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Aus: Ausgabe vom 13.01.2021, Seite 15 / Antifa
25 Jahre Brandanschlag in Lübeck

Trauriger Höhepunkt

Brandanschlag auf Asylsuchende in Lübeck vor 25 Jahren. Initiative organisiert Erinnerungswoche für Todesopfer, darunter mehrere Kinder
Von Kristian Stemmler
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Teilnehmende eines Gedenkmarsches in Lübeck zeigen Fotos der Opfer des Anschlags (20.1.1996)

Der Brandanschlag auf eine Unterkunft für Asylsuchende an der Lübecker Hafenstraße in der Nacht zum 18. Januar 1996 kostete zehn Menschen das Leben, es gab 39 Verletzte. Alles deutete auf drei Neonazis als Täter hin, doch die Ermittler zerrten einen der Hausbewohner vor Gericht. Mit einer Erinnerungswoche zum 25. Jahrestag des Anschlags, die am Montag begann, will die Initiative »Hafenstraße ’96« dazu beitragen, dass die zehn Todesopfer nicht in Vergessenheit geraten, aber ebensowenig der Justizskandal.

Zum Zeitpunkt der Brandstiftung hatten sich 48 Menschen in der von der Diakonie betriebenen Unterkunft aufgehalten. In ihrer Wohnung starben die 33 Jahre alte Françoise Makudila und ihre fünf Kinder Christine (17), Miya (14), Christelle (8), Legrand (5) und Jean-Daniel (3). Monique Maiamba Bunga (27) und ihre Tochter Nsuzana (7) stürzten bei der Flucht über das Dach ab und erlitten tödliche Verletzungen. In seinem Zimmer erstickte Rabia El Omari (17). Später fand man im Vorbau die stark verbrannte Leiche von Sylvio Amoussou. Erst fünf Tage später wurde in der Gerichtsmedizin festgestellt, dass die Ursache seines Todes nicht das Feuer gewesen war.

Die zehn Menschen seien nach Deutschland gekommen, »um ein sicheres Zuhause zu finden«, heißt es auf der Internetseite der Initiative – und weiter: »Sie kamen als Geflüchtete nach Deutschland und wurden von deutschen Täter*innen ermordet.« An der Täterschaft von Neonazis gebe es »wenig Zweifel«, erklärte Jana Schneider von »Hafenstraße ’96« am Freitag gegenüber jW. Tatsächlich waren Zeugen, noch während die Bewohner des Hauses um ihr Leben kämpften, drei junge Männer aufgefallen, die neben einem Wartburg standen und das Geschehen aus sicherer Distanz verfolgten.

Am Morgen nach dem Anschlag wurden die Neonazis Maik W., Dirk T. und René B. in Grevesmühlen, einer Kleinstadt im benachbarten Bundesland Mecklenburg-Vorpommern, festgenommen. Ein vierter Tatverdächtiger, Heiko P., wurde gegen Abend festgenommen. Bei dreien der Männer wurden versengte Wimpern, Augenbrauen und Haare festgestellt, laut Gerichtsmedizin »typisch für Brandstifter«. Die Verdächtigen lieferten groteske Erklärungen für die Versengungen. W. wollte einen Hund mit Haarspray eingesprüht und angezündet haben. René B. schilderte, er habe im Dunkeln Benzin aus seinem Mofa abgezapft. Um etwas zu sehen, habe er ein Feuerzeug angezündet, und so sei eine Stichflamme entstanden.

Trotz der offensichtlichen Absurdität dieser Erklärungen ließen Staatsanwaltschaft und Polizei die Neonazis am Tag nach der Festnahme aufgrund eines dubiosen Alibis laufen. Die Ermittler konzentrierten sich fortan darauf, einem der Hausbewohner, dem jungen Libanesen Safwan Eid, den Anschlag in die Schuhe zu schieben. Ein Rettungssanitäter behauptete, dass er die Tat gestanden habe. Eine Jugendkammer des Lübecker Landgerichts eröffnete im September 1996 den Prozess gegen Eid, bei dem schnell klar wurde, dass die Vorwürfe ein haltloses Konstrukt waren. Am Ende stand ein Freispruch, den selbst die Staatsanwaltschaft gefordert hatte.

Für Schneider ist das Verhalten von Polizei und Staatsanwaltschaft vor allem aus einer Art Abwehrreflex zu erklären. Man habe nicht wahrhaben wollen, dass Lübeck zu einem »Hotspot« rechter Gewalt geworden war. Schneider verwies darauf, dass der Anschlag an der Hafenstraße der traurige Höhepunkt einer ganzen Reihe von rechten Anschlägen und Verbrechen in Lübeck war. Unter anderem waren – im März 1994 und im Mai 1995 – zwei Brandanschläge auf die Synagoge verübt worden.

Am Montag hat die Gedenkinitiative eine Onlinepetition gestartet, mit der erneut versucht wird, einen Untersuchungsausschuss im schleswig-holsteinischen Landtag zur Aufklärung des Lübecker Brandanschlags zu erwirken. Die Petition wird von der Hamburger Anwältin Gabriele Heinecke unterstützt, die Verteidigerin von Safwan Eid war. Die überlebenden Hausbewohner und die Öffentlichkeit hätten »einen Anspruch auf Verfolgung der wirklich Tatverdächtigen«, sagte sie am Dienstag gegenüber jW. Die Vorgänge, die zur »Vertuschung zugunsten der rechtsradikalen Beschuldigten« geführt hätten, müssten offengelegt werden. Die Staatsanwaltschaft Lübeck habe bewiesen, dass von ihrer Seite ein Bemühen um Aufklärung nicht zu erwarten sei. Nur ein »mit allen prozessualen Rechten ausgestatteter Untersuchungsausschuss« könne Licht ins Dunkel bringen.

Petition und Programm: hafenstrasse96.org

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