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Aus: Ausgabe vom 27.11.2020, Seite 10 / Feuilleton
Lyrik

Und kann dem nicht entgehen

Die Haltung findet sich bei Brecht und Hacks: Michael Mädes Gedichtband »100«
Von Arnold Schölzel
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»Welch unheilvolle Zäsur« – Militärputsch 1973 in Chile

Michael Mäde wurde 1962 in der DDR geboren. In seinem Band »100«, der übrigens belegt, dass es noch gute Buchkunst gibt, berichtet zumeist ein Ich-Erzähler auf unsentimentale und deswegen ergreifende Weise von eigenen bitteren Erfahrungen in Zeiten des Sozialismus und von denen nach dem Ende des ostdeutschen Staates. Die ersteren haben sich emotional tief eingegraben und verweisen zum Teil auf die späteren. Die lesen sich oft, als seien sie von einem Emigranten geschrieben – aus geistiger Distanz zum Unheilvollen, unversöhnlich, oft sarkastisch. Die wenigen Gedichte über Liebe und eigenes Leid wirken wie eine Zuflucht. In der politisch inspirierten Poesie der vergangenen Jahrzehnte gibt es Vergleichbares nur bei Peter Hacks. An ihn reicht manches hier Veröffentlichte heran.

Bittere Erfahrungen in der DDR? Das beginnt im ersten Gedicht: »Schwester, heut’ habe ich deinen Geburtstag vergessen.« Es zerreißt das erzählende Ich immer noch, wie die Schwester 1973 mit der Nachricht vom Tod Salvador Allen­des in Chile in der Tür stand und sich nicht trösten lassen wollte: »Ich hätte meinen Trost so sehr gebraucht.« Wer damals in der DDR lebte, weiß, welche unheilvolle Zäsur der Putsch in Chile bedeutete. Da wurde im Blut erstickt, was auch hier neue Begeisterung für Sozialismus geweckt hatte. Oder mit den Worten Immanuel Kants zur Französischen Revolution von 1789: eine »Teilnehmung dem Wunsche nach, die nahe an Enthusiasmus grenzt«. In einem Text aus dem »Danach« taucht der Faschistenputsch wieder auf: »Mein Weltbild wird einfacher mit den Jahren. Denn Allende, lerne ich, war irgendwie auch Stalinist und Neruda kein Dichter.«

Der Ich-Erzähler kann die neuen Herren selten ernst nehmen, von »Teilnehmung« keine Spur mehr. Die Kindheitserfahrungen in der DDR, aus einer kommunistischen Familie kommend, waren direkt und brutal: »Mit der Zeit wurde ich würdig befunden, meinen Teil an Schlägen in Empfang zu nehmen. Und so schleppte ich nach der Wahl in den Freundschaftsrat heulend meine zerfetzte Schultasche zur Mutter, und die wusch das Rot aus dem blauen Halstuch.« Oder: »Die ersten Schläge wegen eines Abziehbildes, verbittertes Schwingen mit dem Lineal. ›Kommisau‹, heult es / unterdrückt …« Oder: »Ausgesetzt dem Terror / der Andersdenkenden / auf dem Schulhof, Prügel in den Pausen. (…) Und sicher nun auch, / dass man Grausamkeit / lernen kann.« Da sieht einer Ursachen für das Ende, aber auch anderswo, wenn er von den »teuren Toten der Revolution, die niemals gesiegt hat in diesem halben, deutschen Land«, schreibt. So auch in »Generation Exil«: »Sie müssen geahnt haben, wie schwer das wird, Jahrhunderte von Hass und eingeübter Kriecherei zu überwinden.«

1989 und 1990 kommt beides wieder nach oben: »Und schon bald buchstabierte man Stettin schon wieder viel selbstverständlicher als Auschwitz in diesem Land.« Sofort sind genügend »Ehrensoldanwärter, die einen Wink nur brauchen, um zu handeln, nicht nur zu hetzen«, vorhanden. Und dann das allgegenwärtige Grauen. Der vierte von zwölf Abschnitten, in die das Buch unterteilt ist, trägt den Titel: »Landnahme der Kriege«. Die vollzieht sich weltweit und ohne Begrenzung, universell: »Die Nachrichten des Tages verwirren ihn. War gestern schon Krieg? Oder hat der nie aufgehört? Jede Geschichte, sagt Aristoteles, hat einen Anfang, eine Mitte und ein Ende. Das findet er hinreichend widerlegt.« Und kann dem nicht entgehen: »Mein Sohn hat Waschtag. Träge rekelt sich der Kampfanzug. Trainingsanzüge mit hässlichen Vögeln reihen sich auf der Leine. Der Wind höhnt ums Haus. Auf meiner Terrasse trocknet die Wäsche der feindlichen Armee.« Es ist der stärkste Abschnitt des Bandes.

Die Haltung, mit der Mäde schreibt, findet sich bei Brecht und Hacks, um die Namhaftesten zu nennen. Hacks stiftet auch den Titel für zwei Abschnitte des Bandes: »Plagejahre«. Seine Definition lautete: »Plagejahre, Übergang – manches dauert gar zu lang.«

Und steigert sich. Im letzten Abschnitt (»Kleine Virenkunde«) schildert Mäde, was die Pandemie für die Ärmsten der Welt bedeutet. Die letzten Zeilen des Bandes lauten: »Das ist der Krieg Klasse gegen Klasse im Jahre 2020 ›nach Christus‹.« Das hätte auch der Titel des Bandes sein können.

Die Verkürzung der Tage
beschleunigt den Puls
der Sorge.
Früher erobern die Krähen
ihren Platz auf abendlich
funkelnden Drähten.
Bei der Formulierung
des Niedergangs
im Zeitalter
des Terrors der Ökonomie
ist Eile geboten.
Ich kann dich denken hören,
sagt die Liebste
und häkelt die nächste Reihe.

Michael Mäde: 100. Verlag Wiljo Heinen, Berlin und Böklund 2020, 176 Seiten, 20 Euro

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