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Aus: Ausgabe vom 27.11.2020, Seite 11 / Feuilleton
Friedrich Engels 200

Aller Anfang ist blutig

Was in dem jungen Friedrich Engels steckte, zeigt das Fragment einer Seeräubergeschichte, die er mit 16 Jahren verfasste
Von Harald Justin
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Blut, Wein, Schüsse, Wein ... (Gravur aus dem 19. Jahrhundert)

Auch Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus haben klein angefangen. Der am 28. November 1820 geborene Frie­drich Engels war nicht ganz 15 Jahre alt, als seine Lektüre den Vater das Schlimmste befürchten ließ. »Frie­drich hat mittelmäßige Zeugnisse in voriger Woche gebracht. Im Äußeren ist er, wie du weißt, manierlicher geworden, aber trotz der früheren strengen Züchtigung scheint er selbst aus Furcht vor Strafe keinen unbedingten Gehorsam zu lernen«, schrieb Engels senior seiner Gattin in einem Brief vom 27. August 1835. »So hatte ich heute wieder den Kummer, ein schmieriges Buch aus einer Leihbibliothek, eine Rittergeschichte aus dem dreizehnten Jahrhundert, in seinem Sekretär zu finden. Merkwürdig ist seine Sorglosigkeit, mit welcher er solche Bücher in seinem Schranke lässt. Gott wolle sein Gemüt bewahren, oft wird mir bange um den übrigens trefflichen Jungen.«

Der Wuppertaler Fabrikant und Pietist hatte nichts übrig für Räubergeschichten, Abenteuer- und Schauerromane, in denen sein Sohn schmökerte, wenn er nicht gerade idealistische Gedichte verfasste, etwa gegen den Kolonialismus. Deren Stil erinnert an die schwüle Exotik eines Dichters, mit dem Engels später in der Neuen Rheinischen Zeitung zusammenarbeiten sollte: Ferdinand Freiligrath, der sein eigenes Frühwerk bald gut zu deuten wusste: »Meine erste Phase, Löwen- und Wüstenpoesie, war im Grunde auch nur revolutionär, es war die allerentschiedenste Opposition gegen die zahme Dichtung wie gegen die zahme Sozietät.«

Zu den »schmierigen Büchern«, die den Vater so bekümmerten, dürften Ritterromane von Sir Walter Scott gehört haben, das ungemein populäre Seeräuberbuch »Der Rote Korsar« von James Fenimore Cooper, Samuel Taylor Coleridges »Ballade vom alten Seemann« sowie thematisch ähnlich gelagerte Gedichte von Lord Byron und Percy Bysshe Shelley. »Oh, wir alle konnten Shelley auswendig«, wird Engels später gegenüber Eleanor »­Tussy« Marx bemerken.

Dass er recht früh auch Prosa verfasste, zeigt ein 1837 zu Papier gebrachtes Fragment einer »Seeräubergeschichte«. Der 16jährige Autor schmeißt sich mit Furor in die Geschichte, die im Jahre 1820 spielt. Hintergrund sind die in Griechenland aufgeflammten Freiheitskämpfe gegen die türkische Herrschaft. Diesen Aufständen hatten sich auch die damaligen Popliteraten Lord Byron und Shelley verschrieben. Wie sehr die Geschichte eine Abrechnung Engels’ mit dem Fabrikantenvater ist, lässt die Figur eines als Kauffahrer getarnten Piraten ahnen, der voller Verachtung über all jene spricht, die das »Krämerhandwerk« höher stellen als »ächte Hellenen«, »die noch die Freiheit zu schätzen wissen«.

Der Plot ist einfach: Ein junger Mann, dessen Familie von Türken verschleppt oder ermordet wurde, gerät in die Fänge eines griechischen Seeräuberkapitäns, der mit Vorliebe türkische Schiffe überfällt. Der Held macht gemeinsame Sache mit ihm, strebt nach Rache und Freiheit, »will mit Wut die Moslemin bekämpfen, will sie schlachten wie das Vieh«. Es wird viel griechischer Chioswein getrunken, aber noch mehr Blut in Kämpfen verspritzt. Kopfwunden, rotes Blut, griechischer Wein, Brustschüsse, rotes Blut, griechischer Wein, Stechereien folgen auf Schießereien, Köpfe werden mit Hämmern eingeschlagen – die wenigen Seiten gäben ein prima Regiebuch für einen Splatterfilm ab, wenn, ja wenn der junge Autor es nur geschafft hätte, die vielen losen Enden der Geschichte wieder zusammenzubinden. Unvermittelt ist nach der fünften Szene Schluss, noch bevor der Held irgend etwas über den Verbleib seiner Verwandten in Erfahrung bringen kann.

Engels’ Talent zeigt sich weniger im Gefüge der Handlung als in deren Dynamik und Akzentuierung. Hier sind Anlagen erkennbar, die sein späteres Schreiben und Denken so unverwechselbar machen. Lässt man die testosterongesättigte Freude am Raufen beiseite, die immerhin ohne Meeresschilderungen auskommende Seefahrerromantik und die Homer-Zitate des Piratenkapitäns, so bleibt doch immer noch das Vorwärtsdrängende der Handlung, die keine Langeweile aufkommen lässt. Alles folgt dem Spannungsbogen, ist flott und detailreich erzählt. Mit der Schnelligkeit der Hiebe, die Zeile für Zeile fallen, schreitet die Handlung schnörkellos voran. Noch gehen dem Autor die Pferde durch, er wird sie zähmen müssen. Aber schon erkennt man auch den Willen zum unbedingten Ausdruck, der das »Kommunistische Manifest«, den »Anti-Dühring« oder sein Buch zum deutschen Bauernkrieg zu einer nicht nur lehrreichen, sondern auch spannend zu lesenden Lektüre machen. Und was wäre das mit Karl Marx geschriebene »Kommunistische Manifest« ohne den Ausruf, dass die Proletarier nichts zu verlieren hätten als ihre Ketten? Wen erinnert das nicht an die Galeerensklaven aus der Zeit der Freibeuter und Piraten, mit deren Freiheitskampf der junge Engels so sympathisierte?

Nur acht Jahre später wird Engels mit seinem Bericht zur »Lage der arbeitenden Klasse in England« die kritisch-empirische Sozialforschung begründen. Noch später wird er als »Cotton-Lord« in Manchester und London wie ein Pirat unter den Reichen verkehren, und die Prisen, die er den Kapitalisten abnimmt, finanzieren die Arbeit von Marx. Ein Pirat hätte nicht edler handeln können.

Die Seeräubergeschichte kann man nachlesen in der MEGA (Marx-Engels-Gesamtausgabe) I/3 E ab Seite 720.

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