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Aus: Ausgabe vom 01.12.2020, Seite 8 / Inland
Abschiebeflüge der Lufthansa

»Bewegungsfreiheit für alle müssen wir uns erkämpfen«

Protest gegen Abschiebungen aus der BRD richtet sich auch gegen die Lufthansa. Ein Gespräch mit Nadija Martin
Interview: Carina Scherer
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Protestplakat gegen die Abschiebeflüge der Lufthansa

Sie sind in der Gruppe »No Border Assembly« aktiv und organisieren Widerstand gegen Grenzregime. Unter der Überschrift »Abschiebefrei« protestierten sie jüngst gegen die Lufthansa. Um was ging es dabei?

Wir haben Poster in Lufthansa-typischem Design gedruckt. Darauf standen Slogans wie: »We profit from deportations« oder »Manche Leute fliegen mit Handgepäck, andere in Handschellen«. Die Poster wurden an Flughäfen, Reisebüros, Bus- und Bahnstationen in Berlin, Leipzig, München und vielen anderen Städten aufgehängt. Dabei entstanden Fotos und Videos, die auf Twitter und Instagram veröffentlicht wurden.

Was war das Ziel der Aktion?

Wir wollten die Lufthansa stören und viele Menschen erreichen. Zu dem Zweck hinterließen wir auch etwa 3.000 Kommentare auf der Insta­gram-Seite des Konzerns. Daraufhin wurde versucht, alles zu löschen. Es überrascht nicht, dass die Lufthansa nicht öffentlich damit in Verbindung gebracht werden will, Menschen gegen ihren Willen abzuschieben. Ebenso will sie nicht daran erinnert werden, dass in den Jahren 1994 und 1999 Kola Bankole und Aamir Ageeb jeweils bei ihren Abschiebungen in einem Lufthansa-Flugzeug durch Polizeigewalt gestorben sind.

Welche Rolle spielt der Konzern bei Abschiebungen?

Wir haben die Lufthansa-Gruppe im Visier, weil sie letztes Jahr ein Viertel der Abschiebungen aus der BRD durchgeführt hat. Hinzu kommt, dass die Airline ein Prestigeobjekt der deutschen Regierung ist. Jeder Staat hat eine Vorzeigeairline, die auch wirtschaftlich bevorzugt wird, wie es am neun Milliarden Euro schweren Coronapaket für die Lufthansa wieder deutlich wurde.

Manche behaupten: Wenn Lufthansa nicht abschiebt, macht es eine andere Airline.

Dann kümmern wir uns auch um die anderen. Je mehr Airlines sich offen gegen Abschiebeflüge positionieren, desto schwieriger wird es für den Staat, Abschiebepraktiken durchzuführen.

Um Ihr politisches Ziel zu erreichen, nutzen Sie auch Methoden wie »Twitter-Stürme« und »Beschämen«. Was versteckt sich hinter diesem Vokabular?

Schon im Jahr 2000 gab es die Kam­pagne »Deportation class«, bei der Aktivistinnen und Aktivisten die Lufthansa mit Postern und anderem im öffentlichen Raum »beschämten«. Wir setzen diese Tradition fort.

Müssten Sie sich nicht konsequenterweise gegen alle Airlines richten, die Abschiebungen durchführen?

Wir konzentrieren uns auf Lufthansa, um die Aktionen effektiv gestalten zu können. Auf lange Sicht planen wir, auch die anderen Airlines anzugehen. Im Jahr 2000 hat die Lufthansa zwar nicht eingelenkt, aber danach zielte dieselbe Kampagne auf andere, kleinere Airlines. Die rumänische Airline Tarom hatte zum Beispiel ganze Charterflüge an Abschiebungen aus Deutschland durchgeführt und verkündete ein paar Wochen nach Beginn des Protests, damit aufzuhören.

Sie kritisieren den »neokolonialen Charakter« von Abschiebungen. Inwiefern?

Kapitalismus brauchte Kolonialismus und Sklaverei, um Ausbeutung im globalen Maßstab fortführen zu können. Um das Ganze zu legitimieren, brauchte es wiederum Rassismus. Heute handelt es sich um dieselben Strukturen. Menschen im globalen Süden werden ausgebeutet, damit »wir« im weißen reichen Europa gut leben können. Hierzulande wird entschieden, wer in diesem System willkommen ist und wer nicht. Da greift das Abschiebesystem als ein Werkzeug des Neokolonialismus.

2019 wurden mehr als die Hälfte aller Abschiebungen aus der BRD verhindert. Was sind die Prognosen für dieses Jahr?

In der ersten Jahreshälfte wurden vor allem wegen der Pandemie weniger als halb so viele Menschen abgeschoben wie im Vorjahreszeitraum. Es scheiterten 7.750 Abschiebungen vor oder nach der Übergabe der Betroffenen an die Bundespolizei. 74 Mal weigerten sich Pilotinnen und Piloten, eine Person, die abgeschoben werden sollte, zu transportieren. Das finden wir richtig gut! Wir glauben an Bewegungsfreiheit und gleiche Rechte für alle, aber die gibt es in der Realität nicht. Die müssen wir uns erst gemeinsam erkämpfen.

Nadija Martin ist Mitgründerin der 2020 ins Leben gerufenen Gruppe »No Border Assembly«

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