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Aus: Ausgabe vom 09.01.2021, Seite 12 / Thema
Ökologie und Kapital

Die ultimative Krise

Planetarischer Notstand. Nur der Bruch mit der Logik der Kapitalakkumulation kann die Erde noch retten
Von John Bellamy Foster
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Monopolkapitalistische Formen der industrialisierten Landwirtschaft weltweit haben verheerende Auswirkungen für die Entwicklung des Planeten (Cola-Automat auf Reisfeld in Japan 2017)

Der US-amerikanische Soziologe und Herausgeber des marxistischen Periodikums Monthly Review spricht an diesem Sonnabend um 16 Uhr auf der XXVI. Internationalen Rosa-Luxemburg-Konferenz. Wir veröffentlichen an dieser Stelle einen Auszug aus dem 10. Kapitel seines gemeinsam mit seinem Kollegen Brett Clark verfassten Buchs »The Robbery of Nature«. (jW)

Die Analyse des »ökologischen Fußabdrucks« als Nachhaltigkeitsindikator¹ zeigt, dass sich die Welt im sogenannten Overshoot befindet, d. h. sie verbraucht derzeit Ressourcen im Ausmaß von fast zwei Erdplaneten. Die Hauptursache für diese ökologische Überbeanspruchung ist in den Exzessen der reichen Länder zu suchen, die sich aktuell auf dem gesamten Globus verdoppeln. Hinterließe die gesamte Weltbevölkerung den ökologischen Pro-Kopf-Fußabdruck der USA, würden sogar vier Erden benötigt. Die Größe des ökologischen Fußabdrucks eines reichen Wirtschaftssystems wie dem der USA ist ein Hinweis auf seine starke Abhängigkeit von einem auf Ungleichheit basierenden ökologischen Tausch, indem es dem Rest der Welt, insbesondere unterentwickelten Ländern, Ressourcen entzieht, um sein eigenes Wachstum und seine Macht zu steigern.

Ungleicher ökologischer Tausch

Der Systemökologe Howard T. Odum konnte konkret nachweisen, dass die Vereinigten Staaten mehr als doppelt soviel »graue Energie«² aus dem Handel mit Ecuador erhielten, wie sie in das Land exportierten, während Ecuador fünfmal soviel »graue Energie« an die USA exportierte, wie es selbst erhielt. Der Handel zwischen den beiden Ländern war also in Bezug auf den realen Wohlstand enorm nachteilig für Ecuador, während er der US-Wirtschaft einen erheblichen ökologischen Nutzen brachte, wie Odum und J. E. Arding 1991 in ihrer an der University of Rhode Island veröffentlichten Analyse der ecuadorianischen Marikultur (Aquakultur) herausarbeiteten. Der heutige Reichtum der reichen Länder beruht zu einem Großteil auf einem historisch gewachsenen System des ökologischen Raubbaus. Die Vereinigten Staaten und Großbritannien haben seit der industriellen Revolution jeweils Kohlenstoffemissionen pro Kopf erzeugt, die das Zehnfache des weltweiten Mittelwerts betragen.

Der globale Süden ist deshalb in vielerlei Hinsicht unmittelbarer als der Norden vom Klimawandel und von den anderen weltweiten Verwerfungen bedroht. Vor diesem Hintergrund ist auch die internationale Bauernbewegung »La Vía Campesina«, ein Bündnis von Kleinbauern, Landarbeitern, Fischern, Landlosen und Indigenen aus mehr als 80 Ländern, entstanden. Damit verbunden ist die Hoffnung auf die Entstehung eines Umweltproletariats als Zusammenschluss des klassischen Proletariats und derjenigen, die ökologische Zerstörungen erleiden oder von ihnen bedroht werden.

