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Aus: Ausgabe vom 30.11.2020, Seite 12 / Thema
Engels 200. Geburtstag

Der Nachdenker

Im Gesamtzusammenhang. Reflexion als notwendige Aufgabe für den nächsten revolutionären Anlauf. Zum 200. Geburtstag von Friedrich Engels (Teil 2 und Schluss)
Von Frank Deppe
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»Sind wir (…) einmal geschlagen, so haben wir nichts anderes zu tun, als wieder von vorn anzufangen. Und die (…) Ruhepause, die uns (…) vergönnt ist, gibt uns (…) die Zeit für ein sehr notwendiges Stück Arbeit: für die Untersuchung der Ursachen, die unweigerlich sowohl zu der letzten Erhebung wie zu ihrem Misslingen führten«. (Friedrich Engels, hier bildhauerisch dargestellt in Manchester)

Marx und Engels lebten im 19. Jahrhundert. Ihr geistiger und politischer Werdegang wurde durch den »herrlichen Sonnenaufgang« (Hegel) der Französischen Revolution von 1789 und deren Losungen von Freiheit, Gleichheit und Solidarität geprägt. Sie waren seit Mitte der 1840er Jahre davon überzeugt, dass der politischen Revolution des Bürgertums die soziale Revolution des Proletariats folgen muss. Vor allem die deutschen – besonders reaktionären und rückständigen – Verhältnisse verlangten nach einer bürgerlichen Revolution. Nach der Niederlage von 1848 und auch angesichts der langen Welle kapitalistischer Prosperität nach 1852 veränderte sich ihre Vorstellung von der Revolution: Das Proletariat muss sich organisieren, um politische Macht zu erringen (das war die Botschaft der IAA, 1864). Engels hat seit Mitte der 1870er Jahre das Wachstum und die Wahlerfolge der deutschen Sozialdemokratie bei den Reichstagswahlen als Vorbild des Weges zur Macht beschrieben – allerdings: Die rechten Sozialdemokraten leiteten daraus den Primat von Wahlkämpfen und Koalitionen ab, während Engels klar sagte: Wir müssen dieses »Wachstum ununterbrochen in Gang (…) halten, bis es dem gegenwärtigen Regierungssystem von selbst über den Kopf wächst« – und weiter: Die Bourgeoisie wird dann den Boden der »Legalität« verlassen und eine autoritäre Diktatur errichten.

Staat und Revolution

Diese Erwartung hat sich einerseits am Ende des Ersten Weltkrieges und im Gefolge der revolutionären Nachkriegswelle bestätigt – das 20. Jahrhundert wird durch zahlreiche revolutionäre Kriege überwiegend an der Peripherie des kapitalistischen Weltsystems gekennzeichnet sein. Für die entwickelten kapitalistischen Gesellschaften (vor allem in Großbritannien und den USA) haben sich die Erwartungen allerdings nicht erfüllt. Im Vorwort zur englischen Ausgabe des »Kapitals« im Jahre 1886 schrieb Engels, dass Marx aufgrund seiner Studien zu dem Schluss gelangt sei, dass, »zumindest in Europa, England das einzige Land ist, wo die unvermeidliche soziale Revolution gänzlich mit friedlichen und gesetzlichen Mitteln durchgeführt werden könnte«. Schnell fügte er hinzu, Marx habe allerdings nicht erwartet, dass sich die herrschenden Klassen Englands ohne Gegenwehr dieser »Unvermeidlichkeit« fügen würden.¹ Dies schrieb Engels zu einer Zeit, als er sich sehr kritisch über den Zustand der englischen Arbeiterbewegung und der Gewerkschaften, die sich mit der liberalen Partei verbündeten, äußerte.

