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Aus: Ausgabe vom 27.11.2020, Seite 5 / Inland
Tarifkonflikt

»Tschüs, wir streiken!«

Amazon: Beschäftigte drei Tage an sieben Standorten im Arbeitskampf. Verdi fordert Tarifverträge. Aktion trifft Onlineriesen bei Rabattschlacht »Black Friday«
Von Oliver Rast
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Auch an den beiden hessischen Amazon-Standorten in Bad Hersfeld wird gestreikt (26.11.2020)

Es war Punkt null Uhr, Mitternacht. »Unsere Amazon-Kollegen haben alles stehen- und liegenlassen«, schilderte Thomas Schneider, Verdi-Streikleiter für das Versandzentrum in Leipzig, die Auftaktszene am Donnerstag gegenüber jW. Die Botschaft: »Tschüs, wir streiken!« Es sei ein kollektiver Aufzug durch die Betriebshallen gewesen, so Schneider.

Nicht nur in Leipzig. Mit Beginn der Nachtschicht von Mittwoch auf Donnerstag rief Verdi die Belegschaften an sieben Amazon-Standorten zu einem dreitägigen Streik auf. Neben der Sachsenmetropole noch in Bad Hersfeld (zwei Standorte), Rheinberg bei Duisburg, Werne bei Dortmund, Graben bei Augsburg und in Koblenz. Das Ziel: Anerkennung der Flächentarifverträge des Einzel- und Versandhandels durch den Onlineriesen sowie der Abschluss eines Tarifvertrags für gute und gesunde Arbeit. Die bundesweite Koordinierung des Ausstands kommt nicht von ungefähr. »Unsere Vertrauensleute in den Versandzentren haben in den zurückliegenden Monaten viel Streikerfahrung gesammelt«, sagte Tim Schmidt, Verdi-Streikleiter in Werne, am Donnerstag im jW-Gespräch.

Coronabedingt verzichten die Gewerkschafter auf größere Kundgebungen vor den Arbeitsstellen. Die Streikenden gehen statt dessen demonstrativ nach Hause, werden über soziale Medien fortlaufend über den Streikfortgang informiert, erzählte Schneider. »Es ist eine Art Küchentischstreik«. Der Organisationsgrad in Leipzig liege etwa bei einem Drittel der Beschäftigten. »40 bis 50 Prozent einer Schicht werden streiken«, versicherte Schneider. In Leipzig sind knapp 1.500 Arbeiter tätig.

Fest steht, die Geduld der Beschäftigten ist am Ende – denn: »Den Kollegen wird seit acht Jahren die geforderte tarifvertragliche und existenzsichernde Entlohnung vorenthalten«, wird Orhan Akman, der bei Verdi für den Einzel- und Versandhandel zuständig ist, in einer Mitteilung am Donnerstag zitiert. Gleichzeitig streiche der megareiche Konzernboss Jeffrey Bezos während der Coronakrise Extragewinne ein, abermilliarden.

Von Tarifverträgen will der Internetgigant nichts wissen. »Wir beweisen jeden Tag aufs Neue, dass wir auch ohne Tarifvertrag der Arbeitgeber der Wahl für viele tausend Mitarbeiter sind«, sagte ein Amazon-Sprecher am Donnerstag auf jW-Nachfrage. Die Führungsspitze behauptet gebetsmühlenartig, die Tätigkeiten im Versand seien nicht dem Handel, sondern der Logistik zuzurechnen. Deshalb orientiere man sich auch an Entgelten, die in diesem Sektor üblich seien. In der Logistik sind nach Konzernangaben hierzulande rund 16.000 Menschen fest angestellt, zusätzlich helfen 10.000 Saisonkräfte aus. Aktuell betreibt Amazon 15 Logistikzentren, die Kundenbestellungen bearbeiten, heißt es weiter.

Verdi kritisiert einen weiteren Punkt: Die Amazon-Standorte sind ein Infektionsherd. In den Zentren würden Schutzmaßnahmen missachtet und die Gesundheit der Arbeiter den maximalen Profitmargen geopfert, sagte Akman. Mehrere hundert Amazon-Kollegen hätten sich bereits mit dem Coronavirus infiziert. Die vorgeschriebenen Abstände der Beschäftigten zueinander ließen sich in Stoßzeiten an den Förderbändern kaum einhalten. Deshalb ist ein tarifvertraglich garantierter Gesundheitsschutz nötig.

Die Streiks treffen Amazon direkt in der Rabattschlacht »Black Friday«. Zu etwaigen Engpässen bei der Bestellbearbeitung und Verzögerungen bei Paketzustellungen wollte sich der Sprecher gegenüber jW nicht äußern. Offenbar mit Grund. Die Streikleiter wissen hingegen, dass der Betriebsablauf an den bestreikten Standorten gestört ist. »In Werne wurde das Auftragsvolumen heruntergeschraubt, um das Pensum überhaupt erfüllen zu können«, sagte Schmidt. Es sei eine Mär, wenn Amazon behaupte, jedes witterungsbedingte Glatteis koste mehr als ein Streik. »Wenn Beschäftigte aus der Personalabteilung eilig ins Lager zum Verpacken beordert werden, ist das ein klares Indiz, dass unsere Arbeitskämpfe wirken«, so Schmidt.

In Rage bringen die Linke-Bundestagsabgeordnete Jutta Krellmann auch die jüngst bekanntgewordenen Ausspähmethoden bei Amazon (siehe jW vom 26. November). »Die dicke Kohle einstreichen und gleichzeitig die eigenen Leute bespitzeln. Das ist so was von schäbig«. Amazon müsse dafür zur Rechenschaft gezogen werden, forderte die Sprecherin für Mitbestimmung und Arbeit am Donnerstag gegenüber jW.

Ferner solidarisiert sich der DGB mit den Streikenden. Dessen Vorsitzender Reiner Hoffmann erklärte zum Streikauftakt: »Ihr habt schon einen enorm langen Atem im Kampf um einen Tarifvertrag bewiesen«. Apropos Kondition. Drei Tage Nonstopausstand. Reichen Kraft und Lust? Leipzigs Streikleiter Schneider lässt keinen Zweifel aufkommen: »Die Streikfront steht, da wird nichts bröckeln.«

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