In einer Gegenbewegung stellt die Propagandamaschine der reichen kapitalistischen Länder die Schwellenländer als die allergrößte Bedrohung für die Umwelt dar – vor allem die Volksrepublik China, deren Kohlenstoffemissionen zwar die der USA übersteigen, deren Pro-Kopf-Emissionen aber weitaus geringer sind. Es ist daher von entscheidender Bedeutung, zu verstehen, in welchem Verhältnis der globale Süden zur ultimativen Krise steht. Der Vergleich des Zusammenhangs zwischen Ökonomie und Ökologie in unterentwickelten Ländern mit demjenigen in entwickelten monopolkapitalistischen Wirtschaftssystemen verdeutlicht vor allem den verschwenderischen Charakter der letzteren. Der hohe Verbrauch von Energie und Kohlenstoffen (fossilen Brennstoffen) war nach dem Zweiten Weltkrieg kennzeichnend für die großen Industrieländer. Dieser hohe Energieverbrauch wurde erst durch das imperiale System des ungleichen ökologischen (und ökonomischen) Tauschs ermöglicht. Wie Odum 2007 in »Environment, Power, and Society for the Twenty-First Century« schrieb, würden die reichen Ökonomien ohne ihre enorme Subventionierung fossiler Brennstoffe leicht als die ineffizienten Systeme erkannt, die sie real sind.

Simon Kuznets, der oft als der führende US-Experte in der Entwicklung der Nationaleinkommensberechnung (»national income accounting«) angesehen wird, wies auf einige der entscheidenden Widersprüche beim Vergleich der Bruttoinlandsprodukte (BIP) von entwickelten und unterentwickelten Wirtschaftssystemen hin. Bereits 1949 argumentierte Kuznets in dem Artikel »National Income and Industrial Structure« der Zeitschrift Econometrica, dass die reichen kapitalistischen Länder im Vergleich zu weniger industrialisierten und weniger kommerzialisierten Wirtschaftsformationen im Hinblick auf das Nationaleinkommen stark überbewertet seien, weil alle Käufe, die den Markt durchliefen – selbst Kosten, die lediglich »Ausgleichszahlungen« für die Ineffizienz und Destruktivität der konzentrierten industriekapitalistischen Produktion seien – als Steigerung des Nationaleinkommens und des Wirtschaftswachstums angesehen würden. Dennoch war bekannt (mit spezifischem Bezug auf China), dass »vorindustrielle« oder unterentwickelte Wirtschaftssysteme in der Lage waren, einen höheren Nährstoffgehalt zu geringeren Kosten zu produzieren. Sie waren effizienter »in Bezug auf die Transportwege«, weil sie Produzenten direkter mit Konsumenten zusammenbrachten und Verpackung, Weiterverarbeitung und Vernichtung von Produkten vermieden; und sie waren in der Lage, durch die Organisierung des »Familien- und Gemeinschaftslebens« Individuen auf ihrem Lebensweg soziale Sicherheit zu bieten (was im Wirtschaftsleben reicher Länder gewerblichen Versicherungsschutz erfordert).

Kuznets argumentierte, dass vieles von dem, was in der modernen Industriegesellschaft als Einkommen und Wirtschaftswachstum gezählt werde, wie z. B. »zusätzlicher Transport und Umschlag«, als bloßer Ausgleich für die Ineffizienzen und die Zerstörungswut des konzentrierten industriellen und städtischen Lebens »verrechnet« (oder herausgerechnet) werden könnte. Hier schloss Kuznets die unnötige Abhängigkeit vom Automobil ein, einen Großteil der Wohnkosten, die enormen Ausgaben für Vertrieb, Transport und Kommunikation, die Ausgaben für Banken, Arbeitsagenturen, Maklerbüros usw. Ein Großteil dessen, was als BIP und als ökonomisches Wachstum gezählt werde, bestehe also aus nichts anderem als »Trankopfern aus Öl zum Schmieren der Industriegesellschaftsmaschinerie«.

