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Aus: Ausgabe vom 27.11.2020, Seite 16 / Sport
Fußball

Er hat den Himmel berührt

Zum Tod des Arbeitersohns Diego Armando Maradona
Von Uschi Diesl
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»Ich bin kein Magier«, wehrte Diego Maradona sich mal gegen die Legendenbildung und verwies auf das Viertel im Süden von Buenos Aires, in dem er als fünftes von acht Kindern eines Fabrikarbeiters aufgewachsen war: »Ich bin Diego, der in Fiorito geboren wurde. Magier sind die, die dort in Fiorito leben. Denn sie zaubern mit nur 1.000 Pesos im Monat.« Den nicht verhinderbaren Legenden zufolge schoss er in dem Armutsquartier sein erstes Traumtor, bevor er laufen konnte. Als gesichert gilt, dass ein Talentscout der Argentinos Juniors 1969 ein Spiel von Maradonas Straßenmannschaft »Estrella Roja« beobachtete und den Neunjährigen zu den »Cebollitas« (Zwiebelchen) holte, die mit ihm 136 Spiele lang ungeschlagen blieben. Als »Pibe de Oro« (Goldjunge) verkürzte er den Fans des Erstligisten die Halbzeitpause, indem er mit Bällen und Orangen jonglierte.

Am 20. Oktober 1976 gab er mit 15 Jahren sein Erstligadebüt. Man kann nicht sagen, dass ihn der Erwartungsdruck gehemmt hätte. Unmittelbar nach seiner Einwechslung tunnelte »Dieguito« blendend gelaunt einen Gegenspieler von Talleres de Córdoba, was die Menge mit »Olé« quittierte. »An diesem Tag habe ich mit den Händen den Himmel berührt«, versicherte der Lockenkopf, der drei Wochen nach dem Debüt dann auch die ersten Treffer in der Primera División erzielte und aus der Stammelf schon nicht mehr wegzudenken war.

Mit 17 wurde Maradona erstmals Torschützenkönig der höchsten Spielklasse, mit 18 steuerte er bei der U-20-WM im eigenen Land ein elegantes Freistoßtor zum 3:1-Erfolg im Finale gegen die UdSSR bei, wurde zum Spieler des Turniers gewählt und hatte diesem Titelgewinn, keine Kleinigkeit, die Freistellung vom Militärdienst zu verdanken. Außerdem wurde er Südamerikas Fußballer des Jahres. Maradona war ein klassischer Spielgestalter, der mit links so prophetische wie präzise Pässe spielte, dem der Ball bei Dribblings auf engstem Raum am Fuß zu kleben schien, dessen Körpertäuschungen reihenweise Verteidiger dumm aussehen ließen, der ruhende Bälle traumhaft versenkte.

Statt zu den »Millionarios« von River Plate wechselte er 1981 zum Lieblingsklub seines Vaters, den finanziell deutlich schwächer aufgestellten Boca Juniors, traf gleich im ersten Spiel zweimal. Unvergesslich sein 3:0 im ersten Superclásico gegen River vor heimischem Publikum. Er umspielte den argentinischen Nationaltorhüter Ubaldo Fillol, foppte den auf die Torlinie zurückgeeilten Verteidiger Alberto Tarantini, brachte den Ball aufreizend lässig im Tor unter. Er war nun endgültig ein Superstar – und kassierte bei der WM 1982 in Spanien den ersten Dämpfer. Zwar gelang ihm ein Galaauftritt beim 4:1 in der Vorrunde gegen Ungarn, doch dann wurde Argentinien von Brasilien aus dem Turnier geworfen, wobei Maradona nach einem Tritt die rote Karte sah. »Alle hatten gedacht, es würde meine Weltmeisterschaft werden. Ich eigentlich auch.«

Nach dieser Enttäuschung ging er für die damalige Rekordablöse von 7,3 Millionen US-Dollar zum FC Barcelona, geriet dort wiederholt mit Trainer Udo Lattek aneinander, der schließlich gegen den Argentinier César Luis Menotti ausgetauscht wurde. Maradona machte weiter unverwechselbare Tore, aber die Ergebnisse von Barça entsprachen dennoch kaum den Erwartungen. Der Superstar war oft verletzt, fiel im Nachtleben auf. Als er im Mai 1984 nach einer Pokalfinalniederlage gegen Bilbao auf dem Platz eine Massenschlägerei anzettelte, wurde er auf die Transferliste gesetzt. »Ich teilte nach allen Seiten Tritte aus. Zum Glück kamen mir die anderen Jungs zur Hilfe, sonst hätten sie mich fertiggemacht«, behielt er seine Abschiedsvorstellung bei den Katalanen in Erinnerung.

Es folgten seine schaurig-schönen Jahre beim SSC Neapel, dem er Genugtuung verschaffte in den Spielen gegen die Klubs des reichen Nordens – Juventus Turin, AC und Inter Mailand –, deren Anhänger den Süditalienern gerne »Lavatevi« (»Wascht euch«) zuriefen. Als Maradona den SSC im Februar 1987 zum ersten Meistertitel der Vereinsgeschichte führte, versank die Stadt im Ausnahmezustand. »Ho visto Maradona!« (Ich sah Maradona!) war das Lied bei tagelangen Straßenfesten. »Für Neapel den ersten Scudetto seit 60 Jahren zu holen war für mich ein unvergleichlicher Sieg. Anders als jeder andere Erfolg, sogar der WM-Titel 1986«, sollte er später sagen.

Über die WM 1986, vor allem das 2:1 im Viertelfinale gegen England mit der »Hand Gottes« und dem bekanntesten Solo der Fußballgeschichte – Maradona: »Ich hatte das Gefühl, den Engländern die Brieftasche zu klauen, und das direkt nach dem Falkland-Krieg« – ist genug geschrieben worden. Die Jahre 1986/87 waren Maradonas Zenit, auch wenn er im Mai 1989 mit Neapel noch den UEFA-Pokal gewann (gegen den VfB Stuttgart).

Sein Niedergang entsprach den weltpolitischen Entwicklungen. Die bitteren Tränen, die er nach dem hässlichen 1:0-WM-Finalsieg der Deutschen im Juli 1990 in Rom vergoss, scheinen rückblickend auch den Hoffnungen der Zauberer von Fiorito auf eine gerechtere Gesellschaftsordnung gegolten zu haben. Bei der WM vier Jahre später wurde ihm in der Vorrunde Ephedrin im Blut nachgewiesen – 15 Monate Sperre bedeuteten, dass er das Nationaltrikot nie wieder überstreifen würde. Auf Vereinsebene pfiff er nach dem »Sommer der Deutschen« aus dem letzten Loch. Übergewichtig und absolut nicht fit, hatte er zwar noch den Blick für das Spiel, aber keinen Punch mehr. Dazu kamen Drogenexzesse, lange Sperren, Bewährungsstrafen. Über Sevilla und das argentinische Rosario (Newell’s Old Boys) kehrte der gebrochene Arbeitersohn zu den Boca Juniors zurück, für die er in der entscheidenden Phase des Clausura-Turniers 1996 gleich fünf Elfmeter in Folge verschoss – es stimmte auch im Kopf nicht mehr.

Er war ein Jahrhundertfußballer, einer von höchstens fünf, und von denen der größte Arbeiterheld. Am Mittwoch ist Diego Armando Maradona im Alter von 60 Jahren gestorben.

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