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Aus: Ausgabe vom 03.12.2020, Seite 11 / Feuilleton
Liedermacher

Es sind die Details

Nichts für frisch Getrennte: Liebeslieder von Jon Flemming Olsen
Von Harald Justin
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Er braucht nur wenige Worte: Jon Flemming Olsen

Wer hat nicht beim Seufzer »Oh, du mein Ingo« mitgelitten? Gerichtet war er bekanntlich an den Imbissbudenbetreiber Ingo, kurz bevor Dittsche zu einer seiner irrlichternden Beweisreden für den Alltagswahnsinn ansetzte, denen Ingo stoisch als Statthalter der Vernunft zu widerstehen versuchte. Die TV-Sendung »Dittsche« war Kult, zur besten Sendezeit tapsten Menschen in Bademänteln und mit Badeschlappen in angesagte Kneipen, um beim Rudelgucken dem Unsinn eine Stimme zu geben, sich noch ein Bier zu bestellen und zu rufen: »Es perlt.«

Momentan perlt nix mehr, die Serie wurde wegen Corona auf Eis gelegt, aber immerhin wissen alle, dass Olli Dietrich als Dittsche und Jon Flemming Olsen als Ingo ihren jeweiligen Part mit Sinn fürs Milieu regelrecht verkörperten. »Dittsche« lebt wie keine andere deutsche TV-Sendung von Realitätspartikeln und deren Überzeichnung. Die Musik von Jon »Ingo« Flemming Olsen profitiert ebenfalls von kleinen, feinen Alltagsbeobachtungen.

Die alte Garde der deutschen Liedermacher beschwor Schmuddelkinder und soziale Ungerechtigkeiten. Das wurde anscheinend irgendwann so langweilig, dass sich heutige Genrebewahrer, von Ausnahmen abgesehen, vornehmlich dem eigenen Herzinnenraum widmen. Wo sie dann fern von aller Realität der Liebsten nachweinen. Und hier kommt nun Olsen mit seinem Album »Mann auf dem Seil« ins Spiel. Auch er ist ein Liebesliederfreund, wogegen nichts einzuwenden ist, wir kennen ja alle die Crux mit den Gefühlen. Er also – Sänger und Saitenkünstler, live aufgenommen, unterstützt von einem Streichquartett, das recht flott dahergeigt. Absicht? Gewiss, dieser Schönklang setzt einen Kontrapunkt zum melancholischen Grundton, den Olsen anstimmt.

Gescheiterte Beziehungen sind das Thema, aber es sind die Details, die aufhorchen lassen. Der Verlassene singt von funkelnden Altglassammlungen, der Wohnung als Krähennest, dem Sinn des Lebens, den Kinderwagen schiebende Väter wohl erst in Jahren erfahren. Alles in unprätentiösen Worten, alles ist so normal, banal. Echtzeit. Er braucht nur wenige Worte, und schon weiß man, seine Welt ist einem so bekannt, dass man sich gleich mit einrichten kann. Für Suizidgefährdete und frisch Getrennte nicht zu empfehlen.

Jon Flemming Olsen: »Mann auf dem Seil« (Superlaut/Edel)

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