Für Kuznets waren also viele der zusätzlichen Kosten, die fortgeschrittene Industriegesellschaften verursachten, Kompensationen für negative Eigenschaften, die mit diesen Gesellschaften verbunden waren, und trugen nichts Wesentliches zum eigentlichen Gebrauchswert der Waren bei. Aus einer sozialistischen Perspektive muss die Kritik jedoch noch tiefer gehen, da der Großteil dieser künstlich erzeugten Kosten nicht nur als Ausgleich für das städtisch-industrielle Leben, sondern als Produkte des ausbeuterischen, profitorientierten und monopolistischen Charakters der kapitalistischen Wirtschaft eingestuft werden müssten und somit in diesem Sinne sozial irrational sind.

Zerstörerisches Agrobusiness

In der Tat ist es unmöglich, ein vernünftiges Argument für die ökologischen Vorteile des herrschenden Systems der Kapitalakkumulation vorzubringen. Beim heutigen globalisierten Monopolfinanzkapital sind die ökologischen, sozialen und ökonomischen Irrationalitäten der Organisation der Produktion in einem globalen Maßstab sichtbar. Dies gilt insbesondere für das Agrobusiness mit seiner starken, fast ausschließlichen Abhängigkeit von kohlenstoffintensiven Inputs in jeder Phase des Produktionsprozesses (einschließlich der Düngemittelproduktion), seiner Zerstörung der bäuerlichen Subsistenzwirtschaft, seiner riesigen Lebensmittelverarbeitungs- und Verpackungsindustrie, seiner Supermarktketten und seinen globalen Vertriebs- und Transportnetzwerken, die die Zahl der Lebensmittelmeilen in die Höhe treiben. »Kabeljau, der vor Norwegen gefangen wird«, so berichtet die New York Times, »wird nach China verschifft, um dort zu Filets verarbeitet zu werden, die dann zum Verkauf wieder zurück nach Norwegen verschifft werden.«

Dies ist vor allem auf die globale Arbeitsarbitrage zurückzuführen, die sich die niedrigen Löhne in China und anderen Ländern zunutze macht. In China betrugen die Lohnstückkosten im Jahr 2014 nur etwa 45 Prozent des US-Niveaus, was multinationale Konzerne dazu veranlasst, wegen der billigen Arbeitskräfte im globalen Süden zu produzieren und diese Waren zum Endverbrauch wieder in den globalen Norden zu verbringen. Das erklärt, warum »die Hälfte der europäischen Erbsen in Kenia angebaut und verpackt wird«. Eine Studie untersuchte ein typisches schwedisches Frühstück mit Brot, Butter, Käse, Apfel, Kaffee, Sahne, Orangensaft und Zucker und kam zu dem Schluss, dass diese Lebensmittel das Äquivalent von 24.901 Meilen (40.000 Kilometer, jW), also einmal den Erdumfang, zurückgelegt haben – ein Großteil davon aufgrund der unterschiedlichen Lohnkosten zwischen dem globalen Norden und dem Süden. Das durchschnittliche Nahrungsmittel, das in den USA konsumiert wird, legt vom Acker bis zum Tisch heute über 1.500 Meilen (2.414 Kilometer, jW) zurück.

Immer wieder hat sich gezeigt, dass die Agrarindustrie bei der Produktion von »Food per Acre« (Nahrungsmitteln pro Morgen Land; im Gegensatz zu Nahrungsmitteln pro Arbeitseinheit) weniger effizient ist als die kleine, aber intensive ökologische Landwirtschaft, die auch weniger umweltschädlich ist und weitaus besser in der Lage ist, den Lebensunterhalt für Menschen und ganze Gemeinschaften auf dem Land zu sichern. Daher fordert das Bündnis »La Vía Campesina«, die globale Nahrungsmittelproduktion in die Hände nachhaltig produzierender Kleinbauern zu legen, im Gegensatz zu den großen monopolistischen Agrarkonzernen und Supermarktketten, um Ernährungssicherheit, Lebensunterhalt, Arbeitsplätze und menschliche Gesundheit zu gewährleisten sowie die Umwelt zu schützen. »Die Moral von der Geschichte«, so Marx in den 1860er Jahren, »die man auch durch sonstige Betrachtung der Agrikultur gewinnen kann, ist die, dass das kapitalistische System einer rationellen Agrikultur widerstrebt oder die rationelle Agrikultur unverträglich ist mit dem kapitalistischen System (obgleich dies ihre technische Entwicklung befördert) und entweder der Hand des selbst arbeitenden Kleinbauern oder der Kontrolle der assoziierten Produzenten bedarf.«³