Was waren die Gründe für solche Widersprüche? Ich nenne nur drei. Erstens: Engels wie auch seine Zeitgenossen konnten sich im 19. Jahrhundert nicht vorstellen, welche Gegenbewegungen der Aufschwung der sozialistischen Arbeiterbewegung im Übergang ins 20. Jahrhundert auf der einen und die Krise des »alten (spätfeudalen) Regimes« wie der bürgerlichen Herrschaft auf der anderen Seite auslösen würden. Auf der einen Seite entwickelte sich eine Dialektik von Revolution und Gegenrevolution, die mit Gewalt und Terror, mit Kriegen gegen die »rote Gefahr« vorgeht. Im Faschismus und im Krieg erreichte diese Gegenrevolution ihren Höhepunkt. Auf der anderen Seite entwickelte sich eine Dialektik von Repression und Integration der Arbeiterbewegung, die sich in verschiedenen Varianten über die Einbeziehung ihres reformistischen Flügels (und der zeitweiligen Akzeptanz einer Politik der »Klassenkompromisse«) realisierte. Wichtiger noch scheint die Durchsetzung der sogenannten fordistischen Formation des entwickelten Kapitalismus, in der durch sozialstaatliche Intervention, Konsumkapitalismus und kommerzielle Massenkultur wirksame Instrumente zur politischen Demobilisierung der Arbeiterklasse entwickelt wurden.

Zweitens: Mit der Erwartung der »Unvermeidlichkeit« der proletarischen Revolution und ihres Sieges waren auch Illusionen über die Rolle bzw. die »historische Mission« der Arbeiterklasse verbunden. Im Prozess der Klassenformierung bildeten sich sehr unterschiedliche Strömungen des Sozialismus (in Europa) aus – immer auch mit einer starken reformistischen Tendenz. Daneben gab es stets einen starken Einfluss der Religion und der Ideologie der herrschenden Klassen (z. B. Nationalismus) auf Teile des Proletariats. Dass sich solche Tendenzen über Krisen und über den Griff nach der Staatsmacht abschwächen oder auflösen würden, hat sich nicht bestätigt. Die Konzentration auf das industrielle Proletariat als dem Produzenten des gesellschaftlichen Reichtums war im 19. Jahrhundert völlig berechtigt, führte aber zur Unterschätzung der Bedeutung nichtindustrieller Fraktionen der Arbeiterklasse und (langfristig) zur Unterschätzung der Veränderungen in der Zusammensetzung der Klasse der Lohnarbeiter aufgrund der Zunahme der Dienstleistungstätigkeiten und der Produktivkraftrevolutionen, in deren Folge der Arbeiter »neben den Produktionsprozess tritt, statt sein Hauptagent zu sein«.² Damit wäre schon die zentrale Fragestellung angedeutet, die wir im Blick auf die gegenwärtige Krise des Kapitalismus und der Arbeiterbewegung zu diskutieren haben.

Drittens sei an Widersprüche erinnert, die mit der Behandlung der Staatsfrage zusammenhängen. Die Orientierung auf die Eroberung politischer Macht war zweifellos richtig. Auf der anderen Seite waren die Warnungen der Anarchisten, die sich auf die Aneignung von autonomen und selbstverwalteten Räumen konzentrierten, vor den Gefahren einer autoritären Deformation des Sozialismus infolge einer Ausübung der Staatsmacht sicher berechtigt. Das Scheitern des Staatssozialismus kann wohl auch als bittere Bestätigung solcher Kritik gesehen werden. Gleichzeitig hat die These von Engels über das »Absterben des Staates« – nachdem das »Proletariat (…) die Staatsgewalt« ergriffen und (zunächst) die »Produktionsmittel in Staatseigentum« verwandelt hat (MEW 19, 222 f.), nicht jene Veränderungen in der Bedeutung des Staates berücksichtigen können, die sich im Verlaufe des 20. Jahrhunderts in den entwickelten kapitalistischen Gesellschaften als Folge a) der immanenten Krisenprozesse, als auch b) des Klassenkampfes (und der veränderten weltweiten Kräfteverhältnisse zwischen Kapitalismus und Sozialismus, vor allem nach 1945) vollzogen haben. Der moderne Interventionsstaat ist nach wie vor Klassenstaat, aber mit der Erweiterung seiner (sozialstaatlichen und ökonomischen) Regulationsfunktionen, der Ausweitung des Systems der Staatsapparate und der Entwicklung der Staatsbediensteten zu einer wichtigen Fraktion der Lohnarbeiterklasse ist der Staat selbst zu einem Feld des Klassenkampfes geworden.

