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Aus: Ausgabe vom 27.11.2020, Seite 1 / Titel
Tod einer Legende

Hasta siempre, Diego!

»Er war gerechte Rebellion«: Trauer um Maradona. Die Welt sagt »Lebe wohl!« zum besten Fußballspieler der Geschichte
Von Peter Merg und Frederic Schnatterer
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Legenden unter sich: Maradona (l.) revolutionierte die Welt auf dem, Fidel rund um den Platz (Havanna, 27.10.2005)

Weltweit ist der Tod von Diego Armando Maradona mit Trauer und Bestürzung aufgenommen worden. Der argentinische Jahrhundertfußballer starb am Mittwoch in seinem Haus in Tigre nördlich von Buenos Aires an einem Herzinfarkt. Er wurde 60 Jahre alt. Direkt nach Bekanntwerden der Todesnachricht sagte Argentiniens Präsident Alberto Fernández alle geplanten Termine ab und ordnete eine dreitägige Staatstrauer an.

Seit Donnerstag morgen war der Sarg Maradonas im Präsidentenpalast Casa Rosada aufgebahrt, Hunderttausende Argentinier nahmen im Laufe des Tages Abschied. Bereits am Mittwoch abend hatten sich Trauernde im Zentrum der Hauptstadt versammelt, um lautstark »Adiós« zu sagen. Um 10 Uhr abends – die 10 war die Rückennummer Maradonas – applaudierte das ganze Land von Fenstern und Balkonen aus seinem Idol.

Maradona sollte noch am Donnerstag auf dem Friedhof Jardín de Paz beigesetzt werden, wo auch seine Eltern begraben sind. Sein Anwalt forderte unterdessen eine Untersuchung der Todesumstände. Er könne sich nicht erklären, warum der Zustand seines Freundes »zwölf Stunden lang« nicht kontrolliert worden sei und der Krankenwagen schließlich mehr als eine halbe Stunde brauchte, bis er bei dessen Haus eintraf, sagte Matías Morla. Maradona war erst vor zwei Wochen aus dem Krankenhaus entlassen worden, nachdem ihn Ärzte dort wegen einer Gehirnblutung operiert hatten.

Auch in der süditalienischen Stadt Neapel, wo Maradona seine erfolgreichste Zeit hatte, gedachten noch in der Nacht Tausende des Verstorbenen. Vor Wandbildern wurden trotz Ausgangssperre bengalische Feuer abgebrannt, am Stadion San Paolo von Maradonas Herzensverein SSC Neapel legten Menschen Blumen nieder. Bürgermeister Luigi de Magistris rief einen Trauertag aus und schlug vor, die Spielstätte in »Stadio Maradona« umzubenennen.

Progressive Politiker aus ganz Lateinamerika kondolierten am Mittwoch ebenfalls umgehend und erinnerten dabei an Maradonas antiimperialistische Einstellung. Maradona starb auf den Tag genau vier Jahre nach seinem Freund Fidel Castro. Kubas Präsident Miguel Díaz-Canel erklärte auf Twitter, der 25. November sei nun ein »doppelt schmerzhafter Tag: Vier Jahre ohne die physische Präsenz von Fidel, und heute geht Maradona von uns. Freunde bis in die Ewigkeit, inspirieren sie uns jeden Tag«. Der venezolanische Außenminister Jorge Arreaza sagte, Maradona sei »ohne Zweifel der größte Fußballer und ein Riese, was Menschlichkeit, Träume und Ideale angeht. Er war gerechte Rebellion. Ein Anhänger der Hoffnung, der Gleichheit und des Lächelns.«

Während einer Entziehungskur in Kuba hatte Maradona 2000 Fidel Castro kennengelernt. Die Freundschaft mit dem kubanischen Revolutionsführer politisierte den Fußballstar, er begeisterte sich für die progressiven Bewegungen Lateinamerikas. »Ich bin Chavist«, bekannte er 2005 nach einem Treffen mit dem damaligen venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez, an dessen Seite er im selben Jahr beim Amerika-Gipfel in Mar del Plata gegen die US-Politik demonstrierte.

