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Aus: Ausgabe vom 15.12.2020, Seite 11 / Feuilleton
Lyrik

Auf Flaschenpost lauern

Regina Jarischs Gedichtband »Herzflug« mit Zeichnungen Jost Heyders
Von Peter Arlt
Regina Jarisch Herzflug« mit Zeichnungen Jost Heyders
»flucht um flucht wackeln die werte« (Zeichnung aus dem Band)

Ein glücklicher Gedanke, den Lyrikband Regina Jarischs mit Zeichnungen des Thüringer Künstlers Jost Heyder zu bereichern: Szenerien aus dem Atelier, Akrobaten und Narren mit abgesetzter Maske, nicht nur mit Nacktheit geschmückte Frauen. Auf dem Umschlag des Bandes Heyders Gemälde »Der Sämann«, aus dessen Händen ein Fisch springt oder freigelassen wird, wie ein Herz, das weghüpft, ein »Herzflug«.

Bei Heyder hat sich der mythische Ikarus in die Winde geschwungen; »flieg stolzer künder«, dichtet Jarisch, um Träume aller Generationen »über dem zeitenmeer« zu retten. In der eröffnenden »zeitspinnerei« werden Gespenster vom »feenhaar« abgewehrt, das von den eigenen Kindern zum Zopf geflochten wurde.

Regina Jarisch, Jahrgang 1956, ist in Magdeburg aufgewachsen und hat in Weimar studiert, wo sie heute lebt. Seit 2008 veröffentlicht sie Gedichte. In Wendungen aus Märchen und Mythen, in alten Worten und Fachbegriffen, in der Suche nach Wurzeln und nicht nur im Kleinschreiben zeigt sich die Wulf-Kirsten-Schule. Die Wortfolgen agglutinieren zu sich verändernden Sätzen. Scheinbar abgeschlossen, beginnen sie neu wie bei: »flucht um flucht wackeln die werte / zu flache wahrheiten zerfallen«.

Die 87 Gedichte sind thematisch gruppiert: »zeitkreise«, »herzflug«, »gedeckter tisch«, »stadtaugen«, »traumtrunken« und »wortreich«. Kritisch blickt Jarisch auf das »gefasel«, heute gäb es »kein unterdrücken / ehrlichen worts«, scharf sieht sie die »schamlosen griffe auf mammon« und dass »der mob (…) trunken die grabschaufel / auf den thron (hebt)«, dass in den »tagesthemen / bilder und markige worte fluten« und sich das »mediale mitgefühl« aufbläst als »lackierte betroffenheit«. Deutliche Verse auch im »deutschen theater«, wo sich die Zungen im »flüchtlingsgezeter« überschlagen, ohne Empathie für die, die auf dem Meer sterben. Die Farbe eines Teppichs aus rosaroten Blütenblättern »wird / braun«.

Auf halbtransparenten Blättern sind die Zeilen in der Tradition asiatischer Buchkunst so gesetzt, dass sie genau übereinander liegen oder durchschimmern und einander fortführen. Auf dem Rücken des Bandes findet sich der Name der Autorin und der Titel, aber auch ein winziges Pünktchen, das keine Fliege so genau in die Mitte gesetzt haben kann.

In den Gedichten werden Gefühle bildhaft, sie schweben zwischen den Menschen und bilden ein Wortklangnetz. Es verqueren sich Sprüche, wenn etwa die Schuld nicht in Schuhe geschoben wird, sondern »dem tag in die / stunden«. Eine Hoffnung schwebt nicht unbestimmt durch die Gegend, sondern bekommt einen irdenen Gefühlsgrund.

Diese Lyrik arbeitet mit stringenten Bilderfolgen, die ihr Verständlichkeit verleihen. Jarisch macht sich aus den Dingen das, was sie möchte, aber legt Spuren, den Sinn aufzuspüren. Ihre Poesie verliert sich nicht in einer unfassbaren Über-und-über-Bildhaftigkeit, sondern gewinnt Tiefe, so wenn die Dichterin auf Flaschenpost lauert, um den Weg zum Himmelstor »zur unbestechlichen zeit« verraten zu bekommen.

Regina Jarisch: Herzflug, Gedichte. Mit Grafiken von Jost Heyder. Neue Lyrik, Band 93. Leipziger Literaturverlag, 2020, 132 S. mit acht Abbildungen, 19,95 Euro

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