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Aus: Ausgabe vom 13.01.2021, Seite 2 / Inland
Lage Obdachloser in Hamburg

»Kommune kommt ihrer Pflicht nicht nach«

Hamburg: Shutdown verschärft Lage für Obdachlose. Verkauf von Magazinen wie Hinz & Kunzt deutlich erschwert. Ein Gespräch mit Annette Bruhns
Interview: Kristian Stemmler
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Der ehemals obdachlose Jörg Petersen verkauft das Straßenmagazin Hinz und Kunzt vor einem Aldi-Supermarkt in Hamburg (1.2.2018)

Sie sind neue Chefredakteurin von Hinz & Kunzt in Nachfolge von Birgit Müller, die das Stadtmagazin mitgründete und die Redaktion 27 Jahre leitete. Was hat Sie bewogen, Ihre sichere Stelle beim Spiegel aufzugeben?

Die Aussicht auf einen der tollsten Jobs, die der Journalismus zu vergeben hat! Mit meinem neuen Team kann ich Monat um Monat 60 Seiten gestalten zu allen Themen, die die Hamburgerinnen und Hamburger bewegen – insbesondere zu ihren sozialen Nöten. Dazu zähle ich aber auch die Schließung von Freibädern oder die Schieflage bei der Bezahlung von Pflegekräften. Gleichzeitig schaffen wir mit unserem Magazin Jobs: für wohnungslose Menschen, die es auf den Straßen verkaufen. Für viele von ihnen ist das der erste Schritt aus der Obdachlosigkeit.

Zwischen Spiegel-Gebäude und den Redaktionsräumen von Hinz & Kunzt liegen nur ein paar hundert Meter. Ansonsten muss der Wechsel vom Nachrichten- zum Stadtmagazin doch ein ziemlicher Kulturschock gewesen sein, oder?

Ja, Hinz & Kunzt wirkt aus der Spiegel-Warte klein und chaotisch. Auf den zweiten Blick entdecke ich eine hochmoderne Unternehmenskultur. Hier bringt sich jeder engagiert ein – unabhängig von schicken Büros mit tollem Blick. Das schafft unheimlich viel Flexibilität, und genau die ist die Stärke dieses jahrzehntelang erfolgreichen Projekts.

Sie haben den Straßenverkauf der Hinz & Kunzt durch obdachlose Menschen angesprochen. Wie funktioniert das konkret, und wie wirkt sich aktuell die Coronapandemie auf Vertrieb und Verkauf aus?

Die Obdachlosen erwerben die Zeitungen für 1,10 Euro und verkaufen sie für 2,20 Euro. Sie haben einen Verkaufsausweis und nach einer gewissen Bewährungszeit auch einen festen Platz, oft vor einem Supermarkt. Die Pandemie trifft sie alle furchtbar: Die Infektionsgefahr zwingt zur Maskierung. Da ist kein Lächeln mehr möglich. Und natürlich sind viel weniger Käuferinnen und Käufer auf den Straßen unterwegs. Und die Restaurants, in denen Hinz & Kunzt sonst auch verkauft wird, sind geschlossen.

Gleich zu Ihrem Amtsantritt wird schlaglichtartig klar, wie schlimm die Lage in Hamburg ist, was das Thema Wohnungslosigkeit betrifft. Innerhalb weniger Tage sind seit Silvester fünf Obdachlose auf der Straße gestorben. Müsste die Stadt nicht mehr tun?

Unbedingt! Die Menschen wollen nicht in Sammelunterkünfte, aus denen sie jeden Morgen wieder ausziehen müssen. Es geht dort oft rauh zu, und die Infektionsgefahr mit dem Coronavirus ist dort höher. Daher schlafen sie lieber draußen, und wenn es nass und kalt wird, kann das für geschwächte Menschen lebensgefährlich sein. Es ist nicht einzusehen, dass eine reiche Stadt wie Hamburg die Menschen nicht sicher unterbringen kann.

In der Bürgerschaft hat die Fraktion Die Linke eine Unterbringung von Obdachlosen in Hotels gefordert, »damit nicht noch mehr Menschen auf unseren Straßen sterben«, wie es zur Begründung hieß. Unterstützen Sie diesen Vorstoß?

Mir ist es egal, ob die obdachlosen Menschen in Hotels oder in Containern untergebracht werden, Hauptsache, sie bekommen ein Einzel- oder Doppelzimmer. Da viele Hotels in der Pandemie leerstehen, entsteht allerdings eine Win-win-Situation, wenn sie jetzt genutzt werden. Da die Stadt trotz erträglicher Kosten diesen Weg nicht geht, tut dies nun die Zivilgesellschaft, darunter auch Hinz & Kunzt – mittels Spenden. Die Kommune kommt ihrer Pflicht zur Daseinsfürsorge erschütternderweise nicht nach.

Von links gibt es immer mal wieder Kritik an Projekten wie Hinz & Kunzt. Zum Beispiel die, dass Bürger sich mit dem Kauf der Zeitung auch ein gutes Gewissen kaufen und weniger bereit sind, grundlegende Veränderungen zu fordern. Was sagen Sie zu solcher Kritik?

Ich halte nichts von einer »Gewissenspolizei«. Ich setze lieber darauf, dass der eine oder die andere unsere Zeitung nicht nur kaufen, sondern sie auch lesen und sich ihrer Verantwortung und Möglichkeiten als Staatsbürgerinnen und Staatsbürger bewusst werden.

Annette Bruhns ist Chefredakteurin des Hamburger Stadtmagazins Hinz & Kunzt

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