Die weltweite Revolte der Kleinbauern rückt zusehends die Ökologie in den Vordergrund, da sich Gruppen von Landarbeitern organisieren, um die Logik des Kapitals zu bekämpfen, um soziale Kontrolle über ökologisch-materielle Beziehungen zu etablieren und sinnvollere, weniger entfremdete und nachhaltigere Lebensbedingungen zu schaffen. Wie die Umweltsoziologen Mindi Schneider und Philip McMichael 2010 im Journal of Peasant Studies schrieben, ist »Marx’ Konzept des ›metabolischen Risses‹ (…) im Kontext einer internationalen bäuerlichen Mobilisierung, die die Wissenschaft der Ökologie umfasst, (…) zum Mittelpunkt der Versuche geworden, Formen der Landwirtschaft wiederherzustellen, die ökologisch und sozial nachhaltig sind«.

Odum beharrte darauf, dass eine wachsende Einschränkung der Nutzung fossiler Brennstoffe das Ende des heutigen Systems des Petrofarming bedeuten würde: »Die hohen Erträge der industriellen Landwirtschaft erzeugten eine sehr grausame Illusion, weil die Bürger, die Lehrer und die politischen Führer die energetischen Zusammenhänge nicht verstanden haben. Eine ganze Generation von Bürgern dachte, dass bei der Nutzung der Sonnenenergie eine höhere Effizienz erreicht sei. Das war eine traurige Täuschung, denn die Menschen in den Industrieländern essen keine Kartoffeln mehr, die aus Sonnenenergie hergestellt wurden. In Wirklichkeit essen sie Kartoffeln, die teilweise aus Öl hergestellt wurden.«

Vorbild Kleinbauer

Ohne die Subventionierung fossiler Energieträger würde das heutige System der Agrarwirtschaft schlichtweg zusammenbrechen. Infolgedessen wird es notwendig sein, zu ökologisch effizienteren Formen der traditionellen Landwirtschaft in Kombination mit modernem Know-how zurückzukehren. Auf diese Weise wird das bisherige Wissenssystem in vielerlei Hinsicht auf den Kopf gestellt werden. Anstatt dass Agrarkonzerne den traditionellen Kleinbauern technische Anweisungen geben, werden Kleinbauern einen Großteil der Inspiration für die am besten geeignete landwirtschaftliche Praxis liefern, verwurzelt in Tausenden von Jahren kumulierten Wissens über die Bodenbearbeitung, ergänzt durch die Fortschritte moderner Agrarökologie.

Die Vorstellung, dass die Gebiete des globalen Südens, einschließlich Chinas und Indiens, die Milliarden von Menschen, die heute in der kleinbäuerlichen Landwirtschaft tätig sind, problemlos in ihre überfüllten urbanen Zentren integrieren könnten, ist das Produkt einer Entwicklungsideologie, die sich darauf beruft, dass die reichen Länder Westeuropas angeblich ihre eigene Landbevölkerung schnell in ihre aufstrebenden industrialisierten Städte integriert hätten. In Wirklichkeit gab es riesige Auswanderungswellen von Europäern in die Kolonien, die den Druck von den Städten nahmen. (In den Vereinigten Staaten, die ein Auffangbecken für einen Großteil dieser europäischen Auswanderung waren, vollzog sich die Urbanisierung weitaus allmählicher. Um 1900 lebten fast 80 Prozent der britischen Bevölkerung in Städten, während es in den USA nur 40 Prozent waren. Es dauerte noch bis 1960, bis 70 Prozent der US-Bevölkerung in Städten lebten, und erst im Jahr 2000 waren es 80 Prozent.)

