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Aus: Ausgabe vom 15.01.2021, Seite 6 / Ausland
Arbeitskämpfe

Zeichen stehen auf Widerstand

Zunehmend Arbeitskämpfe in Großbritannien wegen Auswirkungen der Coronakrise
Von Christian Bunke, Manchester
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Der ehemalige Generalsekretär von Unison, David Prentis, auf einer Konferenz am 21. Juni 2011 in Manchester

Die wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen der Coronakrise in Großbritannien sorgen für Unmut in der arbeitenden Bevölkerung. Der schlägt mit Beginn des neuen Jahres zunehmend in Widerstand um. In der Kleinstadt Barnoldswick in der nordenglischen Grafschaft Lancashire streikten 350 Beschäftigte über neun Wochen gegen die drohende Schließung einer Turbinenfabrik von Rolls-Royce. Am Donnerstag machte sich ihr Einsatz bezahlt, der Konzern unterschrieb einen zehnjährigen Standortsicherungsvertrag. Ein weiteres Beispiel ist der am 7. Januar begonnene Arbeitskampf von 20.000 Beschäftigten des Energieriesen British Gas. Der will seine Angestellten kündigen und mit deutlich schlechteren Dienstverträgen neu anstellen.

Das bislang deutlichste Kampfsignal kam aus dem Bildungsbereich. Hier verweigerten aufgrund der hohen Infektionsgefahr in den Schulen Tausende Lehrerinnen und Lehrer die Rückkehr in die Unterrichtsräume. Dafür machten sie sich einen Paragraphen des britischen Arbeitsrechts zunutze, der es Beschäftigten erlaubt, die Arbeit zu verweigern, wenn dadurch ein unzumutbares Gesundheitsrisiko entsteht. Da die Kampfmaßnahme rasche Verbreitung fand, sah sich Premierminister Boris Johnson schließlich gezwungen, die Schulen bis Februar geschlossen zu halten, anstatt sie wie ursprünglich geplant schon Anfang Januar wieder zu öffnen.

Neben der Bildungsgewerkschaft NEU waren auch Aktive der Großgewerkschaft Unison an der Mobilisierung beteiligt. Unison organisiert Angestellte im öffentlichen Dienst sowie im Gesundheitsbereich. Ihre 1,2 Millionen Mitglieder standen in den vergangenen Jahren im Zentrum zahlreicher sozialer Auseinandersetzungen und waren mit am stärksten von den staatlichen Kürzungsprogrammen seit der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise der Jahre 2008/09 betroffen. Als Sozialarbeiter, Pflegekräfte und schulisches Personal gehören sie zu jenen, denen zu Beginn der Pandemie enthusiastisch Beifall geklatscht wurde. Trotzdem plant die britische Regierung für dieses Jahr eine Nullohnrunde.

Angesichts des größtenteils durch gewerkschaftliche Graswurzelstrukturen organisierten Widerstands der vergangenen Wochen scheint hier Ärger vorprogrammiert zu sein. Zur Wahrheit gehört jedoch auch, dass die Großgewerkschaft Unison im vergangenen Jahrzehnt oftmals eine zögerliche und blockierende Haltung zu Kampfmaßnahmen eingenommen hat. Wesentlich dafür verantwortlich war der langjährige, nun in Rente gehende Generalsekretär David Prentis sowie große Teile des ihm zuarbeitenden Hauptamtlichenapparats. Prentis war beileibe kein Verbündeter des Linkspolitikers Jeremy Corbyn. Zwischen den Hauptamtlichen der Labour-Partei, die seit 2017 systematisch gegen eine Linksentwicklung bei den britischen Sozialdemokraten gearbeitet haben, und wichtigen Gewerkschaftsfunktionären bei Unison, gibt es zahlreiche Überschneidungen. Gewerkschaftsintern stand Prentis für ein autoritäres Regime, mithilfe dessen er zahlreiche kämpferische Aktive aus Unison warf.

Ende 2020 wurde per Briefwahlverfahren die Nachfolge von Prentis bestimmt, von den 1,2 Millionen Mitgliedern beteiligten sich 133.952. 63.900 von ihnen und damit eine knappe Mehrheit von 47,7 Prozent stimmte für Christina McAnea – die Wunschkandidatin ihres Vorgängers und zukünftig erste Frau an der Spitze von Unison. McAnea ist seit 1993 Teil des Hauptamtlichenapparats, 2011 war sie federführend am Abbruch der großen Streikbewegung gegen die Kürzungspolitik der damaligen konservativ-liberaldemokratischen Koalitionsregierung beteiligt.

Damit hat sich der Apparat vorerst wieder einmal durchgesetzt. Doch 45.220 Stimmen und 33,7 Prozent entfielen auf den zweitplazierten linken Kandidaten Paul Holmes – noch nie in der Unison-Geschichte erhielt ein Linker so viele Stimmen. Auch das ist ein Zeichen eines beginnenden Stimmungswechsels unter den Gewerkschaftsaktiven.

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