Dein Onlineabo Kuba & Sozialismus
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Aus: Ausgabe vom 15.01.2021, Seite 12 / Thema
Literatur

Dem Schlachthaus die Stirn

Christian Geisslers Menschenliebe von »Kalte Zeiten« bis »kamalatta«
Von Klaus Weber
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Entgegen den glänzenden Verheißungen der Werbeindustrie, die sich als schal und trist erweisen, heißt Liebe bei Christian Geissler Tätigkeit, heißt unbedingt Befreiung aus der fesselnden Logik dieser Produktionsweise

Am 6. November 2020 fand – unter Coronabedingungen als Onlineveranstaltung – in Kooperation mit dem Literaturforum im Brecht-Haus und der »Hellen Panke« die Tagung der Christian-Geissler-Gesellschaft statt. Im folgenden drucken wir eine überarbeitete Fassung des dort gehaltenen Referats von Klaus Weber über Menschenliebe bei Geissler. Im kommenden Jahr werden die Beiträge als Buch im Verbrecher-Verlag erscheinen. Wir danken Verlag und Autor für die freundliche Genehmigung zum Abdruck.(jW)

I. Meine Geissler-Geschichte

Und ist doch so, dass du die Tür aufreißen

möchst und soviel Verlangen hast in Dir drin,

dass dir Flügel herauswachsen müssten

(Marieluise Fleißer 1972)

Es muss im Herbst 1988 gewesen sein, dass ich mir »kamalatta« (Roman von Christian Geissler, jW) zulegte. Nach einer Erzieherausbildung konnte ich abiturlos studieren; täglich die Frankfurter Rundschau und wöchentlich die Deutsche Volkszeitung lesend, hatte ich schon einige politische »Stationen« hinter mir: Mitglied der Katholischen Jungen Gemeinde, die der damalige Bundestagsabgeordnete der CSU, Hans Graf Huyn, einen neomarxistischen Stoßtrupp nannte, was mich – mehr auf Marxismus und weniger auf die Truppe – neugierig machte. Ein, zwei Jahre später in die SPD: rein, weil Arbeiterkind – raus wegen der Nachrüstung. Gewerkschaft: rein, weil Arbeiterkind – bis heute geblieben.

Als Lesezeichen meiner alten »kamalatta«-Ausgabe diente ein Zeitungsschnipsel, den ich weder mit Herkunft noch mit Datum beschriftete. Heute weiß ich, dass er vom April 1989 sein muss. Darauf zu lesen eine Erklärung von Christian Geissler, der mit Sabine Peters im Hungerstreik war, um die politischen Gefangenen zu unterstützen. »wir werden menschen sein« steht dort als Überschrift¹ – im Text finde ich das Wort Schlachthaus, ohne zu verstehen, wofür es steht: »aber jetzt bin ich alt. jetzt schrei ich mit leeren händen. im schlachthaus die beschwörung allein nur noch mit meinem körper. der ist nicht groß und ist nicht stark.« Geisslers Schlachthaus: die BRD, die »Ordnung der Killer«. Dagegen setzt er einen imaginierten »riesigen körper lebendiger menschen. körper aus uns. der das leben liebt gnadenlos praktisch jetzt gegen die ordnung der killer.«

Nicht um Körper, Liebe, Leben allein geht es Geissler, vielmehr um diejenigen, die wissen, dass die gesellschaftliche Ordnung in unseren Ländern tötet, Tag für Tag. Gegen diese Ordnung und die, die sie in tagtäglicher Tat aufrechterhalten, gegen das »Pack«, ist die Liebe gesetzt. Dem Schlachthaus die Stirn: die Liebe. Dass aber die Liebe nicht allein das »miteinander verflochten, Lust und Glück«² sein darf, nicht nur der Rückzug ins Private, ins reine Genießen, in nur romantisches Sehnen ohne Weltanschluss, sondern dass die Liebe das Glück aller Menschen als Grundlage erheischt, um Glück zu sein, ist für Christian Geissler eine Selbstverständlichkeit.

Es liefert die hebräische Bibel (die Geissler im Literaturgepäck stets mit sich trägt) dazu die Vorlage: »Es gibt kein in allem Tun gründendes Glück, es sei denn, ein jeder freut sich« (Kohelet 3,12). Die Liebe also – was soll das sein?