Ein solches Modell von Industrialisierung und Urbanisierung, das sich auf Massenauswanderung stützt, ist im heutigen globalen Süden nicht umsetzbar. Gerade in der Ära Donald Trump wurden in den USA und in Europa Mauern gegen Migrationsströme errichtet. Auch haben die Entwicklungsländer heute nicht die günstigen Bedingungen zur Expansion in einen ganzen »neuen« Kontinent, unter denen die USA als industrielle Weltmacht entstanden sind (die zudem während der Eroberung Völkermord an den Ureinwohnern beging). Statt dessen kommt es in vielen Ländern des Südens zu einem enormen Wachstum der städtischen Slums, da die Menschen vom Land abwandern, wo es nicht genügend Arbeitsmöglichkeiten gibt. Deshalb lebt heute weltweit etwa ein Drittel der Stadtbewohner in Slums.

Als Antwort auf diese Realitäten, die die landwirtschaftliche Entwicklung, die Verstädterung und die Völkerwanderung bestimmen, ist in China eine neue Bewegung für den ländlichen Wiederaufbau entstanden. Diese wird mit dem bahnbrechenden ökologischen Denken von Wen Tiejun in Verbindung gebracht und lehnt groß angelegte Agrobusiness-Systeme als praktikables Entwicklungsmuster unter den heutigen Umständen ab. Statt dessen wird eine Landwirtschaft im dörflichen System der kollektiven Landrechte (ein Produkt der chinesischen Revolution) angestrebt, die sich das traditionelle Wissen von etwa 240 Millionen Kleinbauern zunutze macht und es durch die zeitgenössische ökologische Wissenschaft ergänzt. Diese Transformation der Nahrungsmittelproduktion und der sozioökologischen Beziehungen beinhaltet auch den Ausbau der ländlichen Bildung, der medizinischen Versorgung und der Infrastruktur. Diese Strategie ist »den drei P (den Prinzipien des Volkes) verpflichtet: dem Lebensunterhalt des Volkes, der Solidarität des Volkes und der kulturellen Vielfalt des Volkes«.⁴

Sozialismus unvermeidlich

»Die Arbeit«, so betonte Marx, »ist zunächst ein Prozess zwischen Mensch und Natur, ein Prozess, worin der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigne Tat vermittelt, regelt und kontrolliert.«⁵ Es ist diese zentrale Stoffwechselbeziehung zwischen Mensch und natürlicher Umwelt, die nun durch den Kapitalismus in einem planetarischen Maßstab in Frage gestellt wird, der ständige und immer größer werdende Brüche in diesem Stoffwechsel erzeugt. Selbst wenn das globale Monopolfinanzkapital aufgrund seiner eigenen inneren Widersprüche einer endlosen Stagnationskrise zum Opfer fällt, überschreitet es in seinem Streben nach endloser Akkumulation auch alle ökologischen Grenzen.⁶

Wirtschaftswachstum im Kapitalismus ist laut Herman E. Daly untrennbar verbunden mit einer Zunahme »des Stoffwechselflusses von nützlicher Materie und Energie aus Umweltquellen, durch das ökonomische Subsystem (Produktion und Konsum) und zurück als Abfall in die Senkgruben der Umwelt«. Der Schlüssel zu einer nachhaltigen Gesellschaft ist daher die rationale Regulierung dieses »Stoffwechselflusses im Verhältnis zu den natürlichen Kreisläufen, die den Ressourcenverbrauch der Wirtschaft regenerieren und ihren Ausstoß von Abfall absorbieren sowie zahlreiche andere natürliche Dienstleistungen bereitstellen kann«.⁷ In Anerkennung dieser materiellen Zwänge und der Tatsache, dass die Produktion letztlich nichts anderes ist als das Verhältnis zwischen Mensch und Natur, definierte Marx den Sozialismus als eine Gesellschaft, in der »der vergesellschaftete Mensch, die assoziierten Produzenten, diesen ihren Stoffwechsel mit der Natur rationell regeln, (…) ihn mit dem geringsten Kraftaufwand und unter den ihrer menschlichen Natur würdigsten und adäquatesten Bedingungen vollziehn«.⁸

