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Aus: Ausgabe vom 30.11.2020, Seite 11 / Feuilleton
Pop

Bis alles verschwindet

Mit Haut und Haar: Adrianne Lenkers Soloalbum »Songs/Instrumentals«
Von Frank Schwarzberg
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»Ganz neue Stufe von Herzschmerz«: Adrianne Lenker

Am Ende raschelt es nur noch. Das Windspiel hat aufgehört sich zu bewegen, zuvor haben sich die letzten Gitarrenklänge verflüchtigt, die Stimme selbst singt schon über eine halbe Stunde nicht mehr. Es ist ein unendlich behutsames Verschwinden, das Adrianne Lenker auf ihrem neuen Solodoppelalbum »Songs/Instrumentals« Seite für Seite nachzeichnet: Ist da jemand – das Kind, der Freund, die Geliebte – eingeschlafen? Oder spürt da jemand der Stille nach, der Welt, sich selbst?

Mit ihrer Band Big Thief hat Lenker vier Alben aufgenommen, zwei allein im vergangenen Jahr, die fabelhaften »U.F.O.F.« und »Two Hands«. Im März 2020 mussten sie ihre Europa-Tournee abbrechen. Ich sah die Band in Köln; kurz danach war die Halle in Kopenhagen bereits voll, als die dänische Regierung mit sofortiger Wirkung große Menschenansammlungen verbot. Big Thief spielten draußen auf der Straße noch ein paar akustische Nummern. Dann war es vorbei, die Band zerstob. Lenker fuhr mit ihrem gebrauchten Toyota Land Cruiser zu einer Waldhütte in Massachusetts und verliebte sich in den Raum: Es habe sich angefühlt wie das Innere einer Akustikgitarre, vermerkt sie in den handgeschriebenen Liner Notes zum neuen Album. Dieses Gefühl wollte sie einfangen und holte einen Monat später den befreundeten Aufnahmetechniker Phil Weinrobe ab, den Truck randvoll mit analogen Aufnahmegeräten. Man hört, glasklar und nah: Lenkers wunderschön ungeschliffene Kopfstimme, ihr feingliedriges Fingerpicking auf der Martin-Akustikgitarre, einen Pinsel, Blätterrascheln, Regen, Wind, das Kaminfeuer, besagtes Windspiel von draußen, Vögel – und am Ende des melodisch eingängigsten Songs, »Zombie Girl«, ein Insekt, welches nah am Mikro vorbei aus den Boxen direkt in dein Zimmer fliegt.

Die elf Songs brauchen ein bisschen Zeit. Melodien werden angedeutet, klingen erst simpel, improvisiert. Mehrmaliges Hören indes legt ganz eigene, unkonventionelle Melodieführungen frei, die das Gitarrenspiel nicht lediglich begleitet, sondern mit teilweise mehreren gegenläufigen Linien kommentiert. An Nick Drakes Art zu spielen und Sandy Dennys zu singen lässt das manchmal denken. Danach folgen die zwei Instrumentals, erst Gitarre und Sounds, dann nur Sounds, langsam verschwindend.

Die Texte sind randvoll wie der Truck, aber mit (Sprach-)Bildern, wie immer bei Lenker auf eine poetische Art dialektisch. Schönes erzeugt Schmerzen (»staring down the barrel of the sun / shining with the sheen of a shotgun«), auf Leidenschaft folgt der Tod und umgekehrt (»cemetery at night and / the dog’s in heat«), Liebe kann Zwang werden (»I want to be your wife / so I hold you to my knife«).

Tatsächlich endete vor der Entstehung des Albums eine Liebesbeziehung von Lenker. »Als Phil dazukam«, schreibt sie, »war ich auf einer ganz neuen Stufe von Herzschmerz« (»on a whole new level of heartsick«), »und Songs flogen nur so durch mich durch. Ich lag buchstäblich die halbe Zeit im Dreck.« Das »out of necessity«, mit dem der Satz zuerst endete, ist wieder durchgestrichen im Begleitfaltblatt, aber man kann es noch erkennen: »aus der Not(wendigkeit) heraus«. Und dann wieder juchzt sie vor Glück (ein »whoo« am Ende von »Anything«) über die Schönheit, die ein Song, der aus diesem Schmerz entstanden ist, annimmt.

So lebt, fühlt, singt und spielt Adrianne Lenker, ob mit Big Thief oder solo: mit Haut und Haar, sinnlich, fordernd und zerbrechlich zugleich. Und zärtlich. Amanda Petrusich, die Lenker mehrmals im Wald besuchte, schreibt in ihrem Porträt im New Yorker, wie sie einmal Buck Meek, den Big-Thief-Gitarristen (und Lenkers Exmann) bat, Lenkers Art des Songwritings zu beschreiben, und er lange nachdenken musste. Nach einer Dreiviertelminute sagte er: »Es ist, als ob ihr Bewusstsein sich aus dem Raum entfernt. Sie hält ihre Gitarre, sie spricht in Abstraktionen oder nur Unsinn – einfach nur Sounds. Dann kommt sie langsam zu sich, und die Sounds werden zu Silben und dann zu Englisch und zu einer Geschichte, einer Figur oder einer Reflexion. Aber es hat immer dieses Element von … Anmut.«

Adrianne Lenker: »Songs/Instrumentals« (4AD/Beggars/Indigo)

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