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Aus: Ausgabe vom 11.01.2021, Seite 15 / Politisches Buch
Philippinen

Heterogene Kraft

Marina Wetzlmaier über die politische Linke auf den Philippinen
Von Gerd Bedszent
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Bauern protestieren vor dem Präsidentenpalast in Manila gegen ein Agrarreformgesetz, das reiche Großgrundbesitzer begünstigt (4.6.2009)

Die jüngere Geschichte der Philippinen war stets auch die Geschichte revolutionärer Bewegungen und linker Organisationen, Gruppen und Parteien. Es wird selten zur Kenntnis genommen: In dem ostasiatischen Inselstaat ist noch immer eine kommunistisch orientierte Guerilla aktiv. Das Buch »Die Linke auf den Philippinen« der österreichischen Autorin Marina Wetzlmaier ist schon deshalb interessant, weil es unter anderem die Entstehung und Entwicklung dieser Bewegung thematisiert.

Die Philippinen waren seit dem 16. Jahrhundert spanische Kolonie, wurden Ende des 19. Jahrhunderts von den USA annektiert und dann während des Zweiten Weltkrieges von Japan besetzt. Wie die Autorin schreibt, ging der kommunistisch geführte antijapanische Widerstand nach Kriegsende nahtlos in einen Bauernkrieg über. Große Teile der Landbevölkerung forderten eine Aufteilung des aus der Kolonialzeit herrührenden Großbesitzes, wozu die herrschende Klasse des nun formell unabhängigen Staates nicht bereit war. Kommunistische Parteien und Gruppen übernahmen die Führung dieses Kampfes. Die Autorin schildert die Geschichte der Guerilla nicht unkritisch, aber auch mit Verständnis. Nach dem Sturz der Marcos-Diktatur im Jahre 1986 wurde zwar vom Parlament eine neue Verfassung verabschiedet, die unter anderem das Versprechen einer Landreform enthielt. Vollständig umgesetzt wurde die jedoch bis heute nicht.

Viel Platz nehmen in dem Buch auch Gruppierungen ein, die unabhängig von der Guerillabewegung agieren. Tatsächlich ist die Linke auf den Philippinen äußerst heterogen. Wetzl­maier schildert die Geschichte sozialistischer Parteien, von Gewerkschaften, Umweltschutzbewegungen und kommunistischen Gruppen, die sich vom bewaffneten Kampf abgewandt hatten. Auch die zwischenzeitlich starke anarchistische Bewegung wird behandelt.

Tiefere Analysen der sozioökonomischen Verhältnisse und deren Bedeutung für linke Politik auf den Philippinen findet man in dem Buch eher nicht. Es handelt sich um eine deskriptive Überblicksdarstellung, geeignet als Einstiegslektüre für Leser, die sich mit den wesentlichen Fakten zur politischen Situation bzw. über die politischen Akteure vertraut machen wollen.

Zum Ende hin geht die Autorin ausführlicher auf die aktuelle Lage im Inselstaat unter der Präsidentschaft von Rodrigo Duterte ein. Dessen »Kampf gegen die Drogenkriminalität« hat sich schnell als Krieg gegen die Armen entpuppt. Die zwischenzeitlich etwas gelockerte Repression gegen Linke wurde erneut verschärft; Morde an Aktivisten häufen sich. Seit dem Beginn der Coronapandemie und der Ausrufung des nationalen Notstandes erinnert die Situation zunehmend an die schlimmste Zeit der Marcos-Diktatur. Während wenig bis nichts unternommen wird, um die Situation des Gesundheitswesens zu verbessern, dient die Pandemie als Vorwand für umfassende Ausgangssperren und willkürliche Festnahmen.

Marina Wetzlmaier: Die Linke auf den Philippinen. Eine Einführung. Mandelbaum, Berlin/Wien 2020, 182 Seiten, 12 Euro

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