Von dieser rationalen und sozialen Regulierung des menschlichen Stoffwechsels mit der Natur, wie sie Marx im 19. Jahrhundert vorschwebte, sind wir allerdings weit entfernt. Heute bedroht der Riss in diesem Stoffwechsel den gesamten Planeten als Lebensraum für die Menschheit und unzählige andere Arten. Wie schwer die Lösung des Problems ist, das sich uns stellt, wenn wir sowohl die gegenwärtige globale Notlage als auch den unmäßig zerstörerischen sozialen Stoffwechsel des Kapitals angehen, sollte nicht heruntergespielt werden. Um einen katastrophalen Klimawandel zu vermeiden, wird es nach Einschätzung der Wissenschaft notwendig sein, einen Weg zu finden, die fossilen Brennstoffe im Boden zu halten. Wir müssen deutlich unter einer Billion Tonnen Kohlenstoffemissionen bleiben, wenn wir eine vernünftige Chance haben wollen, einen unumkehrbaren und katastrophalen Klimawandel zu vermeiden. Eine rasche Senkung des Verbrauchs fossiler Brennstoffe bedeutet jedoch, dass die Energiesubventionen, auf denen das heutige System des globalen monopolfinanzierten Kapitalismus beruht, abgeschafft werden müssen. Damit würde das gesamte System in Frage gestellt.

Zur Bewahrung künftigen Lebens auf dem Planeten wird es notwendig sein, die anderen planetarischen Verwerfungen wie das Artensterben, die Brüche im Stickstoff- und Phosphorkreislauf, die Übersäuerung der Ozeane, die verschwenderische Nutzung oder Verseuchung des Frischwassers, die Beseitigung des natürlichen Bodenbewuchses und die Erosion und Zerstörung der Böden rückgängig zu machen. Dazu sind wir ebenfalls gezwungen, uns mit dem Wesen unseres Gesellschaftssystems auseinanderzusetzen.

Die wirklich unbequeme Wahrheit ist, dass es zur Durchsetzung all dessen keinen anderen Weg gibt, als mit der alles beherrschenden Logik der Kapitalakkumulation zu brechen. Was sowohl für das langfristige Überleben der Menschheit als auch für die Schaffung eines neuen Zustands der »Fülle« erforderlich ist, ist das Erreichen eines kleineren ökologischen Fußabdrucks der globalen Ökonomie, gekoppelt mit einem System umfassender sozialer, technologischer und wirtschaftlicher Planung von, durch und für das Volk. Es bedeutet, den Mythos des absoluten Wirtschaftswachstums als Allheilmittel für alle Übel der Gesellschaft aufzugeben und zu einer nachhaltigen, stabilen Wirtschaft überzugehen, die auf einer nachhaltigen menschlichen Entwicklung und nicht auf der Akkumulation von Kapital beruht.