Gegner mechanistischer Verkürzungen

Die Geschichte des letzten Jahrhunderts hat also viele neue kritische Fragen aufgeworfen, die nicht angemessen zu beantworten sind, wenn wir den Historischen Materialismus – einschließlich der Erkenntnisse über die »geschichtliche Tendenz der kapitalistischen Akkumulation« – als eine Lehre von den objektiven Naturgesetzen des (absehbaren) Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus betrachten. So ist das Werk von Engels in der deutschen Sozialdemokratie um die Jahrhundertwende (1900) – vor allem im Werk von Karl Kautsky – interpretiert worden, um daraus einen »revolutionären Attentismus« abzuleiten – in dem Bewusstsein: »Den Sozialismus in seinem Lauf, halten weder Ochs noch Esel auf.« Dagegen haben sich die Linken in der II. Internationale, die den Marxismus als eine »lebendige Theorie der revolutionären Aktion« verstanden wissen wollten (Rosa Luxemburg, Lenin) immer wieder zu Wehr gesetzt. Im Marxismus-Leninismus als Staatsideologie wurden allerdings Elemente eines solchen Begriffs des quasi-naturgesetzlichen Übergangs zum Sozialismus übernommen.

Engels selbst hat sich in seinen Altersbriefen, die Thomas Kuczynski gerade »im Lichte des Zusammenbruchs des ›Realsozialismus‹« kommentiert hat³, heftig gegen »ökonomistische« und »reduktionistische« Interpretationen des Historischen Materialismus und der Kritik der politischen Ökonomie gewandt – genauer gegen die mechanistische Übertragung ökonomischer Grundsachverhalte auf das politische Feld. In dem berühmten Brief an Joseph Bloch (September 1890) wehrt er sich gegen »manche neuere Marxisten«, die »zuweilen mehr Gewicht auf die ökonomische Seite legen«. Er stellt fest: »Nach materialistischer Geschichtsauffassung ist das in letzter Instanz bestimmende Moment in der Geschichte die Produktion und Reproduktion des wirklichen Lebens. (…) Wenn nun jemand das dahin verdreht, das ökonomische Moment sei das einzig bestimmende, so verwandelt er jenen Satz in eine nichtssagende, abstrakte, absurde Phrase. Die ökonomische Lage ist die Basis, aber die verschiedenen Momente des Überbaus – politische Formen des Klassenkampfs und seine Resultate – Verfassungen, nach gewonnener Schlacht durch die siegende Klasse festgestellt usw. – Rechtsformen, und nun gar die Reflexe aller dieser wirklichen Kämpfe im Gehirn der Beteiligten, politische, juristische, philosophische Theorien, religiöse Anschauungen und deren Weiterentwicklung zu Dogmensystemen, üben auch ihre Einwirkung auf den Verlauf der geschichtlichen Kämpfe aus und bestimmen in vielen Fällen vorwiegend deren Form. Es ist eine Wechselwirkung aller dieser Momente, worin schließlich durch alle die unendliche Menge von Zufälligkeiten (…) als Notwendiges die ökonomische Bewegung sich durchsetzt. Sonst wäre die Anwendung der Theorie auf eine beliebige Geschichtsperiode ja leichter als die Lösung einer einfachen Gleichung ersten Grades.«⁴

