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Aus: Ausgabe vom 18.12.2020, Seite 11 / Feuilleton
Pop

Eine falsche Bescheidenheit

Schillernd schön: Das neue Album der Dirty Projectors
Von René Hamann
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Herzt neuerdings den Minimalismus: Dave Longstreth von den Dirty Projectors

Saudade. Man kennt diesen Begriff. Das kleine Wort bezeichnet eher ein portugiesisches Gefühl, einen Weltschmerz, eine Grundtraurigkeit bei bestem Wetter, die Melancholie, die sich über ein untergehendes Weltreich, gebaut auf seefahrerischen Fähigkeiten, legt. Aber auch der brasilianische Bossanova transportiert dieses Gefühl – etwas, das der Schönwetterdepression nahekommt.

Die leichte Trauer beim Anblick eines unerreichbaren Liebesobjekts am Strand zum Beispiel. Davon handelt »The Girl from Ipanema«, dieser Klassiker des Bossanova, aus der Feder von Antônio Carlos Jobim, einem der Götter des Genres. Bekanntlich haben sich auch Stan Getz und João Gilberto dieses Titels angenommen. Die bekannteste Version wird von Astrud Gilberto, der damaligen Ehefrau des großen Gitarristen, gesungen.

Warum diese lange Vorrede, wo es doch um das neue Album von Dave Longstreth, dem Mastermind hinter dem Projektnamen Dirty Projectors, gehen soll? Weil ein Großteil dieses Albums eine Hommage an João Gilberto ist und auch in Gänze etwas von dieser Saudade atmet.

Das Album trägt den nüchternen Titel »5 EPs«, weil es genau das ist: die Zusammenstellung der in diesem Jahr nach und nach erschienenen fünf EPs. Jede EP ist einem Prinzip, einem »Bandmitglied« (die Anführungszeichen werden später erklärt) gewidmet; die zentrale EP ist natürlich die, die »Super João« heißt. Darauf sind keine Coverversionen zu hören, sondern vier Stücke, die unter dem Einfluss des 2019 verstorbenen Gilberto entstanden sind.

Die Bescheidenheit, die hinter dem nüchternen Namen steht, ist eine falsche, denn »5 EPs« beinhaltet mithin die schönsten Stücke, die Longstreth und Mitstreitende je aufgenommen haben. Schuld daran ist nicht nur der Bossanova, sondern die Bescheidenheit: ein leises Album, spartanisch instrumentalisiert, oft nur akustische Gitarre und die einfachen Tricks aus Sampler und Laptop – Loops, Schleifen, Verzögerungen und Rückwärtsdrehungen, die Doppelkopplungen von Gesang, die Verwendung alten Orchestermaterials als Sample. Dazu ab und an eine simple, zurückhaltende Drummachine.

Dieses Album ist einfach und schön. Und das ist durchaus ein Schritt – ein weiterer für Longstreth. Die »5 EPs« sind bereits das zehnte Album, produktiv ist der bald 39jährige, den Wikipedia einen »Liedermacher« nennt, immer schon gewesen. Aber aus dem losen Eins-plus-x-Bandprojekt »Dirty Projectors« ist er inzwischen gewillt, eine richtige Band zu machen. Deshalb dürfen sie alle singen, alle vier, jede und jeder eine dieser EPs lang, und am Ende alle zusammen.

Und so singt Maria Friedman das sehr schöne, sanfte Popstück »Overlord«, das ein wenig an die glücklich machenden The Free Design aus den 1960ern erinnert, und das geil schiefe Beatles-Soundalike »Search for Life«. Felicia Douglass begleitet sich vielstimmig selbst im verspulten Contemporary-R-’n’-B-Verschnitt »Lose Your Life«. Longstreth streut hellen Sand ins Heimstudio und feiert den Bossanova, beispielsweise in »Holy Mackerel« – besser als Erlend Øye. Und Kristin Slipp darf unter anderem das um Flötenloops clever gebaute »Eyes on the Road« intonieren.

Lauter kleine Hits, echte Perlen, es ist so gesehen jetzt schon ein unterschätztes Album. Eines, das nicht das große Getöse macht. Sondern einem Minimalismus huldigt, der Band und Platte nur guttut.

Lange hat Longstreth Arbeit mit Privatem verbunden, ja, vermischt. Die Trennung von seiner Freundin und langjährigen Mitstreiterin Amber Coffman (immer noch ein Vorbild für alle hier erklingenden weiblichen Stimmen) hat ihn (mindestens) ein sehr verbasteltes Aufarbeitungsalbum, »Dirty Projectors« von 2017, mit sehr offener Textarbeit gekostet. »Lamp Lit Prose« von 2018 war dann schon ein Neuaufbruch. Aber als solcher auch hektisch, nervös, unausgewogen, fast schon verkrampft um diesen Neubeginn bemüht. Mittlerweile ist Longstreth verheiratet, und zwar außerhalb der Band. Und »5 EPs« klingt ausgeruht, in sich ruhend, schillernd schön. Die Musik wirkt psychohygienisch, mitunter sanft wie Margarinewerbung. Man könnte fast vergessen, was für ein Jahr ist.

Dirty Projectors: »5 EPs« (Domino/Goodtogo)

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