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Aus: Ausgabe vom 22.12.2020, Seite 3 / Schwerpunkt
Kampf gegen Corona

Nächste Stufe

Mutation von Coronavirus in Großbritannien: Regierung verkündet harte Maßnahmen für London und Südengland. Auswirkungen auf Impfplan unklar
Von Christian Bunke, Manchester
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Appell allein reicht nicht mehr: Regierung weitet Lockdown-Maßnahmen in Südengland inklusive Londons aus (20.12.2020)

Hieß es noch vor einigen Monaten, Schülerinnen und Schüler trügen nicht zur Verbreitung des Coronavirus bei, kann diese Aussage nun endgültig als falsifiziert gelten. Am Sonnabend wurden die britische Hauptstadt London sowie zahlreiche umliegende Grafschaften unter einen »Lockdown der Stufe 4« gestellt. Grund ist eine sich rapide in Südengland verbreitende Mutation des Coronavirus. Laut in der Sonntagszeitung Observer zitierter Mediziner der Universität East Anglia hat sich die neue Variante insbesondere über die Schulen verbreitet.

Wie die Regierung bekanntgab, gehen 60 Prozent aller Neuinfektionen in London und Teilen Südenglands auf das Konto der Mutation. Zwar war sie den Behörden bereits seit September bekannt, erst in den vergangenen Wochen soll es aber zu ihrer rapiden Verbreitung gekommen sein. Am Sonnabend erklärte Premierminister Boris Johnson, die neue Variante sei um 70 Prozent ansteckender als das »herkömmliche« Coronavirus. Ob sie auch tödlicher ist oder zu schwereren Krankheitsverläufen führt, ist noch nicht bekannt. Sicher ist hingegen, dass die Belastungsgrenzen einer wachsenden Zahl von Krankenhäusern mehr und mehr überschritten werden. Am Wochenende erklärten Regierungskreise, das in den vergangenen beiden Wochen angelaufene Impfprogramm mit dem Pfizer/Biontech-Impfstoff sei durch die Mutation »mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit« nicht gefährdet.

Brennglas Corona

Drastische Folgen hat die Mutation hingegen für 16 Millionen Menschen in London und Südengland, deren Reisefreiheit nun über die Weihnachtstage aufgehoben wurde. Das betrifft ein Drittel der englischen Bevölkerung. Noch am Freitag hatte Premier Johnson versprochen, Weihnachten »nicht ausfallen lassen« zu wollen, und die Möglichkeit von Familienfeiern »im kleinen Kreise« garantiert.

Wie so oft in den vergangenen Monaten wirkt die Coronapandemie wie ein Brennglas, unter dem die wirtschaftlichen und sozialen Verwerfungslinien in Großbritannien sichtbar werden. Millionen Menschen hätten sich am Wochenende auf die jährliche Heimreise von London in ihre meist im Norden Englands gelegenen Herkunftsregionen machen wollen. Während diese Gegenden in den zurückliegenden Jahrzehnten jegliche wirtschaftliche Eigenständigkeit verloren haben, zog der Großraum London die kollektive Arbeitskraft junger Menschen an und zentralisierte sie dort.

Dementsprechend ist die neue Virusmutation im Norden Englands noch recht wenig verbreitet. Damit das auch so bleibt, wird Londons binnenmigrantische Arbeiterklasse nun über Weihnachten in der Hauptstadt eingesperrt. Schottland hat vorsorglich gleich ein Reiseverbot von und nach England erlassen, das polizeilich durchgesetzt werden soll – die Pandemie schafft Elemente einer Binnengrenze auf der britischen Hauptinsel. Auch eine zunehmende Zahl von Staaten führt nun Reiseverbote nach Großbritannien ein, der Frachtverkehr ist stark eingeschränkt.

Arbeiter außen vor

In ihrer Position bestärkt fühlen sich nun jene Kräfte aus sozialen Bewegungen und gewerkschaftsnahen Basisinitiativen, die sich in den vergangenen Monaten für die Einführung einer »Zero-Covid-Strategie« eingesetzt haben. Ein Kernaspekt einer solchen wäre die Einbeziehung arbeitender Menschen in den Gesundheitsschutz an ihren Arbeitsplätzen. So wollte die Bezirksverwaltung des Londoner Stadtteils Greenwich im Dezember die örtlichen Schulen nach Rücksprache mit Vertretern der Lehrergewerkschaften schließen lassen. Doch die britische Regierung blockierte den Vorstoß und setzte das Offenbleiben der Schulen in Greenwich durch.

Pikanterweise geschah dies unter Anwendung der Anfang des Jahres eingeführten Coronanotstandsgesetze, die dem britischen Zentralstaat jederzeit Eingriffe in kommunale Verwaltungen erlauben. Britische Bürgerrechtsorganisationen wie »Liberty« haben das ganze Jahr hindurch vor den negativen Auswirkungen der Notstandsgesetze auf die Gewaltenteilung in Großbritannien gewarnt und können sich nun bestätigt fühlen. Trotz der erweiterten Befugnisse der Zentralregierung in London sind weitere lokale Arbeitskämpfe im Bildungswesen erwartbar. So ist die Betriebsgruppe der Gewerkschaft für das wissenschaftliche Personal an der Universität Edinburgh am vergangenen Mittwoch offiziell in einen Arbeitskampf gegen die Universitätsleitung getreten, um eine zwangsweise Rückkehr der Belegschaft aus dem Homeoffice an den Arbeitsplatz zu verhindern.