Nichtsdestotrotz lautet die düstere Realität, dass der Klimawandel und andere globale Verwerfungen dringende Maßnahmen innerhalb eines Zeitrahmens von einer Generation oder weniger erfordern, was praktisch keine anderen Optionen als revolutionäre gesellschaftliche Veränderungen zulässt. In seinem Bericht von 2018 erklärte das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC; kurz »Weltklimarat« genannt), dass bis 2050 »Systemübergänge« erforderlich seien, die »in ihrem Ausmaß beispiellos sind«. Will Steffen und ein Team von »Earth System«-Wissenschaftlern erklärten 2018 in den Protokollen der Nationalen Akademie der Wissenschaften, dass zur Vermeidung des Weges zum »Treibhaus Erde« grundlegende Veränderungen im »gegenwärtig dominierenden sozioökonomischen System« erforderlich seien, weil sich sonst der Planet durch einen Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur um zwei Grad Celsius unkontrolliert aufheizen würde. Wie der chinesische Autor Minqi Li 2008 warnte, werde uns das System unweigerlich in eine globale Katastrophe, ja sogar in die Vernichtung der Menschheit führen, wenn nicht sehr bald eine Abkehr vom Kapitalismus erfolge. Und selbst wenn dies eintreten sollte, wenn also der Sozialismus in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts triumphierte, »wird die Aufgabe für zukünftige sozialistische Regierungen nicht mehr darin bestehen, Katastrophen zu verhindern, sondern zu versuchen, sie zu überleben, während sie stattfinden«. Was heute mit Sicherheit gesagt werden kann, ist, dass die Chance für das Überleben der Menschheit um so größer ist, je früher die Welt die Logik des Kapitalismus in eine globale Bewegung für den Sozialismus umkehrt.⁹

Anmerkungen

1 Siehe Global Footprint Network: www.footprintnetwork.org

2 »Graue Energie« erfasst den kumulierten Energieaufwand, der im Gegensatz zum direkten Energiebedarf beim Verbrauch eines Produkts zu Buche schlägt und seinen indirekten Energiebedarf mit einschließt, also neben allen Vorprodukten inklusive Rohstoffgewinnung auch Herstellungsprozesse, Transport, Lagerung, Verkauf und Entsorgung; jW.

3 MEW Band 25, Berlin (DDR) 1964, S. 131

4 Vgl. Wen Tiejun et al: Ecological Civilization, Indigenous Culture, and Rural Reconstruction in China. In: Monthly Review 63/9 (Feb. 2012), S. 29–35; Wen Tiejun: Deconstructing Modernization. In: Chinese Sociology and Anthropology 49/4 (Sommer 2007), S. 10–25

5 MEW Band 23, Berlin (DDR) 1962, S. 192

6 Zum Verhältnis zwischen den inneren ökonomischen Widersprüchen des Kapitalismus und seinen äußeren ökologischen siehe Kent A. Klitgaard, Lisi Krall: Ecological Economics, Degrowth, and Institutional Change. In: Ecological Economics 84 (2012), S. 247–53

7 Herman E. Daly: Further Commentary. In: Tim Jackson: Prosperity Without Growth, London 2011, S. 267f.

8 MEW Band 25, Berlin (DDR) 1964, S. 828

9 Minqi Li: The Rise of China and the Demise of the Capitalist World Economy. New York und London 2008, S. 187; frei als PDF: digamo.free.fr/minqili08.pdf

John Bellamy Foster und Brett Clark: The Robbery of Nature. Capitalism and the Ecological Rift, Monthly Review Press, New York 2020, etwa 28 Euro

Übersetzung aus dem Englischen: Jürgen Heiser

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Debatte

  • Beitrag von Josie M. aus J. (10. Januar 2021 um 17:01 Uhr)
    Vielen Dank für diesen umfänglich-informativen Beitrag!

    Josie Michel-Brüning, Wolfsburg
  • Beitrag von Bjørn W. aus F. (10. Januar 2021 um 19:12 Uhr)
    Schon 1973 hat der Club of Rome in seiner Studie »Grenzen des Wachtums« auf diese Problematik hingewiesen und eindringlich massive Änderungen bis zum Jahr 2000 angemahnt/gefordert. Aus dieser Perspektive in der Zukunft lebend, sehen wir ja, was sich verändert hat. Nicht nur nichts – es ist noch schlimmer geworden.

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