Engels hat immer wieder über veränderte Handlungsbedingungen, auch über Fehleinschätzungen und Fehler, die ihm und Marx unterliefen, geschrieben. In der Artikelserie »Revolution und Konterrevolution in Deutschland« (1851) schrieb er nach der Revolution von 1848: »Eine schwerere Niederlage als die, welche die Revolutionspartei – oder besser die Revolutionsparteien – auf dem Kontinent an allen Punkten der Kampflinie erlitten, ist kaum vorstellbar. Doch was will das besagen? (…) Alle Welt weiß heutzutage, dass jeder revolutionären Erschütterung ein gesellschaftliches Bedürfnis zugrunde liegen muss, dessen Befriedigung durch überlebte Einrichtungen verhindert wird. Das Bedürfnis mag noch nicht so dringend, so allgemein empfunden werden, um einen unmittelbaren Erfolg zu sichern; aber jeder Versuch einer gewaltsamen Unterdrückung wird es nur immer stärker hervortreten lassen, bis es seine Fesseln zerbricht. Sind wir also einmal geschlagen, so haben wir nichts anderes zu tun, als wieder von vorn anzufangen. Und die wahrscheinlich nur sehr kurze Ruhepause, die uns zwischen dem Schluss des ersten und dem Anfang des zweiten Aktes der Bewegung vergönnt ist, gibt uns zum Glück die Zeit für ein sehr notwendiges Stück Arbeit: für die Untersuchung der Ursachen, die unweigerlich sowohl zu der letzten Erhebung wie zu ihrem Misslingen führten; Ursachen, die nicht in den zufälligen Bestrebungen, Talenten, Fehlern, Irrtümern oder Verrätereien einiger Führer zu suchen sind, sondern in dem allgemeinen gesellschaftlichen Zustand und in den Lebensbedingungen einer jeden, von Erschütterungen betroffenen Nation.«⁵

Zurück zu den Klassenkonflikten

Engels hat sich in seinen späten Jahren – am Beispiel Englands – auch mit der Frage auseinandergesetzt, welche Bedeutung die Stellung eines kapitalistischen Staates auf dem Weltmarkt für die Entwicklung der Arbeiterbewegung und des Sozialismus hat. Diese Problematik wird mit dem Übergang zum Imperialismus, aber auch im Prozess der Globalisierung am Ende des 20. Jahrhunderts, immer wichtiger. Engels schreibt am Ende eines Textes über die sozialen und politischen Veränderungen, die sich in England zwischen 1845 und 1885 vollzogen haben: »Die Wahrheit ist diese: Solange Englands Industriemonopol dauerte, hat die englische Arbeiterklasse bis zu einem gewissen Grad teilgenommen an den Vorteilen dieses Monopols. Diese Vorteile wurden sehr ungleich unter sie verteilt; die privilegierte Minderheit sackte den größten Teil ein, aber selbst die große Masse hatte wenigstens dann und wann vorübergehend ihr Teil. Und das ist der Grund, warum seit dem Aussterben des Owenismus es in England keinen Sozialismus gegeben hat. Mit dem Zusammenbruch des Monopols wird die englische Arbeiterklasse diese bevorrechtete Stellung verlieren. Sie wird sich allgemein – die bevorrechtete und leitende Minderheit nicht ausgeschlossen – eines Tages auf das gleiche Niveau gebracht sehen wie die Arbeiter des Auslandes. Und das ist der Grund, warum es in England wieder Sozialismus geben wird.«⁶

Dieses »Monopol« ist tatsächlich bald zusammengebrochen; allerdings entstand mit dem Aufstieg der USA und dem Aufstieg des Deutschen Reiches eine neue Konstellation, in der Teile der Arbeiterklasse nicht nur ökonomisch von der Weltmarktposition ihrer Industrien profitierten, sondern auch ideologisch vom imperialen Wettbewerbsdenken beeinflusst wurden. Im Kalten Krieg agierten nicht nur die US-amerikanischen Gewerkschaften als stabilisierender Faktor im »American Empire«.

