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Aus: Ausgabe vom 15.01.2021, Seite 16 / Sport
Beim Fananwalt

Gar nichts ist normal

Von René Lau
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Die Prioritäten der Funktionäre sind klar: Der Ball muss rollen, egal, was es kostet

Neulich bin ich als Fananwalt in einem Podcast gefragt worden, wie es meiner Meinung nach mit dem Fußball nach Corona weitergeht. Das fragen auch viele Fans und Mandanten. Ändert sich ein wenig, wird gar der Fußball nicht mehr wiederzuerkennen sein?

Ich denke, das wird man unterschiedlich bewerten müssen. Viele Fans von Vereinen in den unteren Ligen warten sehnsüchtig darauf, wieder ins Stadion zu können. Sie werden bereits das erste Bier aufmachen, wenn feststeht, dass ihr Klub das Virus überhaupt überlebt – ohne nennenswerte Fernsehgelder, ohne Spiele und Zuschauer, mit einer überschaubaren Anzahl Sponsoren. Es bleibt auch für mich, dessen Herzensverein Regionalliga spielt, zu hoffen, dass das starke ehrenamtliche Engagement dazu führt, dass die allermeisten Klubs überleben werden.

Anders wird es bei den 36 Vereinen aus den höchsten beiden Spielklassen sein. Auch hier wünschen sich alle Fans, wieder ohne Beschränkungen ins Stadion zu können. Bei vielen Anhängern und Mitgliedern dieser Vereine ist aber eine gewisse Lethargie und Enttäuschung zu spüren. Es erschreckt noch immer viele, mit welcher Kaltschnäuzigkeit man nur des Fernsehgeldes wegen im letzten Frühjahr weiterspielte. Im Fußballand wurde damals oft von Demut gesprochen. Davon ist heute nichts mehr zu hören. Das Geschäft läuft, der Fernsehtaler rollt, und alle tun so, als wäre alles normal. Dabei ist gar nichts normal. Ein wichtiger Teil, der Fußball erst zum Fußball macht, die Fans – sie fehlen. Ohne sie wird sich noch so mancher Funktionär in Zukunft wundern. In Zeiten, da in Dortmund »Fantoken« erfunden werden – ein Blockchainsystem, mit dem Fans aus aller Welt für einen Witz an Mitsprache auch noch zahlen sollen, das perspektivisch aber auch bestehende Fangremien aushebeln kann – und Münchener Klubbosse missliebige andere Vereinsfunktionäre nicht am Fernsehgeldtisch haben wollen, ist der Zweifel an einem Willen zur Veränderung groß.

So mancher Fan hat gemerkt, dass ein Leben ohne großen Fußball möglich ist und ein Wochenende nur mit Familie auch schön sein kann. Viele Anhänger werden mit den Füßen abstimmen und sich vom Sportbusiness abkehren. Auch wenn ich allergrößten Respekt vor den Fanvertretern im Projekt »Zukunft Profifußball« habe: Sie werden nicht viel erreichen. Denn die Mächtigen des Profifußballs kümmern sich nur um ihr finanzielles Überleben, und nach dem Virus werden sie genauso weitermachen wie vorher.

Dennoch möchte ich jeden Fan aufrufen, die Funktionäre nicht einfach machen zu lassen. Seid wachsam, bringt euch ein, schaut heute und auch nach Corona den Verbands- und Vereinsvertretern genau auf die Finger. Lasst sie spüren, dass ihr da seid, auch wenn man euch derzeit nicht sieht. Seid unbequem, denn nur so erhalten wir uns gemeinsam unseren Fußball.

»Sport frei!« vom Fananwalt.

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In der Serie Beim Fananwalt:

Sind Geisterspiele nicht das allerletzte? Werden Stadionkurven als Experimentierfelder für Polizeimaßnahmen genutzt? Wie ist es um die Rechtsstaatlichkeit von Sportgerichten bestellt? Solche Fragen beantwortet Rechtsanwalt René Lau ab sofort an jedem Freitag auf der Sportseite der Tageszeitung junge Welt.

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