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Aus: Ausgabe vom 05.01.2021, Seite 5 / Inland
Lernfabriken

Privathochschule auf Staatskosten

Nach Ausstieg des Mehrheitseigners sucht Bremen nach Investoren für ruinöse Jacobs Universität
Von Ralf Wurzbacher
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Eine private Lernfabrik als steuerfinanzierter Kostenfaktor

Die chronisch defizitäre Jacobs Universität Bremen (JUB) bleibt auch zwei Jahrzehnte nach ihrer Gründung ein Fass ohne Boden. Im Sommer knapp an der Insolvenz vorbeigeschrammt, ist die mit massenhaft Steuermitteln gepäppelte sogenannte Privatuni seit Jahresbeginn nun auch ganz offiziell ein Verlustbetrieb in staatlicher Obhut. Weil sich der Plan des Bremer Senats, rasch einen potenten Investor aufzutreiben, nicht erfüllt hatte, gingen die Mehrheitsanteile an der Einrichtung zum 1. Januar auf den landeseigenen »Verein zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung in der Freien Hansestadt Bremen« über. Steigt bis Jahresmitte kein Geldgeber ein, droht das endgültige Aus mit weiteren millionenschweren Verlusten für die öffentliche Hand.

Dabei hatte Wissenschaftssenatorin Claudia Schilling (SPD) noch Mitte November eine ganz große Lösung präsentiert. Demnach stehe ein Konsortium aus dem deutschen Softwareriesen SAP, dem chinesischen IT-Unternehmen Neusoft und dem Deutschen Forschungszentrum für künstliche Intelligenz (DFKI) bereit, den Campus im Ortsteil Grohn zu einem Hochschul- und Weiterbildungskomplex für Künstliche Intelligenz (KI) umzuwandeln. Die derzeit von der Uni betriebenen Studiengänge sollten dabei mittelfristig auslaufen und einer grundlegenden Neuausrichtung Platz machen, wodurch der Standort laut Schilling bundesweit zur »Speerspitze« bei der KI-Entwicklung aufstreben werde. Festgemacht werden sollten die schönen Pläne spätestens bis Jahresende in einer schriftlichen Absichtserklärung namens »Letter of Intent«.

Unterschrieben ist allerdings bis heute nichts. Am 20. Dezember berichtete der Weserkurier über »gebremste Erwartungen« bei SAP hinsichtlich des Projekts. Das Vorhaben werde von einer Mehrheit des Vorstands gar nicht mitgetragen, nur einige Mitglieder seien damit vorgeprescht. Man prüfe zwar Kooperationen im Bereich KI, das müsse aber nicht unbedingt die JUB betreffen, und »anders als bisweilen berichtet, steht die Art und Weise einer Zusammenarbeit noch nicht fest«, verlautete aus der Walldorfer Firmenzentrale. Ein Schnellschuss war wohl auch die Ankündigung eines Dreierbündnisses mit DFKI und Neusoft, das so gar nicht mehr existieren soll. Womöglich weckte eine Beteiligung der Chinesen auch den Argwohn der Verantwortlichen. »Da sind Konflikte programmiert«, zitierte Ende November die Taz den JUB-Mathematikprofessor Marcel Oliver.

Ministerin Schilling übt sich derweil in Schadensbegrenzung und erklärte zuletzt, »in intensiven Gesprächen mit potentiellen Partnern aus dem IT-, KI- und Wissenschaftsbereich« zu sein, ohne indes Namen zu nennen. Die Zeit drängt, nachdem im vergangenen Juli die Schweizer Jacobs Foundation nach 14 Jahren ihren Rückzug als Hauptsponsor der JUB bekanntgegeben hatte. Die Stiftung hatte die 2001 als »International University Bremen« (IUB) gegründete Hochschule 2006 mit einem Investment von über 200 Millionen Euro vor der Pleite bewahrt und seither mehr schlecht als recht und mit immer wieder neuen Geldspritzen von Land und Bund über Wasser gehalten. Bisher hat die JUB schon weit über 200 Millionen Euro an Direktsubventionen verschlungen, und ein Ende ist selbst dann nicht in Sicht, wenn sich ein neuer Investor findet. Allein die Ablösung eines Kredits über knapp 50 Millionen Euro aus dem Jahr 2003, den das Land inzwischen übernommen hat, schlägt bis 2023 mit jährlich acht Millionen Euro zu Buche (siehe jW, 19.04.2018).

Immerhin an Einsicht fehlt es Schilling nicht. Es sei deutlich geworden, »dass das bisherige Geschäftsmodell der JUB nicht tragfähig ist und ohne einen hohen Zuschussbedarf nicht weitergeführt werden kann«. Eine Privatuni durch öffentliche Mittel zu finanzieren, ist für sie »jedoch keine Option«. Nur, was passiert, wenn kein Investor anbeißt? Schließlich hat sich das Land für den Fall einer Insolvenz im kommenden Sommer verpflichtet, den Studierenden einen Hochschulabschluss zu garantieren. Ein entsprechend reduzierter Weiterbetrieb würde die Steuerzahler allerdings noch einmal geschätzt 50 Millionen Euro kosten.

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