Noch im vergangenen Jahr verteidigte Maradona Boliviens damaligen Präsidenten Evo Morales mit deutlichen Worten gegen den Putsch, der diesen das Amt kosten sollte. Der erklärte am Mittwoch: »Mit großem Schmerz in meiner Seele habe ich vom Tod meines Freundes erfahren. Ein Mensch, der für die Ärmsten gefühlt und gekämpft hat. Nicht nur der Weltfußball, auch die Völker dieser Welt trauern um ihn.«

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Debatte

  • Beitrag von Verena B. aus B. (28. November 2020 um 14:51 Uhr)
    In Argentinien kritisieren Feministinnen einmal mehr die Vergötterung von Diego Maradona. »Linke« Männer antworten ihnen, es sei das Volk, das trauere, und das Volk müsse respektiert werden.

    Die Gruppe »Feminismo Revolucionario« hat auf der »Red Informativa de Mujeres Latinoamericanas« (RIMLA) einen Text publiziert, den ich (von mir übersetzt) weitergeben möchte:

    »Revolutionärer Feminismus, für eine Welt frei von jeglicher Ausbeutung

    In diesem verfaulten System, das ihnen Idole auferlegt, um sie zu blenden und die Ausbeutung zu vergessen, üben viele ihr „Trugbild von Freiheit“ aus, indem sie sich für ein Fußball-Idol die Kleider vom Leib reißen ...

    ... Wir Frauen sind AUCH die Arbeiterklasse, wir sind auch »das Volk«. Frauen und Mädchen, die durch dieses kriminelle System prostituiert werden, sind auch »das Volk«, und deshalb hat derjenige, der sie benutzt und missbraucht, kein »Klassenbewusstsein« mehr, basta mit Herumfummeln an Konzepten.

    Egal, wie geschickt der Fußballer, den sie heute vergöttern, mit einem Ball umgehen konnte, egal, wie sehr er mit Che tätowiert war, dieser Fußballer war ein Mißhandler von Frauen, ein Puto und ein verlassender Vater ... (es gibt Fotos mit Prostituierten, sogar mit welchen, die wie Mädchen aussehen, es gibt Videos, auf denen er Frauen schlägt, es gibt Anzeigen wegen Misshandlungen und Belästigungen).

    ... um was es hier wirklich geht, ist eine politische Frage: Es geht darum, wie ein großer Teil der vermeintlichen »Linken« daran beteiligt war, einen vollendeten Machista emporzuheben, im Wissen um die schrecklichen Folgen der Verharmlosung der machistischen Gewalt. Es ist eine schwerwiegende Verantwortungslosigkeit, und es ist ein gigantisches Anspeien ins Gesicht aller Opfer von machistischer Gewalt. Die Schaffung von Idolen ist für die Bourgeoisie funktional, besonders wenn diese Idole die Banalisierung frauenfeindlichen Verhaltens so eklatant mit sich bringen.

    ... In diesen Tagen schreit die kollektive Entfremdung: »Die Frauen des Volkes sind uns eigentlich egal; ein Freier zu sein, Frauen zu schlagen, Frauen zu belästigen, Machismo zu treiben, ist doch gar nicht so schlimm.« Und das ist es doch, meine Herren. Täter zu Götzen hochzujubeln, bedeutet auch, die Misshandlung gegen die Frau hochzujubeln. Und die Misshandlung gegen die Frau ist Folter, in vielen Fällen tödlich.

    #KeineEinzigeWeniger

    #WennSieEineAnfassenAntwortenWirAlle

    #PatriarchatUndKapitalKriminelleVereinigung«

    Verena Bosshard, Berlin

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Schorsch Raacke: Adios, Diego! Der schwedische Fußballstar Zlatan Ibrahimovic schreibt in seiner Biographie: »Du kannst einen Typen aus dem Ghetto holen, aber nicht das Ghetto aus dem Typen.« Er meint sich selbst und seine Jugend i...

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