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Aus: Ausgabe vom 13.01.2021, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

Wer das Huhn hupt

Was wir ohne Pandemie nicht wüssten
Von Pierre Deason-Tomory
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Wer sagt, dass Science-Fiction-Filme nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben?

Meine Versuche, Ersatz für meinen zerbrochenen Badezimmerspiegel zu erwerben, sind gescheitert. Bei Mäc-Geiz bekam ich einen kleinen zum Schminken, in pink. Er ist aber so klein, dass nur meine Nase drauf passt, und ich so blind, dass ich mit und ohne Brille nichts darin erkennen kann. Auch bei Rewe habe ich keinen Spiegel gefunden, dafür aber im Tierspielzeugregal ein Gummihuhn zum Knietschen: »Quieeek!« Echo aus dem Regallabyrinth: »Wer das Huhn hupt, muss es auch kaufen!« 4.99. Es wohnt jetzt in meiner Küche, im Badezimmer waltet derweil die größte Scherbe des alten Spiegels zackig weiter ihres Amtes.

Beim Lesen im Sessel (Obamas »Ein verheißenes Land«, fürchterlicher Schmus) hatte ich plötzlich die Idee, es wäre toll, am Schreibtisch zu sitzen und Modellflugzeuge zusammenzubasteln. Ich weiß nicht, wie ich jetzt auf so was komme, ich habe noch nicht mal Kleber im Schubfach. Ich rief im Spielwarengeschäft in der Schützengasse an und fragte, ob sie mir eine Spitfire durch die Tür reichen würden. Würden sie, man kann dort Ware bestellen und abholen, aber leider haben sie keine Spitfire. Ich werde es später im Spielzeuggeschäft im »Reichseinkaufszentrum« in der Friedensstraße versuchen.

Dort gegenüber befindet sich auf dem sympathisch ruinierten E-Werk-Gelände das Lichthaus-Kino. Das ist ein vielfach ausgezeichnetes Programmkino, das diese Pandemie überleben wird, ist sich Kobetreiber Sven Opel sicher. Die kommunalen bis europäischen öffentlichen Hände hätten geholfen, und der eigene Verband, die AG Kino, habe sich »extrem ins Zeug gelegt«. Bitter sei es trotzdem gewesen, als im Herbst so plötzlich wieder die Lichter ausgemacht wurden. Am letzten Dienstag im Oktober fand im Lichthaus in Anwesenheit von Regisseur Michael Venus die Vorpremiere für den Thriller »Schlaf« statt. Sven fand den Film super und musste die Rollen am darauffolgenden Sonntag wieder in den Schrank stellen.

Vor der Kinobaracke steht eine roh zusammengezimmerte Holzwand, auf die die Filmplakate des aktuell gezeigten Programms tapeziert sind. Seit drei Monaten verblassen hier die Poster der Oktoberfilme, Greta Thunberg hängt schon halb herunter. Sven hat übrigens festgestellt, dass Filmplakate während eines Lockdowns im Frühjahr schneller verwittern als im Winter. Auch das würden wir nicht wissen ohne die Pandemie.

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