Wir erleben gegenwärtig, wie – gerade in den USA – der Verlust solcher Vorteilspositionen (sozialer Abstieg der weißen, männlichen Arbeiterklasse in den altindustriellen Regionen und der Automobilindustrie) soziale und politische Krisen produziert, die für eine scharfe soziale und politische Polarisierung sorgen: auf der einen Seite die rechten Populisten um Trump, die zum Teil offen faschistisch und bewaffnet agieren – auf der anderen Seite die jungen schwarzen Frauen, die sich als demokratische Sozialistinnen bezeichnen und die ihre Sitze im Repräsentantenhaus verteidigen konnten. Wir stehen sicher erst am Anfang der heftigen Klassenkonflikte, die durch den Abstieg der USA als Weltführungsmacht und den sozialen Abstieg jener einst privilegierten Fraktionen der Arbeiterklasse hervorgerufen werden. Auch diejenigen Teile des Industrieproletariats in Deutschland, die von den Exporterfolgen der deutschen Wirtschaft profitiert haben, werden – zusammen mit ihren Gewerkschaften – a) in der Folge von Weltmarktkrisen, b) mit dem Verlust ihres Vorsprunges in der Konkurrenz sowie c) in der Folge von politischen Entscheidungen zur »Verkehrswende« im Kampf gegen die Klimakrise mit der Problematik des sozialen Abstiegs konfrontiert werden.

Raubbau und Patriarchat

Schließlich hat sich Engels im Rahmen der materialistischen Geschichtsauffassung mit Herrschaftsformen befasst, die mit dem »Eintritt der Zivilisation«⁷ auf der Basis des Privateigentums über die ökonomischen Ausbeutungs- und Herrschaftsverhältnisse zwischen den Klassen hinausweisen. Seine Schrift »Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats« (1884) war – zusammen mit Schriften der Frühsozialisten (Charles Fourier) und August Bebels Schrift »Die Frau und der Sozialismus« (1879) – der Emanzipation der Frau gewidmet, nicht nur von Ausbeutung und Unterdrückung, sondern auch von patriarchaler Herrschaft. Er schrieb: »Der erste Klassengegensatz, der in der Geschichte auftritt, fällt zusammen mit der Entwicklung des Antagonismus von Mann und Weib in der Einzelehe, und die erste Klassenunterdrückung mit der des weiblichen Geschlechts durch das männliche.«⁸ Die Herrschaft der Eigentümer über die Nichteigentümer an den Produktionsmitteln und die des Mannes über die Frau wird – so Georg Fülberth⁹– durch drei Institutionen abgesichert: 1. die patriarchale Familie, 2. das juristisch verbriefte private Eigentum und 3. der Staat als ein Instrument zur Durchsetzung, Erhaltung und Regulation dieser Abhängigkeitsbeziehungen. Diese Erkenntnisse waren für die Entwicklung der sozialistischen Frauenbewegung (im Rahmen der Arbeiterbewegung) von großer Bedeutung. Die jüngere feministische Bewegung – sie ist eine der wichtigsten der sozialen Bewegungen in den entwickelten kapitalistischen Gesellschaften – hat sich kritisch mit den Grenzen des Marxschen Arbeitsbegriffes sowie mit der Praxis der Frauenemanzipation in den sozialistischen Gesellschaften auseinandergesetzt – auf der andern Seite aber auch anerkannt, dass die Befreiung der Frau immer auch im Kontext des Kampfes um die Veränderung der Eigentumsverhältnisse und der Rolle des Staates bei der auch juristischen Absicherung patriarchaler Herrschaft begriffen werden muss.