II. Liebe als Produktion gegen das Pack

schwimmen denn wir nicht von

ufer zu ufer, unsere geschichte

könnte uns tragen zusammen an

helle plätze und buchten

(aus »kamalatta«)

Marx schreibt zu Liebe, doch wer weiß das? Unmöglich zu vermuten, dass gerade in einem Text, der »Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie« heißt, dazu das Wichtigste zu finden ist: Die Entfremdungserfahrung der Menschen in kapitalistischen Verhältnissen ist allseitig – sie entfremdet uns von der Natur, von uns selbst, von unseren körperlichen Bedürfnissen und zuletzt von den anderen Menschen –, so sind die Möglichkeiten zu »menschlichem« Arbeiten, Leben und Lieben kaum gegeben. »wir werden menschen sein« – Geisslers in vielen Texten zu lesendes Credo, das von Ernst Bloch sein könnte – meint exakt diese Entfremdungserfahrung.

An diesem Punkt kommt die Liebe ins Spiel: Wenn Selbst- und Weltliebe in einem wechselseitigen Verhältnis stehen, so wird beim Lesen der Marxschen Ausführungen klar, dass wir auch in der Liebe (die für Marx eine »Produktion«, ein gemeinsames »Herstellen« ist) weder zu uns noch zu anderen noch zur Welt finden; zumindest in einer Gesellschaft, in der wir tagtäglich uns verkaufen müssen für einen Zweck, den wir entweder nicht verstehen oder nicht billigen. Weil aber die Liebe zu uns, zu den anderen und zur Welt in einer unliebsamen Gesellschaft kaum verwirklichbar ist, wird sie – idealistisch oder romantisch – verklärt bzw. in die Form körperlicher Lust und Sexualität verschoben. Marx sieht Liebe weder als etwas nur Sexuelles noch als etwas rein Platonisches: Sollten – in einer kommunistischen Gesellschaft – unsere menschlichen Fähigkeiten und Bedürfnisse jenseits der profitorientierten Produktion zum Zuge kommen, können Liebe und Menschlichkeit erst entwickelt werden. Wenn Karl Marx vorgeworfen wird, seine Schriften und Pamphlete seien hasserfüllt und voller Verachtung und Gnadenlosigkeit, so stimmt dieser Vorwurf in bezug auf gesellschaftliche Verhältnisse, welche uns das Menschsein verunmöglichen.

Wilhelm Liebknecht drückte an Marxens Grab den Gedanken so aus: »Sein Hass war der Liebe entsprungen.« Einer derjenigen, der Marx’ Gedanken zur Liebe produktiv aufgenommen hat, ist Bertolt Brecht. Der auf den ersten Blick absurde Gedanke, Liebe sei »eine Produktion«, wird von ihm in »Me-Ti. Buch der Wendungen« erklärt: »Sie verändert den Liebenden und den Geliebten, ob in guter oder in schlechter Weise. (…) Den Besten gelingt es, ihre Liebe völlig in Einklang mit anderen Produktionen zu bringen; dann wird ihre Freundlichkeit zu einer allgemeinen (…) und sie unterstützen alles Produktive.« Wenn Brecht von den »Besten« schreibt und von deren »freundlichen Produktionen«, meint er nicht diejenigen, die Liebe als Leistungssport begreifen, sondern diejenigen, die wissen, wie gesellschaftliche Verhältnisse so zu verändern sind, dass die Liebe über eine Zweisamkeit hinausführt ins Gemeinwesen. Wenn die Liebe die privatisierte Humanität ist, so ermöglichen menschliche Verhältnisse eine Erweiterung unserer Liebesfähigkeiten. Das heißt für das Lieben: In einer Gesellschaft, in der Neid, Habsucht, Konkurrenz und Ausbeutung nicht existieren, ist die »Produktion von Liebe« eine selbstverständliche Möglichkeit. »Es geht alle Liebe nur fleißig«, schreibt Geissler in »kinder essen«, einem Liebeslied. Wie schrecklich: sich Liebe zusammendenken zu sollen mit Fleiß, der eltern- und lehrersprachlich ins ungeliebte Schulkorsett zwängt, zu dem im Wörterbuch weitere ungeliebte Erläuterungen wie »tatkräftiges Streben« und »jedes Ziel muss erarbeitet werden« zu finden sind. Wenn wir Lieben als Tätigkeit denken, die – im Gegensatz zu den Verheißungen auf Onlineplattformen wie parship.de – unbedingt mit Befreiung aus den fesselnden Logiken des Packs sowie dem Politischen zusammenzudenken ist, dann ist sie ein unabschließbares Tun, das als Vorschein einer gerechteren Welt zur Menschenproduktion schlechthin gehört: »also ist produktion / auf allen ebenen / genau das, was wir wollen – / kein produktionsprozess, und erstrecht der (…) prozess der befreiung geht ohne scharfe zielsetzung (…) gut«.³

