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Aus: Ausgabe vom 13.01.2021, Seite 5 / Inland
Arbeitsschutz

Gegen den Strom wischen

Gewerkschaft Verdi schlägt wegen vermehrter Arbeitsunfälle am neuen Hauptstadtflughafen BER Alarm. Bundespolizei rät zu regelmäßigem Feudeleinsatz
Von Ralf Wurzbacher
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Einchecken beim BER: Selbst minimalste Anforderungen beim Arbeitsschutz werden nicht erfüllt

Neu muss nicht automatisch neuwertig bedeuten, am wenigsten im Fall des Hauptstadtairports BER. Der hatte bei seiner Einweihung Ende Oktober schon zehn Jahre Bauzeit auf dem Buckel, und Zeit heilt eben doch nicht immer alle Wunden. Schlimmer noch: Am Terminal 1 des steingeworden Milliardendebakels gehören Verletzungen sogar zur Tagesordnung. Wer Pech hat, bekommt dort einen gewischt, mit reichlich Spannung und mithin schweren Folgen. Nach Zeitungsberichten vom Montag haben bereits etliche Beschäftigte der Sicherheitsfirma Securitas im Umgang mit den Geräten zur Gepäckkontrolle Stromschläge erlitten. Die Gewerkschaft Verdi verlangt deshalb die sofortige Schließung des Gefahrenbereichs (siehe jW vom 12.1.). Die für die Technik zuständige Bundespolizei empfiehlt dagegen den Gebrauch von Wischmops.

Wie der Verdi-Landesbezirk Berlin-Brandenburg zu Wochenanfang informierte, hätten Betroffene über starke Schmerzen, Taubheitsgefühle und Benommenheit geklagt. Mehrfach seien Geschädigte per Rettungswagen in die umliegenden Krankenhäuser transportiert worden, zum Teil hätten ihnen Ärzte längere Arbeitsunfähigkeit attestiert. Dokumentiert seien mittlerweile 60 solcher Vorfälle, erklärte am Dienstag Gewerkschaftssekretär Benjamin Roscher im jW-Gespräch. Allein am 6. Januar habe es elf Mitarbeiter an einem Tag getroffen. »Die Leute haben Angst, zur Arbeit zu kommen, bei einigen fühlen sich die Hände und Arme noch Wochen danach taub an.« Auch zwei Passagiere wären schon nachweislich in Mitleidenschaft gezogen worden, wobei Roscher von einer »hohen Dunkelziffer« ausgeht.

Die Unfälle treten laut Verdi an mehreren Stationen der Gepäckabfertigung im Terminal 1 auf. Vom Unternehmen Securitas ist zu hören, dass sich teilweise sehr starke elektrostatische Entladungen ereigneten. Bestätigt hat dies nach Angaben der Bundespolizeidirektion Berlin auch ein Sachverständigengutachten. Allerdings führten die Stromschläge »in der Regel zu keinen Verletzungen, können jedoch Schreckreaktionen verursachen«, zitierte die Berliner Zeitung am Montag eine Behördensprecherin. Erste Kenntnisse von den Vorgängen hatte die Bundespolizei nach ihrer Auskunft schon seit dem 12. Dezember, worauf »unverzüglich« eigenes und Fachpersonal des Herstellers sowie des Flughafenbetreibers FBB eingeschaltet worden sei. Die angefertigte Expertise habe jedoch ergeben, dass »alle Anlagen den gültigen Normen und anerkannten Regeln der Technik« genügen würden.

»Die Verantwortlichen betreiben hier maximale Verharmlosung«, empörte sich Verdi-Mann Roscher. »Die stellen sich hin und sagen, wenn sich die Mitarbeiter an die Regeln halten, ist alles halb so wild.« Tatsächlich haben die sogenannten Experten eine ganze Reihe »guter« Ratschläge parat: Um elektrostatische Aufladungen zu verhindern, sollten die Beschäftigten zu Schuhwerk mit Schutzwirkung oder entsprechenden Schlüsselanhängern greifen. Mögliche Gegenmaßnahmen könnten ferner der Einsatz ableitfähiger Böden und Bodenunterlagen sowie regelmäßiges feuchtes Wischen sein. »Auch ist gegebenenfalls eine Veränderung der Bekleidungsmaterialien des Bedienpersonals in Erwägung zu ziehen«, hieß es seitens der Bundespolizei.

Für Roscher ist »so viel Fahrlässigkeit nicht zu fassen«. Die Arbeit an den Apparaten sei unverzüglich und solange einzustellen, »bis die technische Ursache für die Arbeitsunfälle gefunden und zweifelsfrei abgestellt ist«, betonte er. »Was, wenn der Fehler bei der Bausubstanz liegt, wenn etwas mit der Erdung der Leitungen nicht stimmt?« Offenbar wollten die Zuständigen »um jeden Preis verhindern, dass nach all den Pleiten und Pannen der Vergangenheit wieder ein neues Fass am BER aufgemacht werden muss«. Beim FBB setzt man jedenfalls auf »Füße still halten«. Man gehe davon aus, dass sich solche Vorfälle »durch die Einhaltung entsprechender Verfahren und Vorkehrungen bei Durchführung der Sicherheitskontrollen in Zukunft vermeiden lassen«, äußerte sich Sprecher Hannes Hönemann am Dienstag gegenüber jW. Kurzum: »Die Sikos sind offen und sollen das auch bleiben.«

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