Mangelhafter Impfplan

Derweil kommt es zu ersten Verteilungskämpfen bei der Impfstoffvergabe. Am Freitag beschwerten sich in der Tageszeitung The Guardian die Chefs verschiedener Regionen des staatlichen Gesundheitssystems NHS darüber, dass eine Impfung des Krankenhauspersonals zunächst nicht priorisiert werde. Dies sorge für »Unruhe« unter den Beschäftigten, die dringend »zusätzlichen« Schutz bräuchten, welcher dann auch den Patienten zugute kommen würde. Vor allem in London und im Südosten Englands befänden sich die Einrichtungen aufgrund dramatisch wachsender Hospitalisierungsraten an der »Belastungsgrenze«.

Ursprünglich hatte der britische Impfplan vorgesehen, das Personal in Krankenhäusern als erstes zu impfen. Wegen Lieferengpässen haben bislang jedoch nur Menschen, die älter als 80 Jahre sind, den Impfstoff erhalten. Und auch sonst hakt es bei der Infrastruktur. Ende vergangener Woche brach das von der britischen Firma Pinnacle Studio entwickelte Onlineverwaltungssystem für die Impfstoffvergabe zusammen. Hausärzte und Krankenhäuser mussten sich deshalb handschriftlich notieren, wem sie eine Impfdosis verpasst hatten.

Hintergrund: Großbritannien impft

Rund 360.000 Menschen in Großbritannien haben die erste Dose des Pfizer/Biontech-Impfstoffs gegen Covid-19 bereits erhalten. Die allermeisten von ihnen sind über 80jährige Bewohner von Alten- und Pflegeheimen. Insgesamt sollen 20 Millionen Menschen das Vakzin verabreicht bekommen. Weitere 100 Millionen Menschen sollen mit dem Astra/Zeneca-Impfstoff versorgt werden, sobald dieser zugelassen ist. Die britische Regierung hat mit fünf Pharmakonzernen Lieferverträge für die Versorgung mit Vakzinen abgeschlossen.

Viele Menschen verbinden mit den nun begonnenen Impfungen Hoffnungen auf ein baldiges Ende der Coronapandemie. Doch ganz so einfach wird es leider nicht. Zwar kann der Impfstoff durchaus als medizinischer Durchbruch gelten, es gibt jedoch viele Fragezeichen. So rechnet die Gesundheitsbehörde NHS England laut Angaben von Sky News vom vergangenen Mittwoch damit, dass bis Ende 2021 nicht einmal die Hälfte der britischen Bevölkerung geimpft sein wird. Der erste Durchgang des Impfprozesses werde sich demnach bis weit in das Jahr 2022 hinziehen. Die ersten Wochen des Programms waren außerdem durch Lieferengpässe gekennzeichnet.

Das bedeutet, dass auch im kommenden Jahr nicht mit einer Rückkehr zur sogenannten Normalität zu rechnen ist. Hinzu kommt eine Reihe unbekannter Größen, etwa was die Dauer der Wirksamkeit der Impfstoffe angeht, ab wann eine Impfung wiederholt werden muss, ob geimpfte Personen das Virus weiter übertragen und welche langfristigen Nebenwirkungen zu erwarten sind.

Der medizinisch-kapitalistische Komplex reibt sich dennoch die Hände. Die Impfkampagne geht mit einer zwar alles andere als reibungslosen, dafür aber höchst profitablen privatisierten Digitalisierung der britischen Gesundheitsversorgung einher. Dagegen machen Antiprivatisierungsaktivisten mobil und stellen als Alternative Forderungen nach einer »Zero-Covid-Strategie« auf. (cb)

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Debatte

  • Beitrag von Hagen R. aus R. (22. Dezember 2020 um 17:41 Uhr)
    Zum Leserbrief von Herrn Draxinger:

    Dass es zum »Tagesgeschäft« von Viren gehört, gelegentlich zu mutieren, macht die Sache für uns nicht einfacher. Wenn die Vermutung stimmt, dass das neue Virus 70 Prozent infektiöser ist, bedeutet das im Klartext folgendes: Mit unseren derzeitigen Schutzmaßnahmen erreichen wir momentan einen R-Wert um 1,0 – also etwa konstante Infektionszahlen. Die neue Virusvariante hätte dann einen R-Wert von 1,7, würde also in derselben Situation zu exponentiell schnell steigenden Infiziertenzahlen führen. Noch wesentlich härtere Einschränkungen wären nötig, um das zu verhindern. Die Entdeckung der neuen Virusvariante ist zwar kein Grund zur Panik, aber darf uns durchaus Sorgen machen.

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