Zurück zu Karl Marx und den Anfängen seines Denkens. Weil für ihn der Mensch sich und die Wahrheit »in der Praxis (…) beweisen« muss – wie es in den Feuerbach-Thesen heißt – und weil das »Aendern der Umstände u. der menschlichen Thätigkeit od. Selbstveränderung« zusammenfallen, ist die Liebe zu sich, zu anderen und zur Welt sowohl Voraussetzung als auch Ziel unserer Handlungen, die in eine gerechte, lebens- und liebenswerte Zukunft führen sollen. Insofern haben Marx und Brecht mit ihrem Produktionsbegriff in bezug auf die Liebe recht. Sie ist als etwas »Herzustellendes« – als gesamtgesellschaftliche Haltung – in der täglichen Arbeit unter entfremdeten Verhältnissen gemeinsam mit anderen zu machen, ohne dass das Ziel innerhalb dieser Verhältnisse erreicht werden könnte. Doch einen »Vorschein einer besseren Welt«, wie Ernst Bloch es nennt, können wir im gewerkschaftlichen, politischen, sozialen und kulturellen Arbeiten erzeugen – auch wenn uns bei dieser Arbeit stets ein starker Gegenwind ins Gesicht bläst, hergestellt von denjenigen, die das warenförmige Glück dem allgemeinen Glück und der allgemeinen Liebe vorziehen.

III. Der Einsatz: Schreiben

Wenn du Marxist bist, wird niemand deine Romane lesen.

(Dietmar Dath)

Immer weniger Menschen lesen, immer weniger Menschen schreiben, und immer weniger Menschen lesen Texte, die geschrieben sind wie die von Christian Geissler. Als Peter Handke 1966 auf der Princetoner Tagung (USA) der Gruppe 47 und ihren Autoren (die weibliche Form erübrigt sich) mangelnde Fähigkeit zur Beschreibung der wirklichen Verhältnisse vorgeworfen hatte (»Beschreibungsimpotenz«), begründete er seinen Vorwurf in der Juniausgabe der Zeitschrift Konkret: »Die Sprache wird nur benützt. Sie wird benützt, um zu beschreiben, ohne dass aber in der Sprache selber sich etwas rührt. Die Sprache bleibt tot, ohne Bewegung, dient nur als Namensschild für die Dinge.« Wer heutzutage deutsche Belletristik liest (Kehlmann, Zeh, Maron, Enzensberger, Walser, Tellkamp, Menasse, Kumpfmüller, Runge, Schulze etc.), der kann nicht nur eine Beschreibungsunfähigkeit – was die gesellschaftlichen Verhältnisse betrifft – feststellen, sondern eine fast vollständige Unfähigkeit, Sprache so zu schreiben, dass Widerständigkeit, Unmittelbarkeitsüberschreitung oder gar Befreiung aus und in den Verhältnissen spürbar würde. Alles tote Materie, sozialdemokratisch freundlich beschriebene Probleme desinteressierter Mittelschichtakademiker, die im luftleeren Raum lebend ihre Beziehungs- und Büroprobleme ausbreiten, um sich dann in der warenförmigen Wirklichkeit einzurichten oder sich zu suizidieren. Und da sind nicht wenige vom DDR-Bashing profitierende Antikommunisten, deren liberales Geschwätz sich zu Großromanen aufbläst, die im deutschen Feuilleton (FAZ, SZ, Tagesspiegel etc.) in die Nähe Thomas Manns gerückt werden. Keine Reflexion, keine Bewegung, keine Widersprüche, kein Schmerz im Nachdenken über das Elend des Systems. Bei Christian Geissler dagegen: Jeder Satz eine Zumutung. Wer sich auf seine Texte einlässt, entkommt keinesfalls der Schwierigkeit, nachzudenken, zu prüfen und – auch das passiert – sich und die Welt ändern zu wollen: »es wird aber darauf ankommen, mehr zu wissen, auch wenn es schmerzt, sonst wird uns die angst gefangen halten, und mehr zu wissen heißt mehr zu fragen, denn die ursache unserer mutlosigkeit und angst ist die weigerung zu lernen, was ist« (ka/192).