Und zuletzt sei an Engels’ »Dialektik der Natur« erinnert – hier wenden sich seine Interessen den modernen Naturwissenschaften zu, deren Bedeutung er natürlich im Zusammenhang der durch die industrielle Revolution angetriebenen Produktivkraftentwicklung sieht. Mit der kapitalistischen Produktionsweise erreicht die »Naturbeherrschung« durch den Menschen eine neue Stufe der Zivilisation. Sowohl die Ausbeutung der Natur (Rohstoffe, Kohle etc.) als auch die Indienstnahme von kostenlosen Naturkräften (Luft, Wasser, Boden) wird durch die kapitalistische Produktionsweise vorangetrieben. So wird die Entwicklung des modernen Kapitalismus als ein dialektischer Prozess des Zusammenhangs von Mensch–Gesellschaft–Natur begriffen. Elmar Altvater hatte seine Analysen des zeitgenössischen Kapitalismus um die Weltmarktdimension sowie um die Problematik der ökologischen Krise erweitert. Er bezeichnet das »Naturverhältnis« als ein Herrschaftsverhältnis, das die Erde radikal verändert hat: »Die Emissionen von Produktion und Konsumtion haben die Sphären des Planeten verändert, insbesondere die Atmosphäre. Die Folgen sind dramatisch, wie wir wissen. Ein Klimakollaps ist, wenn dem Modell der kapitalistischen Akkumulation gefolgt wird, nicht auszuschließen.« Dabei bezieht sich Altvater auf Engels, für den »Gesellschaft und Natur keine voneinander eindeutig getrennten Bereiche (sind), sie hängen zusammen, sie sind das ›gesellschaftliche Naturverhältnis‹, das es dialektisch, so Engels in der Skizze des Gesamtplans seiner Schrift ›Dialektik der Natur‹ (MEW 20, 307), zu entschlüsseln gilt.«¹⁰

Der Zwang zum Wachstum – auf der Basis der kapitalistischen Eigentumsverhältnisse, der Verwertungslogik (die die Ausbeutung der Lohnarbeit einschließt) und der Konkurrenz – muss gebrochen werden. Im Jahr des 200. Geburtstages von Friedrich Engels befinden wir uns hier noch auf einer »Wohlstandsinsel« im globalen »Katastrophenkapitalismus«; die Katastrophenszenarien werden uns täglich vor Augen geführt. Die »multiple Krise« der Gegenwart wird durch das Ineinandergreifen von ökonomischen Krisen (strukturelle Überakkumulation), Produktivkraftschüben (digitale Revolution), sozialer und regionaler Ungleichheit im Weltmaßstab sowie der ökologisch-epidemiologischen (Corona-)Krise bestimmt – dazu vollziehen sich Machtveränderungen im Weltsystem, die die Gefahr von Kriegen steigern. Auf all diesen Feldern entstehen Bewegungen des Widerstands, wird über Alternativen zu den herrschenden Verhältnissen diskutiert – von Kämpfen der Lohnarbeiterinnen um ihre Existenz, um elementare Rechte, um klassische gewerkschaftliche Forderungen bis zu machtvollen sozialen Bewegungen in den Kämpfen für Demokratie und Gleichberechtigung, gegen autokratische Regime.

Die Arbeiterbewegung des 20. Jahrhunderts, die sich auf das industrielle Proletariat stützte, wird im 21. Jahrhundert – zumindest in den Metropolen des Kapitals – nicht der wichtigste Träger einer progressiven Transformation sein. Sie wird aber Teil eines Blockes von Klassenkräften sein, der im Kampf zur Verhinderung der Katastrophen die »Systemfrage« (bezogen auf die Eigentumsverhältnisse sowie auf den Wachstumszwang) stellt. Dabei gibt es unzählige offene Fragen – die »Klassenfrage« stellt sich insofern, als der Kampf für den ökologischen Umbau und gegen die Klimakrise nicht ohne den Kampf gegen soziale Ungleichheit und Ausbeutung erfolgreich geführt werden kann.

