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Aus: Ausgabe vom 15.01.2021, Seite 16 / Sport
Ski alpin

Ein Winter voller Fragezeichen

Sollte, wäre, könnte: Das Coronachaos hat jetzt auch den alpinen Skiweltcup eingeholt
Von Gabriel Kuhn
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Spaziergänger unter sich: Beim alpinen Skiweltcup ist das Schweizer Bergdorf Wengen schon mal raus

Es war zu erwarten. Das Chaos hat den alpinen Skiweltcup im Coronawinter eingeholt. Und das ausgerechnet vor den klassischen Herrenrennen in Wengen und Kitzbühel. In Wengen im Berner Oberland sollten an diesem Wochenende die erstmals 1930 ausgetragenen Lauberhornrennen stattfinden. Besonders die Abfahrt in Wengen ist legendär. Mit einer Fahrtzeit von rund zweieinhalb Minuten ist sie die längste im alpinen Skizirkus. Die Tausend-Seelen-Gemeinde ist nur per Zahnradbahn zu erreichen. Mehr Idylle geht nicht.

Ganz anders Kitzbühel, das Saint-Tropez der Alpen. Hier trifft sich die Hautevolee auch bei den Hahnenkammrennen, die seit 1931 durchgeführt werden. Politiker lassen sich im Zielraum gerne mit Arnold Schwarzenegger oder dem »Volks-Rock -’n’- Roller« Andreas Gabalier sehen. Allerdings nicht in diesem Jahr. Zuschauer wird es bei den Rennen in Kitzbühel keine geben. Wenn sie überhaupt stattfinden. Aber alles der Reihe nach.

Anfang Januar trafen die ersten besorgten Berichte aus dem Kanton Bern ein. Die Coronazahlen schnellten in die Höhe. Am 10. Januar versicherte jedoch die Gesundheitsdirektion des Kantons, dass die Rennen wie geplant stattfinden könnten. Einen Tag später meldete sie sich noch einmal zu Wort: Die Rennen seien nicht durchführbar. Unter den 1.000 Einwohnern Wengens gäbe es 51 bestätigte Coronafälle.

Nicht einmal eine Stunde später gab der Internationale Skiverband FIS bekannt, dass Kitzbühel die Rennen von Wengen übernehmen würde. Dort sollte nun an zwei aufeinanderfolgenden Wochenenden um Weltcuppunkte gekämpft werden. Der Präsident des Österreichischen Skiverbandes (ÖSV), Peter Schröcksnadel, gab den Retter: »In einer solchen außergewöhnlichen Situationen benötigt es mutige Entscheidungen.« FIS-Renndirektor Markus Waldner dankte Schröcksnadel dafür, »sich voll und ganz für den Sport einzusetzen«. Nun ja. In Österreich sind momentan keine touristischen Nächtigungen erlaubt. Die Hotels in Kitzbühel stehen leer. Den alpinen Weltcuptross für eine Extrawoche zu beherbergen spült Geld in die Kassen der lokalen Betriebe.

Aber: Auch in Kitzbühel wird es an diesem Wochenende keine Weltcuprennen geben. Das österreichische Gesundheitsministerium erklärte am 13. Januar, dass sich in Jochberg, nahe Kitzbühel, ein Cluster der in Großbritannien entdeckten Coronamutation gebildet habe. Unter diesen Umständen könne man keine Erlaubnis für Skirennen erteilen.

Die Hintergründe sind pikant. Zunächst hieß es, der Cluster stehe in Verbindung mit einer Gruppe britischer Staatsbürger, die in Jochberg zum Zwecke ihrer Skilehrerausbildung verweilten. Das jedoch verneinte der Tiroler Skilehrerverband. Wie die österreichische Tageszeitung Der Standard berichtete, handelt es sich um Briten, die bei einer privaten Skischule Lektionen nehmen. Scheinbar sind sie als Einwohner Jochbergs registriert. Nun ermitteln die Tiroler Behörden. Es ist nicht das erste Mal. Im März 2020 wurde das Skitourismus-Mekka Ischgl trotz zahlreicher Warnungen zum europäischen Coronahotspot Nummer eins.

Die ursprünglich in Kitzbühel angesetzten Weltcuprennen vom 22. bis 24. Januar sind noch nicht abgesagt. Dem Tiroler Landeshauptmann Günther Platter zufolge stehe ihnen nichts im Wege, sollte es keine weiteren »Auffälligkeiten« geben – was auch immer das in Zeiten wie diesen heißen mag.

Für die Rennen von Wengen fand die FIS schnell neuen Ersatz. Die Funktionäre sorgen sich um die TV-Gelder. Nun sollen am Samstag und Sonntag in Flachau, im Land Salzburg, zwei Slaloms stattfinden. Einer, den das besonders freuen wird, ist Linus Straßer. Der für die Skiabteilung des TSV 1860 München an den Start gehende Slalomspezialist, der als Sechsjähriger in Kitzbühel seine ersten Skirennen bestritt, lief in den vergangenen Wochen zu Bestform auf. Sieger in Zagreb, Zweiter in Adelboden, eine beachtliche Bilanz. »Endlich«, sagen die Experten. Als Straßer 2013 in den Weltcup einstieg, galt er als große Nachwuchshoffnung. Doch ganz konnte er die Erwartungen nie erfüllen. Zwar gewann er 2017 einen Parallelslalom in Stockholm, doch der sportliche Wert der »City-Events«, die hauptsächlich der Vermarktung des Skiweltcups dienen, hält sich in Grenzen. Straßers beste Plazierung in der Endabrechnung des Slalomweltcups war ein zwölfter Platz in der Saison 2019/20.

Straßers Erfolge sind Balsam für den Deutschen Skiverband. Die Rücktritte von Felix Neureuther und Viktoria Rebensburg, der langjährigen Aushängeschilder des Alpinteams, hinterließen eine enorme Lücke. Speedspezialist Thomas Dreßen, Abfahrtssieger in Kitzbühel 2018, ist nach einer Hüftoperation weiter außer Gefecht. Josef Ferstl, Abfahrtssieger in Kitzbühel 2019, sucht nach seiner Form. Bei den Damen ist ein fünfter Platz von Kira Weidle in der zweiten Abfahrt von Val-d’Isère das bisher beste Saisonergebnis. Lena Dürr schaffte es im Slalom von Zagreb auf Rang acht. Die größte Medaillenhoffnung für die alpinen Skiweltmeisterschaften im Februar in Cortina d’Ampezzo ist ohne Zweifel Straßer. Ob die Weltmeisterschaften überhaupt stattfinden können, ist eine ganz andere Frage.

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