Geisslers Sprache beschreibt nicht einfach die Menschen und ihr Leben in der Produktion dieses Lebens oder im Befreiungshandeln; sie konstituiert eine Wirklichkeit, die die Möglichkeit von »Liebe, Leben, auch Schönheit« als Gegenpole zum vom Pack vorgegebenen Sich-zu-Tode Rackern im Ausbeutungssystem entwirft, wie Stefan Ripplinger das »romantische fragment« »kamalatta« interpretiert: »Oft genug ist es schwierig, die Melodielinie zu erfassen, aber die harmonischen Wechsel teilen sich überall mit, und durch alles laufen streng gehaltene, synkopierte Rhythmen.«⁴ Geissler nimmt – wie Jasper Nicolaisen schreibt – »das Unverständnis in Kauf«⁵, weil er es mir und uns nicht leicht machen will, die umschriebenen Situationen und die Reden seiner Subjekte leichtfertig und schnell zu vergessen. Wer Christian Geisslers Texte liest – was nur bei hellem Bewusstsein funktioniert –, wird feststellen, dass es nicht um Unterhaltung geht, sondern – in den Worten Dietmar Daths, der die kleinbürgerlichen Feuilletonisten parodiert – »um Manie, Verstiegenheit, Wahnsinn«.⁶ Geisslers Texte erzeugen Feindschaft: »Die Feindschaft (…) besteht zwischen (ihm) und denen, die anderer Leute Arbeitskraft kaufen.«⁷ Seit ich Geisslers Texte lese, erzeugen sie langanhaltenden Zorn und Befreiungslust und den Wunsch, die Menschen würden ab und zu mit sich und mit anderen so reden, wie Christian Geissler schreibt.

IV. »die wirklich existierenden, thätigen Menschen«

diese schönheit aus liebe und lernen.

es gibt keine rettung,

aber es gibt unsre liebe.

(aus »kamalatta«)

Diejenigen, welche die Politiker die »Menschen draußen im Land« und »die kleinen Leute« nennen, sind in Geisslers Texten weder draußen noch klein. Jeder und jede schleppt seine/ihre Geschichte mit, zieht daraus Kraft oder erleidet kleine oder große Not. Was Marx und Engels wussten, was Geissler wusste, was wir vielleicht wissen, ist: »Wir müssen bei den voraussetzungslosen Deutschen damit anfangen, dass wir die erste Voraussetzung aller menschlichen Existenz (…) constatieren, nämlich die Voraussetzung, daß die Menschen im Stande sein müssen zu leben, um ›Geschichte machen‹ zu können. Zum Leben gehört vor Allem Essen & Trinken, Wohnen, Kleidung & noch einiges andere.«⁸ So leben in Geisslers Texten wirkliche Menschen, sie essen, sie trinken, sie lieben und streiten sich – und sie sind in die Ketten des Broterwerbs oder in andere Ketten gezwungen. Geisslers »Dichtungen sind Brandwunden der Erfahrung« in »dieser Welt mit der Härte von Vorschriften, Knochen und gemeißelten Zähnen«⁹, wie es so schön unschön in einem Essay zu Marieluise Fleißer heißt. Ihre Dichtungen, ihre Theaterstücke stellen die Frage nach dem Zustand der menschlichen Beziehungen, genauer, »die nach dem Zustand der Liebe«.¹⁰ Und wie bei Christian Geissler wird bei Fleißer die Unmöglichkeit, in Ausbeutungsverhältnissen Mensch werden zu können, zum Thema: »Du hast mich nicht aufwachsen lassen wie einen Menschen«¹¹, heißt es an einer Stelle in »Fegefeuer aus Ingolstadt«: »Klagen, dass der Mensch auf seine Menschlichkeit nicht kommt«,¹² ist weder bei Fleißer noch bei Geißler zu hören. Wo die bayerische Autorin in der Beschreibung der Menschen in unerträglich-bayerischen Verhältnissen eine Sprache erfindet, die keinen Ausweg aus dem Elend zeigen kann, finde ich bei Christian Geissler wenn nicht einen Weg, so aber eine Zielbestimmung: ein kommunistisches, solidarisches Leben in einem Gemeinwesen, das Glück, Arbeit und Liebe für alle verspricht – ohne Entfremdung. Das Elend seiner Protagonisten schreibt er, als würde er es aus ihnen herausstreicheln wollen.

