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Aus: Ausgabe vom 14.01.2021, Seite 10 / Feuilleton
Metal

Dieses wütende Gemöller

Krachkunst: Was ist eigentlich gerade so im Metal los?
Von Frank Schäfer
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Am härtesten arbeitende Band der Szene: Thundermother

Eine der wenigen Bands, die es überhaupt noch wagten, 2020 eine Tour zu planen und durchzuziehen trotz diverser Absagen und Verlegungen, waren Thunder­mother. Die vier Frauen spielten an jeder Parkuhr, wenn man sie nur ließ. Eine ­Halle für 2.000 Menschen musste nach 50 verkauften Karten die Sold-out-Schilder raushängen, Thundermother reisten trotzdem an, machten ihren Job, als ob die Hütte voll bis unters Dach gewesen wäre, und erspielten sich so den Ruf der am härtesten arbeitenden Band in der Szene. Das wird sich irgendwann auszahlen, denn die Metal-Loyalisten werden ihnen das nie vergessen.

Hier passt aber auch einiges zusammen. Die musikalische Direktorin Filippa Nässil ist ultraorthodox, was die Auslegung des Rock’n’Roll angeht. Ihr Katechismus heißt AC/DC. Natürlich ist hier musikalisch schon alles gesagt, aber eben noch nicht von ihr. Vor drei Jahren hat Nässil ihre Band noch einmal neu aufgestellt mit Frauen, die es ähnlich ernst meinen. Und jetzt auf einmal, nämlich auf ihrem aktuellen Album »Heat Wave«, entfernen die vier sich sogar ein wenig von der reinen Rifflehre, offenbar getragen vom Spaß am eigenen Spiel. Da stopfen schon mal fette Orgeln die Löcher, die Nässils Malcolm-Young-Gedächtniskralle gräbt, und eine Powerpopballade zeigt die inspirierte Schreihälsin Guernica Mancini von ihrer verletzlichen Seite. Dass sie anschließend die Roadies unter den Tisch säuft, kann man sich trotzdem ohne weiteres vorstellen.

Brutus, das flämische Post-Rock-Trio um Schlagzeugerin und Sängerin Stefanie Mannaerts, sind lieber zu Hause geblieben und haben nach zwei, in ihrer belgischen Heimat für Wind sorgenden Studioalben mit »Live in Ghent« eine Art Bühnen-Best-of veröffentlicht. Madame Mannaerts kann zuhauen. Das steht in schönem Kon­trast zu ihrer Feenstimme, die weitläufige Trauermelodien über die fließenden Songgebilde schweben lässt, aber auch ganz unmärchenhaft losgrölt (etwa beim großartigen »Drive«). Wenn man die drei vor Augen hat, vor allem sie, seitlich zum Publikum ihr rudimentäres Kit verbimsend, macht diese Wechseldusche aus punktgenauen Energiestößen und sphärischem Verharren noch mehr Eindruck. Ich würde durchaus ein paar Kilometer fahren, um Brutus live zu sehen.

Spirit Adrift geizten nicht erst 2020 mit Auftritten. Die Band ist ohnehin eher ein Projekt von Nathan Garrett, einem musikalischen Autisten aus Phoenix, Arizona, der nur einen Drummer braucht und ganz selten ein paar Livemucker dazubucht, um auch mal rauszukommen. Garrett hat seine Wurzeln im Doom, aber die Lockungen des klassischen Heavy Metal sind zu stark. Auf »Enlightened in Eternity« vergisst er bisweilen ganz seine Herkunft, dreht auf, lässt die Finger fliegen, und Marcus Bryant am Schlagzeug kommt in den Schweiß. So muss der schöne zehnminütige Hymnus »Reunited in The Void« zum Abschluss noch einmal die Verhältnisse klären. Der Glutkern dieses Albums ist das großartige »Astral Levitation«. Einer der besten Black-Sabbath-Songs der zu Unrecht so gescholtenen Tony-Martin-Ära verwandelt sich in der Mitte plötzlich zu einem Iron-Maiden-Track, und das alles passiert so charmant und organisch, dass es mich in dem Teil des Zerebrums packt, der für die Gesichtsentgleisungen zuständig ist.

Goat the Head schaffen das auch. Wenn ein ausgewiesenes Prog-Label eine Death-Metal-Band unter Vertrag nimmt und Kenneth Kapstad von Motorpsycho am Schlagzeug sitzt, hört man besser mal genauer hin. Tatsächlich scheinen Goat the Head mit ihm einen Häutungsprozess vollzogen zu haben. Die Vorgängeralben besaßen einen gewissen Humor, aber noch nicht diesen ausgefuchsten wirkungsästhetischen Plan. Die vier Norweger nageln ihre Brutaloriffs auf verwinkelte Kompositionen, kontrastieren extreme Impulsdichte mit kontemplativen Parts, lassen eine Schweineorgel die Wände harmonisch verputzen, und dank Kap­stad groovt der ganze Laden auch noch. Ihr Sänger Per Spjøtvold klingt wie ein Steinzeithordenchef, dem irgendeine Gottheit Kunstverstand eingeimpft hat und der nun Popmelodien nachzubellen versucht. Das gelingt noch nicht immer. Mitunter wird das euphonische Potential auch zerrieben im hochtourigem Mahlwerk. Aber wenn sich dieses wütende Gemöller zu einer beinahe klassischen AOR-Hymne formiert, wie beim famosen Opener, sind sie absolut bezwingend. Allein wie Spjøtvold sich das sperrige »The Call of Ixodes« hinbiegt zu einem veritablen Radiorefrain, ist große Krachkunst.

Darum geht es auch dem römischen Avantgarde-Doom-Quintett Shores of Null. Sie schleppen sich auf »Beyond The Shores (On Death and Dying)« durch einen einzigen Song in Albumlänge, der allerdings trotz seines retardierenden, auch schon mal auf der Stelle tretenden Kunstwollens nie übermäßig prätentiös klingt. Suggestive melodische Inseln in diesem Meer der Trübsal helfen einem, den Kurs zu halten und Flauten zu überwinden. Bestrickende Sirenengesänge, wildes Zyklopengebrüll, heimwehkranke Klagelieder, es passiert einiges auf dieser hörenswerten Odyssee. Und das kann man auch immer noch, darum mache ich das hier, vom Metalgenre als Ganzes sagen.

Thundermother: »Heat Wave« (AFM/Soulfood)

Brutus: »Live in Ghent« (Hassle)

Spirit Adrift: »Enlightened in Eternity« (Century Media/Sony)

Goat the Head: »Strictly Physical« (Crispin Glover/Soulfood)

Shores of Null: »Beyond The Shores (On Death and Dying)« (Spikerot)

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