Die junge Welt drei Wochen gratis testen
Gegründet 1947 Dienstag, 19. Januar 2021, Nr. 15
Die junge Welt wird von 2464 GenossInnen herausgegeben
Die junge Welt drei Wochen gratis testen Die junge Welt drei Wochen gratis testen
Die junge Welt drei Wochen gratis testen
Aus: Ausgabe vom 07.01.2021, Seite 5 / Inland
Klimakrise

Klimakiller im Aufwind

Weltweiter Fleischkonsum steigt und bringt schwerwiegende Folgen für die Umwelt. Gewinner sind einige wenige Konzerne
Von Bernd Müller
imago0106930157h.jpg
Der Fleischkonsum ist in Industrieländern besonders hoch: In der BRD wurden 2019 knapp 60 Kilogramm pro Person gegessen, in den USA waren es mehr als 100 Kilogramm

Die Welt verlangt nach Fleisch. Auch wenn sich hierzulande immer mehr Menschen vegetarisch oder vegan ernähren – der weltweite Fleischbedarf steigt unaufhörlich. Das geht aus dem aktuellen »Fleischatlas« hervor, der am Mittwoch von der Heinrich-Böll-Stiftung und dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) vorgestellt wurde.

Beide Organisationen fordern von der deutschen und EU-Politik gezielte Strategien für einen Rückgang des Verbrauchs um mindestens die Hälfte. In den zurückliegenden zwei Jahrzehnten hat sich der Fleischverbrauch allerdings mehr als verdoppelt, und die Prognosen zeigen auch für die kommenden Jahre einen deutlichen Anstieg. Gründe dafür sind unter anderem eine zunehmende Weltbevölkerung und steigender Wohlstand.

In den Industrieländern liegt der Fleischkonsum nach wie vor am höchsten: In Deutschland wurden 2019 knapp 60 Kilogramm pro Person gegessen, in den USA und in Australien sind es mehr als 100 Kilogramm. Doch seit einigen Jahren sinkt die Nachfrage in diesen Ländern leicht, heißt es im »Fleischatlas«, »weil die Bedenken bezüglich Gesundheit, Tierwohl und Umwelt zunehmen«.

Für den Atlas wurde zudem eine Umfrage in Auftrag gegeben, um das Stimmungsbild der 15- bis 29jährigen in Deutschland einzufangen. 70 Prozent von ihnen gaben an, die Massentierhaltung abzulehnen. 40 Prozent der Befragten sagten, sie würden wenig Fleisch essen, und 13 Prozent ernähren sich demnach vegetarisch oder vegan – doppelt soviel wie in der Gesamtbevölkerung.

Das größte Wachstum des Fleischverbrauchs wird wohl in den Ländern des »Südens« stattfinden. Mit Verweis auf die OECD heißt es, dort werde bis 2028 die Nachfrage viermal mehr als in den Industrieländern steigen. Das Essverhalten ändert sich dort zwar nur kaum, aber die Bevölkerung wächst. Pro Person, so die Prognose beispielsweise für den afrikanischen Kontinent, steigt der Verbrauch in den nächsten zehn Jahren von 17 auf 17,5 Kilogramm.

Der weltweite Anstieg der Fleischnachfrage ist eine Katastrophe für Umwelt und Klima – seit Jahren ist das bekannt: Regenwälder werden für den Anbau von Futtermitteln abgeholzt, Moore werden für die Weidehaltung ausgetrocknet, so dass die Torfböden enorme Mengen an Klimagasen freisetzen.

Auch für die Gesundheit der Menschen birgt der Anstieg enorme Risiken – nicht nur, weil Fleischkonsum Zivilisationskrankheiten fördert. In Ställen werden große Mengen Antibiotika verwendet, was Resistenzen von Krankheitskeimen fördert. Die Pandemie hat auch die durch Massentierhaltung begünstigte Zoonosen (das Überspringen von Krankheitserregern vom Tier auf den Menschen) in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt.

Profiteure dieser Entwicklung sind einige wenige Konzerne, die sich einen globalen Konkurrenzkampf bieten. Sie verfügen über eine Marktmacht, um solch niedrige Erzeugerpreise durchzusetzen, dass die Zuchtbetriebe teilweise unter deren Produktionskosten verkaufen müssen. Der Kostendruck hat nicht nur fatale Auswirkungen auf das Tierwohl. Er zwingt die Landwirte auch dazu, eine immer größere Zahl von Tieren halten zu müssen.

Dass Landwirte nicht reihenweise bankrott gehen, liegt oftmals an den Agrarsubventionen. Nach einem Bericht des internationalen Netzwerkes Agri Benchmark von 2019 haben sie in der EU dafür gesorgt, dass Betriebe trotz der verlustreichen Kuh- und Kälberaufzucht noch unterm Strich Gewinne einfuhren.

Nicht weniger bedeutungsvoll für niedrige Preise auf dem Weltmarkt sind die Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie. Mit der Coronakrise geriet das System der Werkvertrags- und Zeitarbeit in der Branche in die Schlagzeilen. Seit dem 1. Januar sind nun Werkverträge verboten, ab dem 1. April gilt das Verbot auch – mit Einschränkungen – für die Zeitarbeit. Die großen Player der Branche, Tönnies, Westfleisch und Vion Deutschland, haben inzwischen nach eigenen Angaben rund 12.300 Werkarbeiter in die eigene Belegschaft übernommen.

Die Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) zeigte sich zufrieden. Man habe nicht den Eindruck, bei dem seit dem 1. Januar gültigen Gesetz handle es sich um Kosmetik. »Wenn die Branche das jetzt nicht verstanden hat, dass sich etwas ändern muss, dann ist denen nicht zu helfen«, sagte NGG-Sekretär Johannes Specht. Ändern heiße: »faire Arbeit, mit Einhaltung der Gesetze und mit Tarifverträgen«. Zu letzteren gab es bislang keine Einigung.

Teste die Beste linke, überregionale Tageszeitung.

Kann ja jeder behaupten, der oder die Beste zu sein! Deshalb wollen wir sie einladen zu testen, wie gut wir sind: Drei Wochen lang (im europ. Ausland zwei Wochen) liefern wir Ihnen die Tageszeitung junge Welt montags bis samstags in Ihren Briefkasten – gratis und völlig unverbindlich! Sie müssen das Probeabo nicht abbestellen, denn es endet nach dieser Zeit automatisch.