ist, ist ein Manko ebenso wie der Umstand, dass die Feministin wenig, nämlich nichts, über das Schlachtfeld gendergerechte Sprache sagt.

Aber vielleicht wird es eines Tages eine Neuausgabe ihres Buches geben. Womöglich steht dann sogar was über den Vorfall beim Match Basaksehir Istanbul gegen Paris Saint-Germain da­rin. Der Skandal fand übrigens ein hoffnungmachendes Ende: Demba Ba und Sebastian Coltescu sollen sich mittlerweile ausgesprochen haben.

Caroline Fourest: Generation Beleidigt. Von der Sprachpolizei zur Gedankenpolizei. Über den wachsenden Einfluss linker Identitäten. Aus dem Französischen von Alexander Carstiuc, Marc Feldon, Christoph Hesse. Edition Tiamat, Berlin 2020, 143 Seiten, 18 Euro

Debatte

  • Beitrag von Ralf S. aus G. (15. Januar 2021 um 20:58 Uhr)
    Achtung Triggerwarnung:

    Ausgerechnet ein alter, weißer (deutscher) Mann beklagt sog. Identitätspolitik und »überzogenen« Antirassismus. Aber da es sich um einen Kommentar zu einem Buch einer Feministin handelt, hat er da ein bisschen Flankenschutz.

    Mit Verlaub, es ist lächerlich. Diese Art Bücher, die absehbar Kontroversen produzieren, erwecken immer ein bisschen den Verdacht der Geldmacherei. (Unbequeme Wahrheiten!)

    Und man kann sich sicher sein, dass rechte Zeitgenossen diese Lektüre auch gut finden, bedient es doch ihre Narrative.

    Nun, heißt das, dass man die Angelegenheit von linker Seite nicht kritisieren dürfe, nur weil Rechte es tun? Nein, natürlich nicht. Aber wenn man sich dabei anhört wie ein empörter AfDler, Stichwort »Sprachpolizei«, »politische Korrektheit« usw., dann könnte das einen zum Nachdenken anregen.

    Ich meine, wenn schon Antirassismus mit Ethnopluralismus oder Schwarze mit Nazis verglichen werden, dann kann man schon feststellen, dass der Peter Köhler sich wie ein typischer AfDler anhört. Jedenfalls wenn er gegen die Identitätspolitik zu Felde zieht,

    Man kann sich freilich an den Auswüchsen abarbeiten. Bitte tut das, wenn Ihr nichts Besseres zu tun habt. Ich hätte da ein weiteres Beispiel: In einem Theaterstück, in dem es um Rassismus oder jedenfalls Diskriminierung ging, hatten sich Schauspieler geweigert, den Ausdruck »Neger« zu verwenden, also als Schauspieler wohlgemerkt, die einen Rassisten oder Nazi darstellten. Das ist natürlich völlig Banane, einen Rassisten oder Nazi darzustellen, ohne deren Sprache zu verwenden. Aber sich so was rauspicken, um es gegen die böse »Identitätspolitik« zu wenden, ist sehr unredlich und erinnert an Gestalten wie Jan Fleischhauer.

    Und ja, natürlich ist es ebenfalls kompletter Unsinn, abscheuliche Verbrechen wie Vergewaltigungen anders zu bewerten, wenn der Täter Angehöriger einer Minderheit ist. Ich behaupte, das tut niemand in der Linken ernsthaft. Wieder: Solche Argumentation begegnet Ihnen bei jedem AfD-Stammtisch.

    Wenn man ein bisschen zu der Autorin recherchiert, versteht man allerdings. Ein Hauptthema dieser Autorin ist offenbar ihr Kampf gegen »islamistischen Totalitarismus«.
  • Beitrag von Ralf S. aus G. (15. Januar 2021 um 21:09 Uhr)
    Übrigens:

    »Dass sich für einen Schwarzen mit mannigfaltiger Rassismuserfahrung die Situation anders darstellt, darüber ließe sich diskutieren.«

    Ach wirklich? Na immerhin! Obwohl Peter Köhler vermutlich dagegen argumentieren würde.

    Und:

    »Für diesen Fall gibt es an manchen US-amerikanischen Universitäten den ›Safe Space‹, in den sich Studenten zurückziehen können, um sich von der Zumutung einer anderen Meinung zu erholen.«

    Bravo, genau so könnte der Satz auf jedem x-beliebigen rechten Blog stehen. Die linken »Snowflakes«, also zarten Schneeflöckchen, die angeblich vor lauter Intoleranz keine anderen Meinungen ertragen, nur weil sie keinen Bock auf Rassismus und Faschismus oder rechte Provokateure haben, und daher ihre »Safe Spaces« bräuchten.

    Dazu sollte man sagen, dass das abseits der sarkastischen Verwendung des Begriffes tatsächlich Orte für marginalisierte Gruppen sind. Mich deucht hingegen jemand wie Peter Köhler kann mit so was nicht wirklich »connecten«.
  • Beitrag von Ralf S. aus G. (15. Januar 2021 um 22:16 Uhr)
    Ja, es ist ein scheiß Argument, weil es ja mit dem Buch gar nichts zu tun hat, aber ich finde dennoch bemerkenswert: Die Autorin wurde 2014 für ihre Berichterstattung in der Ukraine-Krise gerügt, als sie in einem Beitrag über den Angriff auf das Gewerkschaftshaus in Odessa, bei dem zahlreiche prorussische Aktivisten getötet wurden (der Vorfall dürfte hinlänglich bekannt sein), unkritisch die Angaben von proukrainischen Aktivisten übernommen und behauptet hatte, ukrainischen Geiseln seien die Augen mit einem Messer herausgeschnitten worden, offensichtlich um damit der prorussischen Seite, die ja in dieser Angelegenheit das Opfer war, ein barbarisches Verbrechen unterzuschieben bzw. um das antirussische Narrativ halbwegs aufrechtzuerhalten, wonach ja die Pro-Russen die Bösen und die Pro-Westler die Guten sein müssen.

    Im Nachgang hat sie zwar eingeräumt, dass sie da zu unkritisch die Angaben übernommen habe und eigentlich gar nicht gewusst habe, ob die Angaben stimmten, aber auch klargestellt, dass sie das im wesentlichen nicht bereue, und russische Propaganda für die Kritik an ihr verantwortlich gemacht. Alles in allem wird schnell klar, dass sie stramme »Pro-Westlerin« ist, überzeugt davon, dass der Konflikt in der Ukraine ein Kampf von Gut gegen Böse war, der mit Geopolitik gar nichts zu tun hatte, jedenfalls aus westlicher Sicht, Russland hingegen unterstellte sie Imperialismus. Sie räumte auch die Beteiligung rechtsextremer Elemente am – aus ihrer Sicht – Volksaufstand ein, spielte sie aber herunter.

    https://www.franceculture.fr/emissions/le-rendez-vous-du-mediateur/la-crise-ukrainienne-selon-caroline-fourest-fait-reagir-de

    https://www.lemonde.fr/idees/article/2014/05/14/ukraine-la-victoire-ideologique-russe_4416530_3232.html?xtmc=smolar&xtcr=1

    https://www.huffingtonpost.fr/caroline-fourest/propagande-russe-ukraine_b_5294550.htm

    (Seiten kann man automatisch übersetzen lassen, aber es ist deutlich verständlicher, wenn man es in Englisch übersetzen lässt statt in Deutsch.)

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