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Aus: Ausgabe vom 09.01.2021, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Angriff auf Arbeitsrecht

Dumping aus dem Bilderbuch

Thalia stellt über Nacht seine Vertriebsstrukturen um und schickt 220 Berliner Beschäftigte in die Tariflosigkeit. Verdi: Konzern nutzt Coronakrise aus
Von Ralf Wurzbacher
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Thalia will mit Mitarbeitern nach Belieben umspringen

Böse Überraschung für die Beschäftigten bei Thalia zum Jahresauftakt. In einem Brief an die »lieben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter« vom 5. Januar hat das Management der Buchhandelskette »wichtige strukturelle Veränderungen« mit dem Ziel der »Verbesserung unserer Wettbewerbsposition« angekündigt. Im Kern laufen die Maßnahmen auf den flächendeckenden Ausstieg aus der Tarifbindung und dem Aufbau eines einheitlichen »Leistungs- und Vergütungssystems« hinaus. In einem ersten Schritt wurden dafür zum 1. Januar die 13 Berliner Filialen an zwei nicht tarifgebundene Gesellschaften angegliedert, ohne die Belegschaften davon vorab unterrichtet zu haben. Damit stelle man 220 Betroffene »kurzerhand vor vollendete Tatsachen« und »kündigt der Arbeitgeber den Betriebsfrieden auf«, beklagte die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi am Donnerstag in einer Stellungnahme.

Die Berliner Standorte bildeten zusammen mit den neun Zweigstellen in Hamburg die letzten Inseln im Thalia-Verbund wo noch auf Grundlage geltender Tarifverträge vergütet wurde. Mit den vorgenommenen Betriebsübergängen bleibt das Gehaltsniveau zwar noch für ein Jahr gesichert, danach werden die Beschäftigten von der allgemeinen Lohnentwicklung abgekoppelt. Laut besagtem Schreiben, das jW vorliegt, wurden zwölf Geschäfte in der Hauptstadt zu Jahresbeginn mit der Vertriebsgesellschaft Thalia Nord zusammengeführt, die Filiale im Bezirk Spandau sei an einen »kompetenten Partner« übergeben worden. Dabei handelt es sich um einen ehemaligen Geschäftsführer, der den Laden fortan auf Franchisebasis betreibt und zu diesem Zweck am 28. Dezember die Gerald Winter GmbH ins Handelsregister eintragen ließ.

Die außergewöhnliche Behandlung kommt wohl nicht von ungefähr: In Spandau ist der Berliner Betriebsratsvorsitzende an- und mit der Ausgründung praktisch kaltgestellt. Es dränge sich die Frage auf, »ob man sich hier mit miesen Tricks eines unbequemen Kollegen entledigen will«, bemerkte Erika Ritter, zuständige Verdi-Landesfachbereichsleiterin in Berlin-Brandenburg. Gegenüber jW brachte sie am Freitag ihre Empörung angesichts der Vorgänge zum Ausdruck. Das Unternehmen »nutzte in infamer Weise die Widrigkeiten der Coronakrise und den Jahreswechsel aus, um in grober Missachtung der Mitbestimmungsrechte und arbeitsrechtlicher Regelungen mit der Sozialpartnerschaft zu brechen«. Und weiter: »Die Herrschaften in der Firmenleitung sollten sich dafür schämen.«

Auch die Kollegen in der Hansestadt müssen sich auf das Schlimmste gefasst machen. Wie jW am Freitag aus verlässlicher Quelle erfuhr, wurde dort die Mitgliedschaft im Unternehmerverband des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels Nord zum 30. Dezember 2020 mit Wirkung zum 31. Dezember 2021 gekündigt. Zugleich hat Thalia deutschlandweit eine OT-Mitgliedschaft (»ohne Tarifbindung«) im Handelsverband Deutschland (HDE) angemeldet. Langfristig strebt die Vorstandsetage die »Reduktion der noch verbliebenen sechs Vertriebsgesellschaften auf eine minimale Anzahl (…) und eine weitgehende Vereinheitlichung« an, heißt es in der Verlautbarung. Begründet wird das Vorgehen mit dem Erfordernis einer schnellen durchgängigen Steuerbarkeit, »um auf marktseitige Veränderungen, wie zum Beispiel Corona oder die Digitalisierung, besser antworten zu können«.

Natürlich verkaufen die Bosse die Einschnitte als Segen. Es gehe um »langfristige Effizienz und Flexibilität und nicht um reine Kostensenkung«. Mit dem geplanten Vergütungsmodell wären Leistungsanreize »transparent und klar definiert«, Gehaltssteigerungen sollten »an den jeweilig aktuellen Unternehmenserfolg gekoppelt werden«. Viele Mitarbeitende würden sich damit sogar besserstellen. Dazu sei mehr Einheitlichkeit »eine Frage der Fairness« gegenüber Beschäftigten in den »heute noch unterschiedlichen Gesellschaften und deren Strukturen«. Zur Einordnung: Die Thalia Bücher GmbH mit Sitz in Hagen fährt seit langem einen aggressiven Expansionskurs und stieg durch zahlreiche Zukäufe, Fusionen und Beteiligungen im deutschsprachigen Raum zum Marktführer im Sortimentbuchhandel auf. Bei etlichen Unternehmenstöchtern, selbst solchen, deren Geschäfte den Namen Thalia tragen, wird schon heute deutlich unter Tarif bezahlt.

Verdi-Sekretärin Ritter kündigte eine Informationskampagne an, »damit die Leute nichts vorschnell unterschreiben, was sie um ihre bestehenden Ansprüche bringt«. Auch die Einleitung rechtlicher Schritte werde man prüfen.

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