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Aus: Ausgabe vom 07.01.2021, Seite 6 / Ausland
Glaube und Politik

In Gottes Namen lieber sterben

Griechenlands Kirche macht auch in Covidzeiten mit religiösem Eifer Politik
Von Hansgeorg Hermann, Chania
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Bekennender Freund des Klerus: Griechenlands Premier Kyriakos Mitsotakis mit dem Obersten der orthodoxen Kirche, Hierony­mos II. (Athen, 5.1.2021)

Griechenlands Orthodoxe Kirche mischte schon immer mit in der Politik, meist auf dem äußersten rechten Flügel. Seit die Covid-19-Seuche auch das Land an der Ägäis mit Wucht getroffen hat, stehen die greisen Männer mit den gewaltigen Rauschebärten, die Erzbischöfe und Metropoliten, wieder einmal im Mittelpunkt einer seit Jahrzehnten geführten Diskussion: Soll und darf sich eine ­Institution, die als Staatskirche in der Verfassung verankert ist, der Entscheidung einer Regierung widersetzen? Dürfen die Popen ihre Kirchen aufmachen, wenn Minister und Parlamentsabgeordnete Kontaktsperren und Quarantäne für das ganze Land verordnet haben? Für Anthimos Roussas, Metropolit in Griechenlands zweitgrößter Stadt Thessaloniki, stellt sich diese Frage nicht. »Harten Widerstand« kündigte er zu Beginn der Woche sogar dem rechtskonservativen Ministerpräsidenten Kyriakos Mitsotakis an, einem bekennenden Freund des Klerus.

Der 86 Jahre alte Kirchenfürst ist ein gewaltiger Machtfaktor im politischen Betrieb Griechenlands. Vor allem, wenn es gilt, in der Tagespolitik zwischen den geistlichen und den tatsächlichen Bedürfnissen von rund elf Millionen Menschen so abzuwägen, dass die Orthodoxie die Gesellschaft immer im Griff behält. Die vielen hohen Festtage sind so ein Fall. Als im vergangenen Herbst, kurz nach dem Ende der Touristiksaison die Zahl der Covid-19-Fälle in die Höhe schnellte, vor allem in den Universitätsstädten Athen und Thessaloniki, wagte es Mitsotakis dennoch nicht, den Lockdown vor dem 26. Oktober zu verhängen. Dieser Tag ist dem Schutzpatron Thessalonikis geweiht, dem »Heiligen Dimitrios«, der als »Ritter der himmlischen Heerscharen« für die Gläubigen zu den wichtigsten metaphysischen Ansprechpartnern zählt.

Zum Zwist zwischen den kirchlichen und den weltlichen Entscheidungsträgern kam es erneut, weil am 6. Januar die Epiphanie, die »Erscheinung des Herrn« gefeiert wird. Der Pope, Bischof oder Metropolit wirft einen Kranz oder ein Kreuz aus Blumen ins Wasser am Meer, am See oder am Fluss und segnet damit symbolisch die gesamte Schöpfung. Erinnert wird gleichzeitig an die Taufe Jesu im Jordan. Kaum hatte Mitsotakis jüngst das verspätete Herunterfahren des Gesellschaftslebens im Oktober als »großen Fehler« bezeichnet und für die Epiphanie am gestrigen Mittwoch strengen Gehorsam auch von der Kirche verlangt, traf ihn nicht nur der Blitz aus der Metropolis im Norden, sondern der Bannstrahl der gesamten Synode. Der Athener Erzbischof, Metropolit und Primas der griechischen Orthodoxie, Hierony­mos II., ließ wissen, dass in den »heiligen Tempeln« (griechisch: Ieros Naos) des Landes selbstverständlich die Messe gelesen werde – und zwar öffentlich, zusammen »mit den Gläubigen«.

Ein Affront, den Mitsotakis’ Minister für Wirtschaftsentwicklung und Investitionen, Adonis Georgiadis, mit dem Hinweis abzufedern versuchte, »der Respekt vor der Kirche« und ihrer historisch wichtigen Rolle gebiete es, die Entscheidung der Bischöfe nicht allzu hoch zu hängen. Der ehemalige Generalsekretär der faschistischen Formation Laos ist dem Rassisten und Antisemiten Anthimos ein Bruder im Geiste und sichert dem Regierungschef die äußere rechte politische Flanke. Allerdings hat die Entschlossenheit der geistlichen Hirten, sogar auf das regierungsamtlich vorgeschriebene Tragen von Schutzmasken zu verzichten, nicht nur einen denkbar schlechten Einfluss auf die gläubige Herde; sie forderte nun auch ihr erstes Opfer in den eigenen Reihen. Am 29. Dezember erlag der Metropolit des Bistums Kastorià, der 61 Jahre alte Seraphim der Seuche.

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