Am Ende von »Kalte Zeiten« wird der proletarische »Aufsteiger-Möchtegern« Ahlers in seiner Unfähigkeit, Renate zu lieben, in all seiner Hilflosigkeit gezeigt: »Er wollte noch etwas sagen, aber er konnte nicht reden, war stumm, als läge er da, Steine auf seinem Mund. Wo kann man hier raus. Er sah zur Tür, er hätte sie öffnen können. Er sah das Fenster, das Fenster war nicht vergittert. Ums Haus war keine Mauer gezogen. Keinen Aufpasser gab es, keine Kontrollen, keine Strafe. Verdammt, wo kann man hier raus. Aber nicht einmal das, kein Ton. Er fror.« In »kamalatta« sind es die Eltern Jojos, die nicht an den Sohn im Knast denken wollen, sondern »jojo mit seppelhut, jojo mit schulzuckertüte, jojo verprallt im turnerhöschen, jojo geschlipst zur konfirmation«; und die fragen: »was haben wir falsch gemacht.« Proff ist es, der die beiden »einfachen Leute« einfach sein lässt, und Geissler zeigt in der Schilderung ihrer »Armseligkeit« sein Verständnis der Lage, in der sie leben: die »verbückt worden waren in lebenslang fremde arbeit, verschraubt in die lüge vom leichteren leben, verrenkt in verkaufte sehnsucht, verhöhnt nach plan, geschunden. wer hat euch so festgebunden. es gibt kein verbrechen, nur was sie euch jeden tag tun. verrat. / aber es war dem vater nicht sichtbar, was ihn am audi draußen verrät, der mutter der tod nicht im kasten. wie ein schmuckkästchen hatte sie alles geführt, wie ein mann hatte er seine pflicht getan«.

V. Und Feindesliebe?

alles ist gut, wenn wir so langsam sind,

dass wir keine zeit verlieren

(aus »kamalatta«)

In »Dissonanzen der Klärung«, in »Winterdeutsch«, auch in »kamalatta« und allen Texten ist zu oft die Rede von Schweinen: »im sieg der schweine / unser ernst ums leben«, »im sieg der schweine / aber wir selbst«, »wer sind wir dann jetzt / kampf oder schwein?«, »die schweine wollen es so von uns, und sie machen es so mit uns, von klein an«. Zu oft: Nicht nur, weil Christian Geissler in vielen Sätzen und Nebensätzen Tiere, freundlich und wohlwollend, erwähnt: den Fuchs, den Pirol, die Kühe, die Gänse, Fische vielerlei Art – und alles, was er besser kennt als die meisten von uns. Zu oft: Weil die Ordnung der Ausbeutung und der Herrschaft damit ein Gesicht bekommt, das in die Irre führt. Keine Frage: Auch Strukturen, Systeme, Ordnungen, unmenschliche erst recht, werden von Menschen gemacht und von Menschen aufrechterhalten. Im frühen Fernsehspiel »Schlachtvieh« sind das die Zugpassagiere (in einem Zug nach Nirgendwo) auf dem Weg zum Schlachthaus. Am Ende werden sie nicht geschlachtet (was ich als Leser befürchtete), sondern sie werden zu Schlächtern: »Metzger passieren das Bild. Sie wenden sich um. Sie haben die Passagiergesichter«, heißt es in der Regieanweisung. Vom Abschiebebeamten zum Bundeswehr-Killer zur Rüstungsmanagerin: »Unter der Aufsicht von Buchhaltern bekommen Verbrechen den Stil, den wir lieben: Ordnung und Präzision. Da vertraut man gern.« Und doch: Wer die Manager des Ausbeutens und Killens zu Unmenschen macht, in der Sprache, im Handeln, schließt sie aus, macht sie zu Objekten; zu Objekten der Verachtung, der eigenen Überlegenheit, der möglichen Tötung. Zu unserer Arbeit gegen die Ordnung von Ausbeutung und Tötung gehört das Wissen um die von Marx im »Kapital«-Vorwort so treffend beschriebenen »Charaktermasken«, »soweit sie Träger von bestimmten Klassenverhältnissen und Interessen sind«, die er nicht »verantwortlich machen« will »für Verhältnisse, deren Geschöpf(e) (sie) sozial bleib(en), sosehr (sie) sich auch subjektiv über sie erheben« mögen.

