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Aus: Ausgabe vom 02.01.2021, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

In aller Eile

Auszüge aus Briefen Rosa Luxemburgs an Clara Zetkin vom November 1918 bis zum Januar 1919
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Berlin, 21. Januar 1910: Clara Zetkin (l.) und ­Rosa Luxemburg

Meine Adresse: Berlin, Hotel Moltke, 18. November 1918

Liebste, in aller Eile nur zwei Zeilen. Ich bin, seitdem ich aus dem Zug gestiegen bin (Rosa Luxemburg war am 8. November 1918 aus dem Breslauer Gefängnis entlassen worden. Sie kehrte am 10. November nach Berlin zurück, jW), noch nicht mit einem Fuß in meiner Wohnung gewesen. Die ganze Zeit bis gestern war Jagd hinter der Roten Fahne her. Erscheint sie – erscheint sie nicht? Darum drehte sich der Kampf von früh bis spät. Endlich ist sie da. Du musst Geduld mit ihr haben, sie ist technisch noch nicht auf der Höhe, das kommt alles nach und nach. Vor allem aber will ich Dein Urteil über den Inhalt hören. Ich habe das Gefühl, dass wir völlig konform gehen werden, und das macht mich glücklich. Alle meine Gedanken und mein Herz sind bei Dir. Wenn ich nur zu Dir für einen Tag könnte! Aber das wird jetzt gehen, sobald die Züge wieder funktionieren. Einstweilen schreibe mir Eilbrief. Ich warte sehnlichst auf Deinen Artikel – ganz kurz! Mach Dir nicht viel Arbeit, Deinen Namen wollen wir gleich haben. Schreibe etwas vielleicht über Frauen (der Artikel Clara Zetkins erschien unter dem Titel »Die Revolution – der Frauen Dank« in der Roten Fahne vom 22. November 1918, jW), das ist so wichtig jetzt, und niemand von uns versteht was davon.

Berlin, 25. Dezember 1918

Liebste Klara, heute sitze ich zum ersten Mal seit Breslau an meinem Schreibtisch und will Dir einen Weihnachtsgruß senden. Wieviel lieber wäre ich zu Dir gefahren! Aber davon kann keine Rede sein, da ich an die Redaktion (Rosa Luxemburg war zusammen mit Karl Liebknecht für die Herausgabe der Roten Fahne verantwortlich, jW) angekettet bin und jeden Tag dort bis Mitternacht in der Druckerei bin, um auch den Umbruch zu beaufsichtigen, außerdem treffen bei diesen aufgeregten Zeiten erst um zehn oder elf Uhr nachts die dringendsten Nachrichten und Weisungen ein, auf die sofort reagiert werden muss. Dazu fast jeden Tag vom frühen Morgen Konferenzen und Besprechungen, dazwischen noch Versammlungen und zur Abwechslung alle paar Tage die dringende Warnung von »amtlichen Stellen«, dass Karl und mir von Mordbuben aufgelauert wird, so dass wir nicht zu Hause schlafen sollen, sondern jede Nacht anderswo Obdach suchen müssen, bis mir die Sache zu dumm wird und ich einfach wieder nach Südende (die Wohnung Rosa Luxemburgs war in diesem Ortsteil von Berlin-Steglitz, jW) zurückkomme. So lebe ich im Trubel und in der Hatz seit dem ersten Augenblick und komme nicht zur Besinnung. (…) Hier spitzen sich die Verhältnisse zu, sowohl außen – zu Ebert-Leuten – wie innen, in der USPD. Du erhältst wohl die Rote Fahne jetzt regelmäßig und siehst, dass wir nicht aufhören, nach einem Parteitag zu schreien. Gestern erfolgte darauf die förmliche Absage. Die Partei ist in voller Auflösung – (Heinrich) Ströbel, (Hugo) Haase, (Wilhelm) Bock (!), die Freiheit (erschien seit 15. November 1918 als faktisches Zentralorgan der USPD und als Berliner Tageszeitung, jW) fordern offen eine »Abgrenzung nach links«, d. h. gegen uns. Andererseits ist die Verschmelzung zwischen USPD und den Scheidemännern (Anhängern der SPD-Führung unter Friedrich Ebert und Philipp Scheidemann, jW) in der Provinz in vollem Gange.

Berlin, 11. Januar 1919

Liebste Klara, heute erhielt ich Deinen ausführlichen Brief, kam endlich dazu, ihn in Ruhe zu lesen und, was noch unglaublicher: ihn zu beantworten. Es ist nämlich nicht zu beschreiben, welche Lebensweise ich – wir alle – seit Wochen führen, den Trubel, den ständigen Wohnungswechsel, die unaufhörlichen Alarmnachrichten, dazwischen angestrengte Arbeit, Konferenzen etc. etc. Ich kam buchstäblich nicht dazu, Dir zu schreiben! Meine Wohnung sehe ich nur ab und zu für ein paar Nachtstunden. (…)

Im ganzen entwickelt sich unsere Bewegung prächtig, und zwar im ganzen Reich. Die Trennung von der USPD war absolut unvermeidlich geworden aus politischen Gründen (der Gründungsparteitag der KPD fand vom 30. Dezember 1918 bis 1. Januar 1919 statt, jW), denn wenn auch die Menschen noch dieselben sind, wie sie in Gotha (in Gotha war im April 1917 die USPD gegründet worden, jW) waren, so ist doch die Situation eine total andere geworden.

Die heftigen politischen Krisen, die wir hier in Berlin alle zwei Wochen oder noch häufiger erleben, hemmen stark den Gang der systematischen Schulungs- und Organisationsarbeit, sie sind aber zugleich selbst eine großartige Schule für die Massen. Und schließlich muss man die Geschichte so nehmen, wie sie laufen will. (…) In diesem Augenblick dauern in Berlin die Schlachten, viele unserer braven Jungen sind gefallen, Meyer, Ledebour und (wie wir befürchten) Leo Jogiches sind verhaftet.

Die Briefe werden zitiert nach dem Band: Rosa Luxemburg: Gesammelte Briefe, Band 5. Dietz-Verlag, Berlin 1984

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