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Aus: Ausgabe vom 08.12.2020, Seite 11 / Feuilleton
Kunst

Tief im Schützengraben

Rechte Selbstveropferung: Wie sich Neo Rauch den Kritiker Wolfgang Ullrich zum Feindbild erkor
Von Michael Bittner
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Anale Phase: Frisch versteigertes Werk von Neo Rauch (27.7.2020)

Ein Professor, der einen Lehrstuhl freiwillig räumt, um sich als freier Autor wieder ganz der Kritik zu widmen – das gibt es in Deutschland wahrlich selten. Nach Jahren als Professor an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe lebt der Kunstwissenschaftler Wolfgang Ullrich heute in Leipzig und schreibt über Kunst, Medien und Kultur aus einer kritischen Perspektive, die neben ästhetischen stets auch ethische, politische und ökonomische Aspekte einbezieht. Seine Texte erscheinen in dem Blog »Ideenfreiheit«, in Zeitungen und Zeitschriften sowie in Büchern des Wagenbach-Verlags. In seinem Band »Siegerkunst« etwa porträtierte er 2016 eine Sorte von Großkünstlern, die gutes Geld als Dekorateure der neoliberalen Eliten verdienen und dabei selbst zu artistischen Großunternehmern werden.

Immer wieder analysiert Ullrich in seinen Texten die Wandlung der Kunstautonomie. In den vergangenen beiden Jahrhunderten bis zur Absolutheit gesteigert, wird das Konzept inzwischen doppelt in Frage gestellt: einerseits durch die globale Ökonomisierung, andererseits durch kritische Stimmen aus der Gesellschaft, die auch dem Künstler eine politische Verantwortung zuschreiben. Ohne den Wert der Kunstfreiheit zu leugnen, spricht sich Ullrich dafür aus, diese kritischen Stimmen ernst zu nehmen und in die Reflexion über Kunst einzubeziehen. Er stellt fest, dass es nunmehr eher die Konservativen sind, die sich jede Relativierung der Kunstautonomie strikt verbitten, als Entweihung des heiligen Geniebezirks und als Angriff auf die abendländische Identität.

In einem eben dieser »Rechtsverschiebung« in der Kunstwelt gewidmeten Text in der Wochenzeitung Die Zeit hatte Ullrich 2019 eher nebenbei auch den Leipziger Maler Neo Rauch kritisiert. Ullrich entdeckte »einige Motive rechten Denkens« bei ihm, fügte jedoch hinzu, es wäre »zu einfach, seine Kunst als Illustration politischer Überzeugungen lesen zu wollen«. In der Tat beruht Rauchs internationaler Erfolg eher darauf, dass seine Bilder uneindeutig und darum universell verwendbar sind. Rauch malt in der Tradition der Leipziger Schule figürlich, die dargestellten Szenen haben jedoch surrealen Charakter. Sie wirken mythologisch, ohne doch nach klassischen Schemata ausdeutbar zu sein. Man könnte auch zu dem Urteil gelangen: Rauchs Gemälde prätendieren einen Tiefsinn, der auf keine Weise dingfest zu machen ist.

In Interviews äußert sich der Künstler jedoch eindeutiger: Politische Kritik an Kunstwerken etwa im Rahmen der »#MeToo«-Bewegung empfindet er als »Talibanisierung unserer Lebenswirklichkeit«. Wahlweise ist es die DDR, die angeblich derzeit zurückkehrt, oder das für ihn offenbar ähnliche »Dritte Reich«: Den Dresdner Schriftsteller Uwe Tellkamp, der für seine Kritik an der deutschen Flüchtlingspolitik selbst Kritik einstecken musste, ernannte Rauch zum »Wiedergänger Stauffenbergs«. Angesichts dieses Furors überrascht es nicht, dass Rauch auf die eher milde Kritik Ullrichs mit einem malerischen Wutanfall reagierte. Er verfertigte ein ungewöhnlich eindeutiges Bild mit dem Titel »Der Anbräuner«, das er zuerst als Leserbrief an Die Zeit sandte und dann im Juli versteigern ließ, es erwarb der berüchtigte Immobilienunternehmer Christoph Gröner. Künstlerisch ist das Bild nicht mehr als eine Karikatur: Es zeigt offenbar den Kritiker Wolfgang Ullrich, der in einem engen, ärmlichen Oberstübchen mit seinem eigenen Kot eine Figur auf die Leinwand schmiert, die den Hitlergruß zeigt. Durchs Fenster lunzt Hitler. Das Wort »Anbräuner« hat Rauch aus einer Nachkriegsrede Ernst Jüngers übernommen. Die Anleihe passt bestens, zeigt sie doch überdeutlich die Kontinuität rechter Selbstveropferung.

In seinem Buch »Feindbild werden« hat Wolfgang Ullrich nicht nur Rauchs Bild, sondern die ganze Affäre bemerkenswert kenntnisreich, sachlich und gelassen analysiert. Drei Impulse kommen im Ausbruch Neo Rauchs zusammen und verstärken sich gegenseitig: Da ist zunächst die traditionelle, antiintellektualistische Verachtung des Künstlers für Kritiker, die mit seiner Selbstinszenierung als schöpferischem Genie untrennbar verbunden ist. Zum zweiten wehrt sich ein Künstler aus dem Osten dagegen, durch einen »Kritiker aus dem Westen« gemaßregelt zu werden. Hier spielen, wie Ullrich einräumt, wirkliche Erfahrungen von Demütigung und Bevormundung von Künstlern aus der DDR eine Rolle. Drittens ist Rauchs gepinselte Tirade ein Beispiel für die Taktik von Konservativen, Kritik in der Sache abzuwehren, indem sie sich zu einsamen Verteidigern der Rede- und Kunstfreiheit aufwerfen, die von ebenso erbärmlichen wie übermächtigen Linken gefährdet werde. Aus der Szene der radikalen Rechten erhielt Rauch für sein Manöver denn auch viel Applaus.

Wolfgang Ullrich hat in seinem Buch auf Polemik verzichtet und sogar die Hoffnung ausgesprochen, eine solche Deeskalation könnte zu einer »sachlichen Diskussion über Möglichkeiten und Grenzen freier Kunst« führen. Bedenkt man jedoch, wie tief die Rechtsintellektuellen im Schützengraben sitzen, muss man eher vermuten, dass sie diese Geste als List oder Schwäche auslegen werden.

Wolfgang Ullrich: Feindbild werden. Ein Bericht. Wagenbach-Verlag, Berlin 2020, 160 Seiten, 10 Euro

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