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Aus: Ausgabe vom 15.12.2020, Seite 11 / Feuilleton
Sachbuch

Was war, kann wieder werden

Über die »evidence-based practice« hinaus: Ein Sammelband zu Sozialer Arbeit und Pädagogik in der BRD der frühen 70er
Von Christoph Horst
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Studentenproteste in Frankfurt am Main (29.5.1968)

Die 68er Studentenrevolte war weder auf 1968 noch auf Studenten beschränkt. In den Jahren davor und danach kämpften auch Lehrlinge, Schüler und andere Pädagogisierte für eine Verbesserung ihrer Verhältnisse. In einem neuen Sammelband zur Sozialen Arbeit und Pädagogik in den frühen 70ern der BRD wird zurückgeblickt auf Empfänger staatlicher Wohlfahrt, die sich gegen Repressionen auflehnten, und auf Sozialarbeiter, die sich ihrer Doppelrolle als Anwalt der Marginalisierten und Stabilisator bestehender Verhältnisse bewusst wurden. Bis dahin hatte man sich den Randgruppen nach dem autoritären und entmündigenden Fürsorgeprinzip genähert. Das galt auch für psychisch Kranke, in Beziehungen ausgebeutete Frauen oder – man denke nur an Ulrike Meinhofs »Bambule« – Heimkinder.

Das Instrumentarium der Kritik bot die Kritische Theorie – hier vor allem Herbert Marcuse, der den Randständigen revolutionäres Potential zuschrieb, das er in der Arbeiterklasse vermisste. Außenseiter wurden in den 50ern von Pädagogen bedrängt, die ihnen den rechten Weg weisen wollen, heute ist das oft wieder so.

In den Jahren nach ’68 erkannten Pädagogen, dass sie Herrschaft ausübten, und versuchten gegenzusteuern. Im Sammelband »Der lange Sommer der Revolte« ist von ’68 an einer Stelle sogar als einer »pädagogischen Bewegung« die Rede. Die (Sozial-)Pädagogik wurde parteiisch: Es wurde nicht mehr die Integration der Desintegrierten in das Bestehende befördert, sondern versucht, mit ihnen gegen den sie krank machenden, isolierenden Status quo zu kämpfen. Soziale Arbeit wurde erkannt als »funktionales Disziplinierungsinstrument der kapitalistischen Gesellschaft, insbesondere der repressiven Kontrolle der von Abweichung bedrohten Arbeiterjugendlichen«, wie Werner Thole das Autorenkollektiv des Grundlagenwerks kritischer Sozialarbeit, »Gefesselte Jugend – Fürsorgeerziehung im Kapitalismus« (1971), wiedergibt. Thole lehrt am Institut für Philosophie der Universität Kassel. Er hat den Band mit Leonie Wagner (Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Holzminden) und Dirk Stederoth (ebenfalls Uni Kassel) herausgegeben.

Leider geht nur Thole am Rande darauf ein, dass mit den psychologieaffinen 68ern auch eine Wende zur Therapeutisierung der Sozialarbeit eingeleitet wurde. Unerwähnt bleibt das daraus resultierende Rollback, mit dem gesellschaftliche Probleme in vielen Bereichen mittels psychologischer Ansätze zu Problemen des Innenlebens der Individuen erklärt werden.

Einige der Autorinnen und Autoren vergleichen die damals erkämpften Handlungsfreiheiten mit den heutigen Zuständen und sind einigermaßen pessimistisch. Es fehlt die Solidarität, wo jeder wieder seines Glückes Schmied ist und Verbesserungen rückgängig gemacht werden. Ein Merkmal dieses Liberalismus ist die Ökonomisierung der Sozialen Arbeit. Für den Bereich des Kinderschutzes kritisieren Julian Sehmer und Svenja Marks, dass Praktiker gezwungen sind, »ihr Handeln in Bezug auf ökonomische Zielvorgaben auszurichten und in den Konzepten als effektivitätsorientierte Ansätze im Sinne einer evidence-based practice auszuweisen«.

Die im Zuge der 68er entstandene Arbeitskreise zur kritischen und selbstkritischen Auseinandersetzung mit Sozialarbeit gibt es noch, wie Katrin Haase berichtet. Aber man muss sie auch als Student oder Praktiker mit viel Geduld suchen und findet sie kaum an Hochschulen. Viele Bereiche des Sozialwesens wurden durch Privatisierung entschärft. Statt selbstverwalteter Jugendzentren gibt es solche als kommunale Pflichtaufgabe mit entsprechenden Kontrollmöglichkeiten. Auch hier befinden sich die Sozialarbeiter in dem Dilemma, für jugendliche Selbstbestimmung einzutreten und zugleich einen öffentlichen Integrationsauftrag erfüllen zu müssen.

Der Rückblick auf ’68 ist auch ein Ausblick. Was war, kann wieder werden. Leerstellen werden benannt, und das ist bekanntlich ein erster Schritt zur Veränderung. Immerhin wird der Zusammenhang von Sozialarbeit und Kapitalismus in der Fachliteratur, auch dank schon 1968 Aktiver, insgesamt wieder präsenter.

Werner Thole, Leonie Wagner, Dirk Stederoth (Hg.): Der lange Sommer der Revolte. Soziale Arbeit und Pädagogik in den frühen 1970er Jahren. Springer VS, Wiesbaden 2020, 206 S., 39,99 Euro

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