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Aus: Ausgabe vom 08.01.2021, Seite 16 / Sport
Skispringen

Bloß nicht klein beigeben

Vierschanzentournee: Für deutschen Gesamtsieg reichte es wieder nicht, Skispringerinnen bleiben weiterhin außen vor
Von Gabriel Kuhn
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Wäre gewiss gern Sieger der Vierschanzentournee geworden: Karl Geiger (Zweitplazierter)

Es war zu erwarten. Auch in diesem Jahr reichte es nicht für den ersten deutschen Gesamtsieg bei der Vierschanzentournee der Skispringer seit 2002. Damals gewann der legendäre Sven Hannawald. Dabei hatte der prestigeträchtigste Wettbewerb der Skisprungsaison für das deutsche Team so gut begonnen. Am 29. Dezember gewann Karl Geiger das Auftaktspringen in seinem Heimatort Oberstdorf. Nach dem Springen in Garmisch-Partenkirchen, wo er Fünfter wurde, lag er in der Gesamtwertung auf Rang zwei, nur vier Punkte hinter dem führenden Norweger Halvor Egner Granerud. Der Traunsteiner Markus Eisenbichler rangierte auf Platz fünf. Dann verhauten Geiger und Eisenbichler den ersten Durchgang in Innsbruck, womit es um den möglichen Gesamtsieg geschehen war. Zwar hatten sich beide im zweiten Durchgang erheblich verbessert, doch der polnische Tagessieger Kamil Stoch flog ihnen in der Gesamtwertung um mehr als 20 Punkte davon. Auch Vorjahressieger Dawid Kubacki, ebenfalls aus Polen, und Granerud waren vor dem deutschen Duo platziert.

Beim Abschlussspringen in Bischofshofen zeigte Geiger als Dritter eine starke Leistung. Am letztlich überlegenen Gesamtsieg Stochs gab es aber nichts mehr zu rütteln. Er gewann das Springen vor dem Norweger Marius Lindvik und damit die Tournee nach 2017 und 2018 zum insgesamt dritten Mal. Geiger überholte in der Gesamtwertung noch Kubacki und Granerud und landete auf Rang zwei. Mit dem missglückten ersten Durchgang in Innsbruck haderte er nicht. »Mega glücklich« sei er, sagte er dem ZDF. Markus Eisenbichler stürzte im ersten Durchgang von Bischofshofen komplett ab und qualifizierte sich nicht einmal für das Finale der letzten 30. In der Gesamtwertung fiel er auf Platz 16 zurück. Drittbester Deutscher im Gesamtklassement wurde der Routinier Severin Freund auf Platz 27.

Die 69. Vierschanzentournee war eine besondere. Die Sprungstadien, in denen sich gewöhnlich Tausende begeisterter Zuschauer einfinden, blieben aufgrund der Coronabestimmungen leer. Ob es im kommenden Jahr wieder die gewohnten Massenaufläufe geben wird, steht in den Sternen.

Ebenfalls in den Sternen steht, wann es endlich zur ersten Vierschanzentournee für Skispringerinnen kommen wird. Für Sven Hannawald, heute als Skisprungexperte für die ARD tätig, ist die Damentournee ein »absolutes Muss«. Andere Herren zeigen sich weniger aufgeschlossen. Sandro Pertile, Renndirektor beim Internationalen Skiverband FIS, erklärte im Deutschlandfunk: »Wir können keinen Top-Event für ein paar Athletinnen organisieren. Am Ende des Tages müssen wir unser Produkt im TV präsentieren.« Auch der Präsident der Vierschanzentournee, Johann Pichler, sorgt sich um sein »Premiumprodukt«. Gar keine Meinung zum Thema hat der Bundestrainer des deutschen Herrenteams, Stefan Horngacher. Bei einer Presserunde erklärte er sich für die Frage nicht zuständig, er sei schließlich kein Damentrainer.

Sollten die Verantwortlichen die Teilnahme der Skispringerinnen an der Vierschanzentournee zu lange hinauszögern, müssen sie sich auf Widerstand gefasst machen. Als das Internationale Olympische Komitee sich weigerte, bei den Winterspielen in Vancouver 2010 einen Damenwettbewerb zu organisieren, zogen 15 Springerinnen vor ein kanadisches Gericht. Vier Jahre später in Sotschi durften sie antreten. Erste Olympiasiegerin wurde Carina Vogt aus Schwäbisch Gmünd.

Klein beigeben werden die Skispringerinnen auch diesmal nicht. Als ihr Sprachrohr hat sich die 24jährige Oberstdorferin Katharina Althaus etabliert, dreifache Medaillengewinnerin bei den Nordischen Skiweltmeisterschaften 2019. Im Dezember vom Nachrichtenmagazin Focus zum Ausschluss der Springerinnen vom Skifliegen befragt, erklärte sie: »Die FIS hat offenbar Angst davor, dass die Frauen zu stark werden. Vielleicht würde sich dort sogar zeigen, dass Frauen gegenüber den Männern Vorteile haben und weiter fliegen.« Die Chancen, wieder einmal einen deutschen Gesamtsieg bei der Vierschanzentournee zu landen, würde die Teilnahme der Damen in jedem Fall erhöhen.

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