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Aus: Ausgabe vom 05.01.2021, Seite 16 / Sport
Skispringen

Und dann kam Innsbruck

Vierschanzentournee im Skispringen: Karl Geiger stürzt ab, Kamil Stoch führt
Von Gabriel Kuhn
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Konnte seine Erfolgsserie nicht fortsetzen: Skiflugweltmeister Karl Geiger wurde am Sonntag in Innsbruck nur 16.

Skispringen zählt zu den Sportarten mit Gladiatorencharakter. Kaum jemand betreibt sie, doch viele schauen zu. In Meinungsumfragen zu den in Deutschland beliebtesten Wintersportarten landet das Skispringen seit Jahren an der Spitze, obwohl es gerade einmal ein paar hundert Aktive gibt. Wahnsinnige, die mit 100 Kilometern pro Stunde über die Schanze fahren, um dann 100 Meter durch die Luft zu segeln.

Für den Nervenkitzel des Publikums gibt es spektakuläre Stürze. Seit der Umstellung auf den V-Stil Anfang der 90er Jahre ist das Skispringen zwar sicherer geworden. Die breitere Skiführung sorgt für mehr Stabilität, außerdem hat sich der Luftstand verringert. Schwere Verletzungen begleiten den Sport jedoch weiterhin. Seit einem Sturz im Januar 2016 auf der Skiflugschanze am Kulm in der Steiermark ist der ehemalige österreichische Skispringer Lukas Müller querschnittsgelähmt. Erst drei Jahre später bestätigte der Verwaltungsgerichtshof, dass es sich um einen »Arbeitsunfall« gehandelt habe und Müller vom österreichischen Skiverband »Kompensation« zu erhalten habe. Die Verbandsfunktionäre hatten den Sturz als »Freizeitunfall« eingestuft. Das vom österreichischen Gewerkschaftsbund gefeierte Urteil gilt als Präzedenzfall für eine bessere Absicherung der »Hochrisikosportler«.

Der seit Jahrzehnten populärste Wettbewerb der Skispringer ist die Vierschanzentournee. Höchstens eine Goldmedaille bei Olympischen Spielen ist mit einem Sieg dort zu vergleichen. Die Tournee wird seit 1953 ausgetragen, immer rund um den Jahreswechsel. Die Austragungsorte waren damals dieselben wie heute: Oberstdorf und Garmisch-Partenkirchen in Deutschland, Innsbruck und Bischofshofen in Österreich. Wo normalerweise Länderspielatmosphäre herrscht, findet sich in diesem Jahr gähnende Leere. Skispringen im Coronawinter.

Beim Auftaktspringen in Oberstdorf sorgte das Virus für jede Menge Wirbel. Aufgrund eines positiven Tests des polnischen Springers Klemens Muranka musste die gesamte polnische Mannschaft in Quarantäne, darunter der Vorjahressieger der Tournee, Dawid Kubacki. Die Polen versäumten alle Trainingssprünge. Erst eine negative Testserie am Tag des Wettkampfs ermöglichte ihr kurzfristiges Antreten. Ein Trainingssprung wurde in aller Eile nachgeholt. Kamil Stoch belegte einen unter diesen Umständen sensationellen zweiten Platz. Geschlagen wurde er nur vom Oberstdorfer Lokalmatador und frischgebackenen Skiflugweltmeister Karl Geiger. Markus Eisenbichler, Weltmeister auf der Großschanze 2019, wurde guter Fünfter.

Bei den Springen in Garmisch-Partenkirchen am 1. Januar und in Innsbruck am 3. Januar trumpfte das polnische Team dann groß auf. In Garmisch gewann Kubacki, Piotr Zyla wurde Dritter, Stoch Vierter. Karl Geiger landete auf Platz fünf, Markus Eisenbichler auf Rang sieben. In der Gesamtwertung schob sich der Zweite der Tageswertung, der überlegene Weltcupführende Halvor Egner Granerud aus Norwegen, nach vorne. Hinter ihm lagen Geiger, Stoch, Kubacki und Eisenbichler.

Und dann kam Innsbruck. Immer wieder Innsbruck, wo die deutschen Springer seit knapp 20 Jahren ihre Chancen auf einen Gesamtsieg bei der Tournee immer wieder begraben. Der letzte deutsche Gesamtsieger war der legendäre Sven Hannawald im Jahr 2002. Heuer stürzte Karl Geiger im ersten Durchgang ab. Ein guter zweiter Sprung sicherte ihm immerhin noch Platz 16. Markus Eisenbichler wurde solider Sechster, hatte den wieder überragend springenden Polen jedoch nichts Entscheidendes entgegenzusetzen. Dieses Mal gewann Stoch, Kubacki wurde Dritter, Zyla Vierter. Dazwischen schob sich als Zweiter der Slowene Anze Lanisek. Vor dem Abschlussspringen in Bischofshofen am 6.1. liegt Stoch damit in der Gesamtwertung klar vor Kubacki und Granerud. Geiger und Eisenbichler befinden sich auf den Rängen vier und fünf. Nur ein Wunder könnte einen von ihnen noch auf Platz eins katapultieren. Das Warten auf den nächsten deutschen Gesamtsieger der Vierschanzentournee wird aller Voraussicht nach weitergehen.

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