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Aus: Ausgabe vom 02.01.2021, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage
Bildreportage

Anders als andere

Freiheit, Stolz und Familie: Irische »Reisende« mit der Kamera dokumentiert
Von Joseph-Philippe Bevillard
Ann und Michael, die mit ihrem Caravan in Limerick Station gemacht haben (2016)
Chloe im Caravan ihrer Familie in Limerick (2017)
Nachfahren einer Kultur, deren Geschichte bis in präkeltische Zeiten zurückreicht
Christina mit ihrem Pitbull (Limerick, 2017)
Diskriminiert und stolz: Frank Dodd in Clare (2012)
Ein Pavee auf der Rampe eines Pferdeanhängers in Clare (2012)

Familiäre Bedürfnisse bestimmen, wo wir leben – was wiederum Auswirkungen auf unsere fotografische Arbeit hat. Ich bin in Boston als Sohn französischstämmiger Eltern aufgewachsen und zur Schule gegangen. Seit 1990 habe ich als Dokumentarfotograf in Schwarzweiß gearbeitet. Als meine Eltern im Jahr 2000 nach Frankreich zurückgingen und meine brasilianische Exfrau nach Irland zog, beschloss ich ebenfalls nach »Eire« zu gehen. Neben dem Wunsch, meine Familie irgendwie zusammenzuhalten, hielt ich Irland für einen guten Ort, um meine Söhne aufzuziehen. An den Mix der Kulturen gewöhnt, war ich begeistert zu sehen, was uns begrüßte, als wir den Flughafen in Shannon verließen.

Aus dem Fenster des Taxis entdeckte ich am Straßenrand eine lange Reihe Caravans und weiße Transporter. Diese nomadische Gemeinschaft war voller Leben: Mütter und Töchter, die Hausarbeiten erledigten, junge Männer, die Müll in einem Lagerfeuer verbrannten, spärlich bekleidete Kinder, große schwarze und weiße Ponys, handgewaschene Wäsche an provisorischen Wäscheleinen – fließend Wasser gab es an der Stelle, an der sie am Rande der Straße kampierten, offensichtlich nicht. Der Fahrer erklärte mir, dass sie »Reisende« (Eigenbezeichnung »Pavee«, jW) genannt werden. Mit einer Geschichte, die bis in präkeltische Zeiten zurückreicht, sind sie in Irland als ethnische Minderheit anerkannt. Ihre Kultur und die nomadische Lebensart unterscheidet sie von der »sesshaften« Bevölkerung. Fasziniert von ihnen, verbrachte ich zehn Jahre damit, sie in ihren Heimen, bei Zusammenkünften und Festivals zu besuchen.

2010 wurde es ernst: Mit einer Portion Abenteuerlust begann ich, die Kultur der Pavees zu dokumentieren. Die erste Herausforderung bestand darin, das Vertrauen dieser Inselbevölkerung zu gewinnen. Schätzungen gehen von rund 35.000 Pavees in Irland aus. Mädchen werden im Alter zwischen 15 und 19 verheiratet, und es wird erwartet, dass sie dabei Jungfrauen sind. Große Familien sind üblich. Um »Hausbesetzungen« auf privatem Land einzudämmen, werden den Caravans öffentliche Plätze zur Verfügung gestellt. Diese befinden sich oft auf oder neben vergiftetem Land, beispielsweise ehemalige Mülldeponien oder Kläranlagen. Auch wenn die Pavees hilfreiche Dienste in den Städten, die sie durchqueren, anbieten, werden sie wegen ihrer Art sich zu kleiden, fehlender Bildung und gelegentlichen Fehden zwischen verschiedenen Klans von vielen diskriminiert. Ich wurde anfangs mit Vorsicht, Misstrauen oder auch Neugier, aber niemals feindselig behandelt.

Im Laufe der Zeit, nachdem ich viele ihrer Märkte und jährlichen Veranstaltungen besucht hatte, begannen die Pavees, mich zu grüßen und auch zum Tee einzuladen. Pavees sind sehr stolz auf ihre Kultur – und diese Würde versuche ich zu zeigen. Es gab auch Hindernisse, da ich taub bin und dies verbale Kommunikation erschwert. Trotz meiner Fähigkeit, Lippen lesen zu können, gab es Probleme: Die Menschen in Irland tendieren im allgemeinen dazu, sehr schnell zu reden. Damit ich Lippenlesen kann, muss die Person, mit der ich spreche, mich direkt anschauen. Und trotz ihrer nach außen gezeigten Schnoddrigkeit brachte diese direkte Nähe ihre Schüchternheit zum Vorschein. Aber als ich meine Hasselblad herausholte, um ein Foto zu machen, war alles Unbehagen gewichen.

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