Dorothee Sölle, Theologin ohne Gott und feministisch-marxistisch arbeitend für das Himmelreich auf Erden, will bei aller Abneigung gegen die Taten der »Schweine« nicht vergessen, dass sie Menschen sind: »weil für die befreiung / brauchen wir alles was wir haben / auch die religion / für die befreiung / brauchen wir mehr als das was wir haben. Ich möchte unsere feinde nicht nur entmachten / ich würde sie gern lieben können / sie sollen doch in unser lager kommen / bekehrt werden / für die befreiung«.¹³ Trotz Feindschaft, die wir manchmal glauben erklären zu müssen, die Frage: Ergibt es Sinn, die Handlanger der Herrschaft »Schweine« oder »Affen« zu nennen? Michael erzählt Susette in »kamalatta« vom »halbtoten opa, arbeitslos«, dem ein Beamter im Bezirksamt – aus Versehen? – einen gefälschten Freifahrtschein für den ÖPNV abstempelte. Der alte Mann unterlässt alles, was dem Beamten Schwierigkeiten machen könnte. Und warum? »für uns die beamten sind mehr alles schweine, sind ja auch derbe pisser dazwischen meistens, aber egal, der alte weiß, der stempelmax hängt genau so weit unten wie wir, also macht er das solidarisch, auch noch den trick« (ka/458).

VI. Erste/letzte Liebe: Die Menschen, alle

Die erste Zeit einer Liebe:

Man fängt sich selbst noch einmal an

(Sabine Peters)

In »Winterdeutsch« schreibt Geissler: »wir haben unsere erste liebe nicht vergessen« (1461), und nennt als Quelle die Offenbarung des Johannes. Dort steht geschrieben: »Ich werfe dir aber vor, dass du deine erste Liebe verlassen hast.« Geissler hat seine erste Liebe weder vergessen noch verlassen: die zu den tätigen, lebenden und in die Kämpfe der Zeiten eingelassenen Menschen; egal, ob sie – wie Sabine Peters schreibt – ihr »ganzes Leben brauchen, um die Wunden der Kindheit zu heilen«¹⁴, ob sie – wie Ahlers und wie Jojos Vater und Mutter in Bayern – sich verstrickt haben in ein undurchschautes Geflecht von freundlicher Ausbeutung und Plastikfreude. Für sie alle gilt das Bloch-Wort: »Wie nun? Ich bin. Aber ich habe mich nicht. Darum werden wir erst.« Geissler würde ergänzen: »Wir werden Menschen sein.«

Anmerkungen

1 Abgedruckt unter der Überschrift »geschrei« in: Prozeß im Bruch. Schreibarbeit Februar 89 bis Februar 92. Musik mit Singstimme und Trommel. Hamburg 1992

2 Sabine Peters: Feuerfreund. Göttingen 2010

3 Christian Geissler: Winterdeutsch. Zweite Flugschrift. Die Aktion Heft 89/92. Hamburg 1992, S. 1462

4 Stefan Ripplinger: Kommt, reden wir zusammen … In: junge Welt, Beilage Literatur, 14.10.2020

5 Jasper Nicolaisen: »So allein wie hier, bin ich lieber allein«. In: Konkret 11/2020. S. 52–53

6 Dietmar Dath: Stehsatz. Eine Schreiblehre. Göttingen 2020, S. 88

7 Ebd.

8 Karl Marx und Friedrich Engels (1845): Deutsche Ideologie. Manuskripte und Drucke. Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) I/5. Berlin/Boston 2017, S. 26

9 Günther Rühle: Leben und Schreiben der Marieluise Fleißer aus Ingolstadt. In: Ders. (Hg.): Marieluise Fleißer. Gesammelte Werke. Erster Band. Dramen. Frankfurt am Main 1972, S. 5–60, hier S. 58f.

10 Ebd., S. 48

11 Marieluise Fleißer: Fegefeuer in Ingolstadt. In: Günther Rühle (Hg.), a. a. O., S. 61–125, hier S. 64

12 Rühle: Leben und Schreiben, a. a. O., S. 47

13 Dorothee Sölle: schwierigkeiten mit chuck ’n’ freddy. In: Argument 314 (2015), S.465–468, hier S. 468

14 Sabine Peter, a.a. O., S. 36

Klaus Weber schrieb an dieser Stelle zuletzt in der Ausgabe vom 27. Oktober 2020 über die reaktionäre Philosophie von Peter Sloterdijk und Marc Jongen.

Die Christian Geissler Gesellschaft e.V. hat sich zum Ziel gesetzt, seine Werke wieder zugänglich zu machen, und fördert Veranstaltungen und Fachtagungen. Sie unterstützt auch die Christian-Geissler-Werkschau, die seit 2013 im Verbrecher Verlag erscheint. Im Verbrecher Verlag erschienen bislang die Bände »Wird Zeit, dass wir leben« und »Kalte Zeiten/Schlachtvieh«, sowie »Das Brot mit der Feile« und »kamalatta«.

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