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Aus: Ausgabe vom 30.11.2020, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Rentenökonomie

Sand im Getriebe

Wirtschaft der Vereinigten Arabischen Emirate schmiert ab. Kapital aus dem Ausland soll es richten. Und ein neuer Partner: Israel
Von Gerrit Hoekman
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Sehnsüchtiges Warten an der Börse in Dubai: Ein rentabler Ölpreis liegt in weiter Ferne

Der Präsident der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), Scheich Mohammed bin Said Al Nahjan, erlaubt per Dekret ausländischen Investoren in Zukunft die Gründung von Unternehmen ohne Mehrheitsbeteiligung eines Einheimischen. Das meldete die amtliche Emirates News Agency (WAM) am Montag. Bislang war das nur in 45 Freihandelszonen möglich.

Unternehmen, die Aktiengesellschaften werden möchten, dürfen laut WAM nun bis zu 70 Prozent des Unternehmens an der Börse verkaufen, anstatt wie bisher nur 30 Prozent. Dadurch soll mehr ausländisches Kapital angezogen und die heimische Wirtschaft angekurbelt werden. »Das Dekret spiegelt die zukunftsgerichtete Vision der VAE wider, ihre Wirtschaft zu öffnen, indem ein günstiges gesetzgeberisches Umfeld geschaffen wird, das mit den Veränderungen in der Weltwirtschaft Schritt hält«, so WAM.

Der Grund ist klar: Den VAE, die aus sieben Emiraten bestehen, darunter Dubai und Abu Dhabi als bekannteste, geht es ökonomisch nicht mehr so gut wie einst. Nach Ansicht des Ratingbüros Standard & Poor’s wird das Bruttoinlandsprodukt des Emirats Dubai in diesem Jahr um elf Prozent sinken. Die Schuldenlast beträgt 148 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Abu Dhabi steht zwar besser da, aber auch dort droht Ungemach. Das Emirat ist von den Öleinnahmen abhängig und benötigt nach Ansicht des israelischen Ökonomen David Rosenberg einen Marktpreis von 70 Dollar pro Barrel, um die Kosten zu decken. Ein solcher Preis sei aber in nächster Zeit nicht zu erwarten, sagte Rosenberg am 1. November der israelischen Tageszeitung Haaretz voraus.

Die schlechte Prognose zwingt die Emirate praktisch dazu, neue Wege zu beschreiten. Große Hoffnungen setzt die Regierung dabei auf einen neuen Freund im Mittleren Osten: Israel. Seitdem die beiden Staaten im September diplomatische Beziehungen aufgenommen haben, herrscht Goldgräberstimmung.

Noch bevor das Abkommen zwischen den Emiraten und Israel offiziell unterzeichnet war, flog am 8. September eine Delegation israelischer Banker in die VAE. »Eine einmalige Gelegenheit, um wirtschaftliche Beziehungen und Kooperationen zwischen unseren Ländern und ihren finanziellen Systemen zu etablieren, die wirtschaftliches Wachstum für beide Seiten abwerfen werden«, zitierte Reuters den Vorstandsvorsitzenden der israelischen Hapoalim-Bank, Dov Kotler.

Falls die Pandemie es erlaubt, findet 2021 in Dubai die EXPO statt, dann werden 25 Millionen ausländische Gäste ins Land kommen, darunter auch viele potentielle israelische Investoren, hoffen die VAE. Bis dahin sollen die zwischenstaatlichen Beziehungen weitestgehend normal sein. Am 7. November besuchten die ersten Israelis den Golfstaat, meldete AP. Am vergangenen Donnerstag landeten Touristen und Geschäftsleute aus den Emiraten zum Gegenbesuch in Tel Aviv, berichtete Reuters.

Premierminister Benjamin Netanjahu eilte höchstpersönlich zum Flughafen Ben Gurion, um die noch ungewohnten Gäste vom Golf zu begrüßen. »Dies öffnet Handel, Wirtschaft und Tourismus und sorgt für einen wirklichen neuen Nahen Osten. Es ist ein Treffen zweier Völker«, freute er sich laut Reuters. Israelis und Emiratis müssen vorher kein Visum beantragen.

»Die Nachfrage nach Business-Class-Sitzplätzen auf der Strecke Tel Aviv-Dubai wird durch eine Krankheit angestachelt, die wir ›Dubai-Fieber‹ nennen«, kommentierte Rosenberg in der Haaretz vom 1. November die plötzliche Begeisterung für die Emirate. »Fasziniert von der Begrüßung und dem Reichtum der VAE, möchte heutzutage jeder in Israel Geschäfte machen.«

Die israelischen Unternehmer Erel Magalit und Jonathan Medved sollen bereits Verträge in den VAE abgeschlossen haben. Die Emirate wollen ihrerseits den privatisierten Hafen von Haifa kaufen. Sogar Wein aus dem von Israel besetzten, syrischen Golan soll demnächst in Dubai ausgeschenkt werden. Da kommt eine Gesetzesänderung vom 7. November gerade recht: Der Konsum und Besitz von Alkohol soll in den Emiraten für Personen ab 21 Jahren bald erlaubt sein.

Doch mittlerweile ist vieles in den Emiraten mehr Schein als Sein, besonders in Dubai, wo die Türme in den Himmel wachsen – allerdings nicht endlos: Arabtec Holding, die größte Baugesellschaft im Mittleren Osten, beantragte Ende September auf Betreiben der Aktionäre offenbar die Auflösung, wie Reuters meldete. Arabtec hatte in Dubai das vor zehn Jahren eröffnete und mit 828 Metern höchste Haus der Welt, den Burdsch Khalifa, gebaut. »Nach Jahren des Friedens ohne Handel mit Ägypten und Jordanien gibt es endlich ein arabisches Land, das mit Israel Geschäfte machen will, aber es gibt wenig zu tun«, ist Rosenberg skeptisch.

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