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Aus: Ausgabe vom 15.01.2021, Seite 5 / Inland
Chancenungleichheit

Bildungswesen unter Druck

DGB warnt: Coronakrise verschärft soziale Spaltung in Schulen. GEW fordert: Schüler dürfen nicht sitzenbleiben
Von Bernd Müller
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Heiß begehrt: Tablets oder Computer sind an Schulen seltene Ware (Gesamtschule in Solingen, 17.11.2020)

Die Chancengleichheit im deutschen Bildungssystem ist nicht gewährleistet. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) rief am Donnerstag die Kultusminister der Länder auf, sich des Themas anzunehmen. »Die soziale Spaltung ist die offene Wunde unseres Bildungssystems, und sie wird durch die Coronakrise weiter vertieft«, sagte die stellvertretende DGB-Chefin Elke Hannack gegenüber dpa. Sie forderte ein Konzept für Schüler, die im sogenannten Distanzlernen nicht oder kaum erreicht würden. »Gerade Kinder und Jugendliche, die zu Hause keine Computer und Rückzugsräume haben, brauchen Angebote zur Unterstützung und Förderung.« Sonst drohe die soziale Kluft an den Schulen immer tiefer zu werden.

Das Problem ist lange bekannt – und wurde viel zu lange ignoriert: Erste Erfahrungen mit Distanzlernen konnten die Kultusminister im ersten Shutdown im Frühjahr 2020 sammeln. Ein dreiviertel Jahr später hat sich an den Schulen kaum etwas geändert. Wer über Computer oder Tablet verfügt, für den besteht der »Onlineunterricht« oftmals noch aus dem Ausdrucken von zugesandten Arbeitsblättern. Ohne Computer und Drucker ist selbst das nicht möglich. Mit dem »Digitalpakt Schule« wollte die Bundesregierung schnell Gelder zur Verfügung stellen – doch viele Schulen haben davon bislang kaum etwas gesehen. So erklärte beispielsweise das Bildungsministerium des Landes Brandenburg am Donnerstag, das Geld – eingerechnet der Mittel des Digitalpaktes – für rund 22.000 »digitalen Endgeräte« ausgezahlt zu haben. Doch noch immer stehen viele Schüler ohne jene Geräte da.

Ende Dezember hatte deshalb die Initiative »Hey, Alter!« in Cottbus (im Süden Brandenburgs) aufgerufen, alte Computer zu spenden. »Hey, Alter!« agiert bundesweit und hat Ableger in mehreren Städten. Die Initiative sammelt gebrauchte Computer ein, macht sie fit für den digitalen Unterricht und gibt sie dann an Schulen ab. Benjamin Andriske, der sich in Cottbus für das Bündnis engagiert, sagte am Donnerstag gegenüber jW, dass inzwischen die ersten Computer an eine Schule in Spremberg ausgeliefert wurden. Demnächst würden zahlreiche Geräte an Schulen in Cottbus und Guben geliefert.

Das Land Brandenburg hat am Donnerstag angekündigt, ein weiteres Förderprogramm auf den Weg zu bringen, mit dem Schüler beim digitalen Unterricht zu Hause unterstützt werden sollen. Wann die versprochenen 23 Millionen Euro zur Verfügung stehen sollen, ist allerdings noch unklar. Und wann die Computer verfügbar sind, erst recht. Andriske wies im Gespräch mit dieser Zeitung darauf hin: »Das Land Brandenburg kauft die Geräte nicht zentral ein, sondern jeder Schulträger muss ein eigenes Medienkonzept erstellen, und erst wenn dieses genehmigt ist, können die Landkreise und kreisfreien Städte die Geräte bestellen.« Das ziehe den Anschaffungsprozess in die Länge. Ob Schüler aus einkommensschwachen Haushalten zeitnah Computer erhalten, liege deshalb oft am Engagement von einzelnen Schulen und Lehrern.

Ob und wie die negativen Umstände bei der Notenvergabe berücksichtigt werden, ist noch ungewiss. Zumindest in den bestehenden Verordnungen des Landes Brandenburg schlägt sich das noch nicht nieder. Ob ein Schüler das Schuljahr wiederholen muss, wird dem »pflichtgemäßen Ermessen« der Lehrer überlassen.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) fordert, am Ende des laufenden Schuljahres sollen alle Schüler versetzt werden. »Eine Ausnahmesituation wie die Coronakrise verlangt besondere Regelungen: In diesem Schuljahr darf niemand sitzenbleiben«, sagte die GEW-Vorsitzende Marlis Tepe dem Redaktionsnetzwerk Deutschland ( Donnerstagsausgaben). Die Kultusminister müssten dringend ein Konzept vorlegen, »wie Leistungsmessung, Prüfungen und Abschlüsse unter Coronabedingungen zu gestalten sind«. Gegen einen »generellen Coronabonus«, sprach sich Udo Beckmann, Chef des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) aus; bei Zensuren und Prüfungen solle die Coronalage aber berücksichtigt werden. Er versicherte, dass die fachliche Kompetenz der Lehrer sicherstelle, dass die Leistungen bewertet würden, die erbracht werden könnten.

Für die Zukunft schlägt Hannack vom DGB ein Investitionsprogramm vor für bessere Schulgebäude, mehr und besser ausgebildete Fachkräfte in Schulen und Kitas, gute Ganztagsschulen und besseren digitalen Unterricht. Die Bildungseinrichtungen sollten bundesweit nach einem »Schulsozialindex« finanziert werden: Einrichtungen in »schwierigen sozialen Lagen« sollen mehr Geld bekommen, damit sie auf die bestehenden Problemlagen bei Schülern besser eingehen können.

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