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»Wir sind keine professionellen Psychologen«

Der Präsident von »Athleten Deutschland« über die Herausforderungen von Olympia 2021. Ein Gespräch mit Max Hartung
Von Andreas Müller
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Ins Wasser fallen? Die Olympischen Ringe in der Bucht von Tokio

Inzwischen sind 80 Prozent der Japaner gegen die Austragung der Olympischen Spiele in Tokio vom 23. Juli bis 8. August, die Coronainfektionszahlen steigen beständig. Sind Sie optimistisch?

Ich traue mich nicht, eine Prognose zu stellen. Es sind viel zu viele Fragen offen, nicht nur was die Ausrichtung, sondern auch was das Vorfeld der Spiele angeht. Das betrifft besonders die Wiederaufnahme des Trainings- und Wettkampfbetriebes und die Art und Weise, wie in den einzelnen Sportarten die Olympiaqualifikation stattfinden soll. Es könnte sein, dass es dabei sehr eng wird und bei der Vergabe der Olympiastartplätze bis zum Sommer ein unheimlicher zeitlicher Druck entsteht.

Kugelstoßerin Christina Schwanitz äußerte jüngst, sie würde wegen der Unsicherheit ihre Motivation für Olympia verlieren. Sind Sie und Ihre Organisation jetzt vor allem als psychologische Aufbauhelfer gefragt?

Wir haben mehr als 1.000 Mitglieder, die uns praktisch jeden Tag mit ähnlichen Verunsicherungen konfrontieren. Ich selbst war damit stellenweise überfordert und bin sehr froh, dass sich inzwischen unsere Geschäftsstelle mit vielem davon befasst. Wir stehen gern für die Sportlerinnen und Sportler rund um die Uhr als Ansprechpartner zur Verfügung, wir sind aber keine professionellen Psychologen. Es ist ein neues und ernsthaftes Problem für Spitzensportler, plötzlich nicht zu wissen, wofür man trainiert oder trainieren soll.

Wie geht es Ihnen damit als Weltklassesäbelfechter?

Seit März habe ich mich mit keinem ausländischen Fechter mehr gemessen. Normalerweise sind wir alle drei, vier Wochen zu Weltcups und anderen Wettkämpfen oder in Trainingscamps unterwegs. Der direkte Kontakt zur internationalen Konkurrenz gehört für uns zum täglichen Brot. Im Sommer dachten wir, es würde mit den Franzosen und den Italienern im Herbst ein Lehrgang zustande kommen. Wegen der Coronazahlen ist daraus nichts geworden. Man trainiert also seit Monaten im Verein immer mit denselben Sparringspartnern und hofft, dass es bald anders wird. Eine Zeit, die ganz gut ist, um etwas für den Kopf zu machen – ich habe vor kurzem einen MBA-Kurs in Management begonnen.

Machen die begonnenen Impfungen gegen das Virus Mut?

Wir Sportler werden bei den ersten Runden nicht dabei sein. Die Verteilung des Impfstoffs halte ich sowieso für eine knifflige ethische Frage. Das Internationale Olympische Komitee IOC hat mitgeteilt, eine Impfung werde jedem Sportler freigestellt und ist für die Teilnahme an den Spielen nicht zwingend. Ich bin dafür, dass sich möglichst viele impfen lassen, sobald es für uns Sportler möglich ist, um die Verbreitung des Virus einzudämmen und andere zu schützen.

»Athleten Deutschland« kämpft für eine Beteiligung der Olympioniken an den IOC-Einnahmen und setzt sich unter anderem für die Aufweichung der Regel 50 der Olympischen Charta ein, die politische Statements von Athleten bei den Spielen stark einschränkt. Fühlen Sie sich dabei von der Athletenkommission des IOC genügend unterstützt?

Ich würde mir von den Athletenvertretern im IOC manchmal mehr klare Kante wünschen. Oft entsteht der Eindruck, dass ihre Meinung mit der Auffassung des IOC deckungsgleich ist. Das hängt unter anderem mit einem strukturellen Problem zusammen, wie es sich nach dem deutschen Modell zum Glück nicht mehr stellt. Wir als »Athleten Deutschland« sind als Interessenvertretung inzwischen vom Verband unabhängig.

Mit Thomas Bach hat es ein ehemaliger Florettfechter bis zum IOC-Präsidenten gebracht. Exdegenfechterin Britta Heidemann gehört der IOC-Athletenkommission an und löste dort mit Claudia Bokel eine andere frühere Weltklassefechterin ab. Sie sind ein Säbelspezialist. Zufall?

An einen Zufall glaube ich nicht. Dafür sind es zu viele Fechter in solchen Positionen. Meines Erachtens hat das etwas mit unserer Sportart zu tun. Fechten ist ein sehr besonderer Zweikampf, bei dem man viel über sich selbst lernt und außerdem darüber, mit anderen umzugehen. Man erwirbt Fähigkeiten, die weit über die Planche hinaus fürs Leben hilfreich sind.

Säbelfechter Max Hartung vom TSV Dormagen war 2019 Weltmeister mit der Mannschaft, gewann 2017 und 2018 EM-Gold im Einzel und 15 nationale Titel. Der 31jährige wirkt seit der Gründung im Herbst 2017 bei »Athleten Deutschland e. V.« mit. Ein Studium in den Fächern Politik, Soziologie und Wirtschaft an der Universität in Friedrichshafen und Gent in Belgien beendete er 2017 mit dem Bachelor.

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