Wieder bei Engels

In den USA ist gerade ein Buch mit dem Titel »Tod durch Verzweiflung und die Zukunft des Kapitalismus« erschienen. Die beiden Autoren – Anne Case und Angus Deaton sind Ökonomen und haben die Entwicklung der Todesfälle durch »Verzweiflung« – durch Selbstmord, Drogen/Alkohol und Kriminalität – empirisch analysiert. In den vergangenen dreißig Jahren ist die Zahl dieser Todesfälle dramatisch angestiegen – und zwar vor allem in den unteren Gesellschaftsklassen, also bei denjenigen, deren Bildungsgrad unterhalb eines Bachelorabschlusses liegt. Dabei steht der Abstieg der weißen Industriearbeiter als Folge von Rationalisierung und Globalisierung im Mittelpunkt. Verzweiflung entsteht nicht allein aus den damit verbundenen materiellen Verlusten; denn »Jobs dienen nicht allein dem Gelderwerb, sie bilden auch die Basis für die Rituale, Gewohnheiten und Routinen des Lebens der Arbeiterklasse. Wenn die Arbeit zerstört wird, dann kann letztlich das Leben der Arbeiterklasse nicht fortbestehen. Es ist der Verlust von Bedeutung, von Würde, von Selbstrespekt, der sich mit der Zerstörung von Familien und Lebensgemeinschaften verbindet, der Verzweiflung hervorbringt – und eben nicht allein der Verlust von Geld.«¹¹

Die Verfasser wollen mit dieser Studie natürlich auch die Frage beantworten, warum aus diesen Prozessen des sozialen Abstiegs der Aufstieg des rechten Populismus in den USA, personifiziert durch Donald Trump, verstanden werden kann. Sie fragen aber auch nach historischen Parallelen und beziehen sich dabei auf Großbritannien im frühen 19. Jahrhundert: »Die industrielle Revolution hatte begonnen, es gab eine dynamische Mischung aus Innovation und Erfindungen, das Nationaleinkommen stieg. Davon profitierten allerdings nicht die arbeitenden Menschen. Die Todesraten stiegen an, als die Menschen vom relativ gesunden Landleben in die stinkenden, ungesunden Städte wanderten.« Hier sind wir also wieder bei Friedrich Engels, der 1845 in der »Lage der arbeitenden Klasse in England« zugleich den Ausgangspunkt des modernen Sozialismus erkannte.

Anmerkungen

1 Friedrich Engels: Vorwort zur englischen Ausgabe, in: MEW 23, S. 40

2 Karl Marx: Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie (Rohentwurf), Berlin 1953, S. 592/593 (= MEW 42, S. 601)

3 Thomas Kuczynski: Engelsʼ Altersbriefe im Lichte des Zusammenbruchs des »Realsozialismus«, in: Sozialismus, H. 11/2020, S. 38–42

4 Friedrich Engels an Joseph Bloch in Königsberg, 21. September 1890, in: MEW 37, S. 463

5 Friedrich Engels: Revolution und Konterrevolution in Deutschland, in: MEW 8, S. 5

6 Friedrich Engels: England 1845 und 1885, in: MEW 21, S. 197

7 Friedrich Engels: Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats, in: MEW 21, S. 152

8 Ebd., S. 68

9 Georg Fülberth: Friedrich Engels, Köln 2018, S. 57

10 Elmar Altvater: Engels neu entdecken, Hamburg 2015, S. 155 und S. 159

11 Anne Case und Angus Deaton: Deaths of Despair and the Future of Capitalism, Princeton und Oxford 2020, S. 8

Teil I erschien in der Ausgabe vom Wochenende.

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  • Ralph Dobrawa: Einsicht nötig Frank Deppe regt mit seinem interessanten Beitrag an, wieder einmal in Friedrich Engels’ Schriften hineinzusehen. Dies nicht nur, weil er in diesem Jahr 200 Jahre alt geworden wäre. Manchmal wünschte ...
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