Die junge Welt drei Wochen gratis testen
Gegründet 1947 Mittwoch, 20. Januar 2021, Nr. 16
Die junge Welt wird von 2464 GenossInnen herausgegeben
Die junge Welt drei Wochen gratis testen Die junge Welt drei Wochen gratis testen
Die junge Welt drei Wochen gratis testen
Aus: Ausgabe vom 15.01.2021, Seite 15 / Feminismus
Feministische Geschichte

Frauen, Arbeit und Klasse

Rolle der Reproduktionsarbeit im Kapitalismus. Analytische Einblicke in verschiedene Epochen
Von Eleonora Roldán Mendívil
imago0097150285h.jpg
Feminisierte, nicht entlohnte Reproduktionsarbeit als Grundlage kapitalistischer Produktion (Deutschland, 1920er)

Die sogenannte Frauenfrage ist seit den Anfängen sozialistischer Organisierung eine zentrale Frage. Wie sie jedoch beantwortet wird, führt immer wieder zu Reibungen und Widersprüchen. Susan Ferguson, Professorin für Digitale Medien und Journalismus an der kanadischen Wilfrid-Laurier-Universität, hat nun ein kompaktes, bisher nur in englischer Sprache erhältliches Taschenbuch vorgelegt, das verschiedene Diskussionsstränge westlicher Debatten um die Frauenfrage und die Frage sozialer Reproduktion beleuchtet. Dabei werden die neusten Erkenntnisse auch aus antirassistischen und intersektionalen Diskussionen für ein aktualisiertes marxistisches Verständnis von Klasse und Geschlecht einbezogen.

Ferguson geht zurück zur »Querelle des femmes« des frühen 15. Jahrhunderts in Frankreich. Der »Streit der Frauen« bezeichnet eine vier Jahrhunderte andauernde intellektuelle Debatte über die Rolle der Frau in der Gesellschaft. Die Schriftstellerin und Philosophin Christine de Pizan stieß diese bereits 1405 mit ihrer Polemik »Das Buch von der Stadt der Frauen« an. In diesem schildert die Witwe eines royalen französischen Sekretärs, wie Mädchen und Frauen nicht von Natur aus weniger kompetent als Männer sind, sondern von der Gesellschaft zurückgehalten werden. Gerade die Arbeit im Haushalt minimiere ihre Möglichkeiten, durch Erfahrungen und Aktivitäten ihre Vorstellungskraft zu erweitern. Für de Pizan stand fest, dass das weibliche Geschlecht genauso klug ist wie das männliche.

Die sich ausbreitende und rasant weiterentwickelnde kapitalistische Produktionsweise veränderte auch die Geschlechterverhältnisse. Der Staat strebte eine gesellschaftliche Bevölkerungskontrolle und die Planung der Arbeitskraft von morgen an. So wurden in ganz Europa im 15. und 16. Jahrhundert Gesetze erlassen, die Betteln, Prostitution, »Hexerei« und bestimmte religiöse Gruppierungen kriminalisierten. Die Familie wurde als Instrument der sozialen Kontrolle gestärkt: Hatten bis Ende des 14. Jahrhunderts Arbeiterinnen, Mieterinnen und Handwerkerinnen sich selbst in Gerichtsverhandlungen zu Schulden und Eigentum vertreten sowie viele Frauen ohne Trauschein mit Männern zusammengelebt, entzogen ihnen die neuen Gesetze im Spätmittelalter viele dieser Unabhängigkeiten.

Der »Gleichheitsfeminismus«, der ab dem späten 18. Jahrhundert durch Autorinnen wie Mary Wollstonecraft (1759–1797) sowie andere radikaldemokratische Frauenrechtlerinnen in Europa und Teilen seiner Kolonien Verbreitung fand, hatte rational-humanistische Wurzeln. Er entwickelte die Kritik der geschlechtlichen Arbeitsteilung, die Frauen an das Heim kettete und sie von Männern abhängig machte, weiter. Diesem Gleichheitsfeminismus lag kein Klassenverständnis zugrunde, Wollstonecraft und ihre Mitstreiterinnen hatten kein Problem mit der Auslagerung eines Großteils der Hausarbeit auf schlechtergestellte Frauen. Dementsprechend verwundert es wenig, dass die Ikone des westlichen Feminismus ganz in bürgerlicher Manier kapitalistische Eigentumsverhältnisse hochhielt.

