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Impfpflicht

Von Helmut Höge
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Adolf Hitler verglich sich gern mit dem »Heiler« Robert Koch, umgekehrt präsentierte der Nazifilm »Robert Koch, der Bekämpfer des Todes« den Wissenschaftler als großen »Führer«. Zwischen 1933 und 1945 war das Robert-Koch-Institut als staatliche Forschungseinrichtung des öffentlichen Gesundheitswesens fest in die Gewaltpolitik der Nazis eingebunden, wie Historiker des Instituts für Geschichte der Medizin an der Charité herausfanden.

Zu Beginn der Impfmaßnahmen gegen Corona, die von Impfpflichtsprüchen und Maßnahmeandrohungen gegen Impfverweigerer von den Politikern und dem RKI begleitet wurden, sendete der Deutschlandfunk einen langen Beitrag von Julia Amberger über »Robert Koch und die Verbrechen von Ärzten in Afrika«.

»Zu Kolonialzeiten«, heißt es in dem Beitrag, »war es üblich, dass Forscher skrupellos mit Afrikanern experimentierten, allen voran die Deutschen. Auch Robert Koch zwang kranke Menschen in Konzentrationslager und testete an ihnen neue Gegenmittel. Die Greueltaten der kolonialen Tropenmedizin wirken bis heute.« Amberger zitiert zwei Historiker: Edna Bonhomme vom Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte und Wolfgang Eckart von der Universität Heidelberg. In einer Rezension des Buches von Eckart, »Medizin und Kolonialimperialismus Deutschland 1884–1945«, schrieb damals das Ärzteblatt: »So verhängten zum Beispiel deutsche Kolonialärzte gegen Eingeborene, die sich nicht impfen lassen wollten, Gefängnis-, Geld- oder Prügelstrafen.«

In vielen afrikanischen Ländern besteht seitdem laut Amberger eine starke Abneigung gegen das Impfen mit Serum der Weißen: »Die Wurzeln des Misstrauens liegen in der Kolonialzeit, als Ärzte aus Europa Menschen in Afrika zu Forschungszwecken missbrauchten.«

Über Robert Koch erzählt sie: »Im Auftrag der deutschen Reichsregierung zog er für zwei Jahre auf die Sese-Inseln im Viktoriasee. Dort fand er einen Seuchenherd für die Schlafkrankheit.« Bis zur Erfindung des Medikaments dagegen, das dann unter dem Namen »Germanin« auf den Markt kam, verabreichte er ihnen immer höhere Dosen Arsen, was mitunter zur Erblindung, schlimmstenfalls zum Tod führte.

»Um pro Tag rund 1.000 Patienten zu untersuchen, isolierte Koch vermeintlich Kranke in sogenannten Konzentrationslagern.« Dort fehlte es an allem: »Decken, sauberem Wasser, zu essen gab es oft nur Mehl und Salz. Konzentrationslager gab es nicht nur auf den Sese-Inseln, sondern überall, wo europäische Ärzte antraten, um Seuchen zu besiegen.«

»Die Kolonialmedizin sollte nicht Menschen in Not helfen. Sie diente dem ökonomischen Aufschwung der Kolonie – und neuen Erkenntnissen für die deutsche Wissenschaft und die Pharmaindustrie. Deshalb haben die Kolonialärzte auch den Menschen ohne Grund extrem schmerzhafte Öl- und Salzlösungen gespritzt oder sie in der Wüste ausgesetzt, um zu sehen, wie lange sie dort überleben.« Die deutschen Ärzte erprobten an Afrikanern, »was sie später an Juden, Homosexuellen und politischen Gegnern perfektionierten«. Und weil die deutschen Ärzte die Afrikaner gegen Pocken mit schlechtem Impfstoff behandelten, gab es hier ebenfalls viele Todesopfer. Sie argumentierten, es »handle sich um eine besonders hartnäckige biologische Varietät des Erregers. (…) Während die Patienten anfangs vor den rudimentären Impfstationen Schlange standen, haben die Kolonialärzte sie später zum Impfen gezwungen.«

»Selbst beim letzten Ebolaausbruch im Kongo (2018–2020) gab es eine Situation, in der sich Menschen beschwerten, sie seien zu einer Behandlung gezwungen worden«, berichtete Chernoh Bah, ein Soziologe aus Sierra Leone, der sich wissenschaftlich mit solchen Skandalen beschäftigt, in der Sendung von Amberger. Ähnlich beim Ebolaausbruch zuvor (2014–2015), »als Forscher, Ärzte und Freiwillige aus dem Westen nach Sierra Leone strömten. In manchen Behandlungszentren starben 50 bis 60 Prozent der Ebolainfizierten. Die Leute hatten »den Eindruck, sie würden missbraucht, sagt Bah – wie damals von den Kolonialärzten«. Auch heute werden sie misstrauisch, wenn weiße Ärzte anreisen, um sie nun gegen Corona zu impfen.

Misstrauen gegen Impfexperimente herrscht auch unter Afroamerikanern in den USA, wo sich Amberger zufolge »nur 32 Prozent aller Afroamerikaner gegen Covid-19 impfen lassen – im Vergleich zu 52 Prozent der Weißen. (…) Als Grund gaben sie systematischen Rassismus an und Missbrauch von Schwarzen während der Tuskegee-Syphilis-Studie. 399 afroamerikanische Landpächter wurden zwischen 1932 und 1972 Opfer eines Experiments des US-Public Health Service. Ohne informierte Einwilligung, ohne Behandlung, auch als bereits eine Heilmethode zur Verfügung stand.« Rassismus unter Ärzten ist und bleibt ein Kontinuum.

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