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Aus: Ausgabe vom 03.12.2020, Seite 8 / Ansichten

Wille und Wahn

Trierer Amokfahrt fordert fünf Tote
Von Sebastian Carlens
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Wolfram Leibe, Oberbürgermeister von Trier, und Maria Luise Dreyer, Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, am 2. Dezember in Trier bei einer Trauerzeremonie

Ausländer und Menschen »mit Migrationshintergrund« sind in der BRD auf ganz unverschämte Weise privilegiert: Sie können nicht psychisch erkranken. Als eingeborener Deutscher hingegen ist es andersherum kaum möglich, dem Stigma des Wahns zu entgehen, wenn man ein Verbrechen begangen hat. Unglaublich? Nicht, wenn man Polizisten und Boulevardjournalisten als Fachleute zu Wort kommen lässt. Denn folgendes spielt sich ab, wenn es zu aufsehenerregenden Taten ohne erkennbaren kriminellen Hintersinn kommt. Ist der Verdächtige Deutscher und obendrein ohne »Hintergrund«, dann ergeben sich – wie bei der Amokfahrt, die am Dienstag in der Fußgängerzone von Trier begangen wurde – »keinerlei Hinweise auf politische oder religiöse Motive«. Der 51jährige, der fünf Menschen zu Tode gebracht hat, sei »möglicherweise psychisch krank«, so der rasche Tenor der Berichte.

Das stimmt vielleicht, es ist sogar wahrscheinlich. Doch selbst, wenn ein Deutscher ein ausländerfeindliches Manifest hinterlässt, wenn er bevorzugt Migranten umbringt, wie der zehnfache Mörder Tobias Rathjen im Februar in Hanau, mag sich kein Ermittler vorstellen, er könne dies tatsächlich so gemeint haben. »Latente Schizophrenie« wurde bei Rathjen ferndiagnostiziert. Dabei hatte er getan, was er konnte, um ernstgenommen zu werden als das, was er war: ein rassistischer Killer.

Ist der Fall anders gelagert, hat der mutmaßliche Täter keinen deutschen Pass oder einen »Hintergrund«, dann kommt alles in Frage – Religion, Politik –, nur nicht die Möglichkeit, dass er schlicht verrückt sein könnte. Schreit der Mörder »Allahu akbar«, dann ist der Fall geklärt. Es gibt zwar kaum bessere Mittel als diesen Gebetsruf, um es mit seinen Ideen in die Öffentlichkeit zu schaffen (was selbstverständlich auch irren Aufmerksamkeitstätern nicht verborgen geblieben ist), doch die Akte kann an den Staatsschutz übergeben werden.

Zurück nach Trier: Seit der deutsche Presserat 2017 vor Pegida kapituliert und die Richtlinie 12.1 des Pressekodex modifiziert hat, wird die Herkunft Verdächtiger nicht mehr bei »begründbarem Sachbezug«, sondern bei »begründetem öffentlichen Interesse« genannt. Ob der Wahnsinnige aus Trier nun Deutscher war, ist eigentlich nicht wichtig. Wichtig ist nur, was fehlt: der Migrationshintergrund. Die Tat kann also gar nicht ernstgemeint gewesen sein. Deutsche drehen einfach durch.

Gut für die Terrorstatistik. Denn hieße der Täter aus Trier nicht Bernd, sondern Ali – oder hätte er einen Opa in Anatolien: Die Liste spektakulärer Terroranschläge wäre vorsorglich um fünf weitere Opfer ergänzt worden.

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Debatte

  • Beitrag von Ralf S. aus G. ( 3. Dezember 2020 um 00:30 Uhr)
    Amen.

    Wirklich widerlich, man möchte fragen, warum die meisten Medien nicht konsequent erwähnen, dass der Täter ein Deutscher ist. So unbedeutend es auch sein mag, aber allein der Fairness halber gegenüber »Ausländern«, die sich das auch gefallen lassen müssen. Hier und da wurde es genannt, aber wohl nur im jämmerlichen Versuch, den AfD-Mob präventiv zu besänftigen, kriegen die doch bei der bloßen Nachricht, dass jemand mit einem Auto absichtlich Fußgänger überfahren hat, direkt eine Errektion, in der Hoffnung es könnte ein islamistisch motivierter Anschlag gewesen sein.

    Denn, man muss sich dafür nur mal die Welt.de-Kommentarspalten ansehen, wenn bei einem Gewaltverbrechen nicht explizit erwähnt wird, welche Staatsangehörigkeit der Täter hatte, ist der gemeine Pegida-Drecksrassist davon überzeugt, dass die »Lügenpresse« nur wieder verschweigt, dass der Täter Nichtdeutscher war. Und, das ist eigentlich das beste, denn das zeigt wie zwecklos die erwähne Änderung des Pressekodex war, selbst wenn dort nämlich steht, dass der Täter Deutscher oder deutscher Staatsangehöriger war, ist der gemeine völkische Rassist noch nicht zufrieden, denn, »Deutscher« bzw. »deutscher Staatsangehöriger« bedeutet für einen völkischen Rassisten ja noch lange nicht, dass der- oder diejenige (die Täter sind immer Männer, was komischerweise nicht dazu führt, dass das rechte Pack alle Männer aus dem Land werfen will) auch tatsächlich »Blutsdeutscher« ist … Um diese Leute zu befriedigen, müssten die ehrenwerten deutschen Journalisten, die es so wichtig finden die Herkunft zu nennen, schon einen Stammbaum des Täters beifügen.

    Will sagen: Die Konzession an die rassistische Masse bei »begründetem öffentlichen Interesse« (also praktisch fast immer im Deutschland dieser Jahre) die Herkunft von Tätern oder Tatverdächtigen zu nennen, mit der Intention es Hetzern wie der AfD nicht zu ermöglichen ihr »Lügenpresse«-Narrativ zu stricken, läuft völlig ins Leere und das Ergebnis dieser Änderung ist nur noch mehr Rassismus, weil sich das diskriminierende Denken durch das ständige Herausstellen von Nationalität/Herkunft im Zusammenhang mit Kriminalität nur verbreitet und verfestigt. Es ist zum Kotzen.

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