Den bürgerlichen Gleichheitsfeminismus sieht Ferguson als Vorgänger zweier Formen eines sozialistischen Feminismus: des kritischen Gleichheitsfeminismus und der feministischen Kritik an sozialer Reproduktion. Analytisch sauber arbeitet die Autorin Veränderungen in den Beobachtungen und politischen Schlüssen der zentralen Figur des wissenschaftlichen Sozialismus heraus, indem sie Friedrich Engels’ »Die Lage der arbeitenden Klasse in England« (1845) und sein 39 Jahre später erscheinendes »Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates« (1884) gegenüberstellt. Anfangs von einem patriarchalen Frauenbild geprägt, entwickelte Engels eine emanzipatorische Theorie, die die gleichberechtigte Teilhabe der Frau in allen gesellschaftlichen Bereichen forderte. Sozialistisch-feministische Ansätze verorten Geschlechterverhältnisse im gesamtökonomischen Rahmen: Patriarchale Arbeitsteilung und die damit einhergehende Unterdrückung von Frauen ist durch die Form der Produktion bestimmt und kann nur gemeinsam bekämpft werden.

Was die Funktion sogenannter Hausarbeit für die kapitalistische Produktionsweise betrifft, ist laut Ferguson zwischen zwei Richtungen zu unterscheiden. Auf der einen Seite stehen demnach kritische Gleichheitsfeministinnen, die ihre Theorie zwar um eine Klassenanalyse ergänzen, sich jedoch nicht mit Arbeit als Kategorie und mit sozialer Reproduktion als Grundlage kapitalistischer Produktion beschäftigen. Auf der anderen verortet Ferguson solche Feministinnen, deren Fokus auf der sozialen Reproduktion liegt. Die Frage, ob Reproduktionsarbeit wertschaffend sei, steht dabei im Zentrum der Auseinandersetzung.

Ferguson vertritt dabei die Schule der US-amerikanischen Marxistin ­Lise Vogel: Reproduktionsarbeit schafft keinen Wert, stellt aber als Teil der kapitalistischen Gesamtproduktion ein wichtiges Feld von Klassenkämpfen dar, wie es sich zum Beispiel in historischen und gegenwärtigen Miet- und Bildungskämpfen ausdrückt. Genau solche Kämpfe werden von der Autorin damit in den Fokus für ein sozialistisch-feministisches Verständnis von Gesellschaft gerückt – eine Bereicherung für zeitgenössische marxistische Analysen.

Susan Ferguson: Women and Work. Feminism, Labour and Social Reproduction. Pluto Press, London 2020, 175 Seiten, 19,99 Euro

Teste die Beste linke, überregionale Tageszeitung.

Kann ja jeder behaupten, der oder die Beste zu sein! Deshalb wollen wir sie einladen zu testen, wie gut wir sind: Drei Wochen lang (im europ. Ausland zwei Wochen) liefern wir Ihnen die Tageszeitung junge Welt montags bis samstags in Ihren Briefkasten – gratis und völlig unverbindlich! Sie müssen das Probeabo nicht abbestellen, denn es endet nach dieser Zeit automatisch.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Monika Bootz: Anmerkung Zum gleichen Thema erschien 2016 im Mandelbaum-Verlag »Feministische Ökonomie. Eine Einführung«, herausgegeben von Bettina Haidinger und Käthe Knittler. Darin zeigen sie die Untersuchungen einer Reihe...
  • Heinrich Hopfmüller: Reproduktionsarbeit ohne Wert? Ja, was denn dann? Geht das Produkt der Reproduktionsarbeit nicht irgendwann arbeiten und verkauft seinen Wert unter Preis (muss seinen Wert unter Preis verkaufen), um Mehrwert zu schaffen? Man eröffn...
  • alle Leserbriefe

Mehr aus: Feminismus