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Aus: Ausgabe vom 25.11.2020, Seite 15 / Antifa
Auto als Waffe

Neonazifan am Steuer

Nach Angriff auf Nazigegner in Henstedt-Ulzburg mit schwerem Pkw liefern Antifarecherchen zahlreiche Indizien für rechte Gesinnung des Täters
Von Kristian Stemmler
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Am Rande des Parteitags der Hamburger AfD fahren zwei Anhänger der Partei in einem grauen Wagen vom Gelände (15.11.2020)

Rechte Attentäter setzen mittlerweile auch schwere Pkw als Waffe ein. So kam es beim Parteitag der Hamburger AfD im Stadtteil Dulsberg am 15. November zu einem solchen Vorfall, als zwei AfD-Anhänger mit dem Auto das Gelände des Parteitags verlassen wollten. Ihnen stellten sich Demonstranten in den Weg. Wie in einem vom NDR publizierten Video zu sehen ist, gehen Polizisten und Sicherheitsleute rabiat gegen die Aktivisten vor, versprühen hemmungslos Pfefferspray. Dann gibt der Fahrer plötzlich hörbar Vollgas und fährt mehrere Menschen an. Es war offenbar reines Glück, dass die Aktivisten mit leichten Verletzungen davonkamen.

Nach rechten Anschlägen sind es nicht selten Antifagruppen, die Ermittlungen zu den Hintergründen der Tat anstellen. Für den ebenfalls mit einem Pkw verübten Anschlag am 17. Oktober auf drei Demonstranten im schleswig-holsteinischen Henstedt-Ulzburg liegen nun die ersten Ergebnisse vor. Am Rande einer Veranstaltung mit AfD-Chef Jörg Meu­then hatte ein 19jähriger Sympathisant der Partei die drei mit seinem schweren Pick-up angefahren und verletzt. Zwei der drei Demonstranten, die in Henstedt-Ulzburg angefahren wurden, schildern in einem am Montag vom Dresdner Seenotrettungsverein »Mission Lifeline« veröffentlichten Video den Ablauf des Anschlags und ordnen ihn politisch ein.

Laut der seit Donnerstag vergangener Woche eigens zum »Tatort Henstedt-Ulzburg« eingerichteten Internetseite tatorthu.noblogs.org liefern vor allem die Aktivitäten des Täters im Internet zahlreiche Indizien dafür, dass es sich keineswegs um einen Unfall oder ein versuchtes »Erschrecken« der Opfer (siehe jW vom 27.10.) handelte. Dem Recherchekollektiv zufolge handelt es sich beim Fahrer vom 17. Oktober um den heute 20 Jahre alten Melvin S. aus einem Dorf im Kreis Segeberg. In seinem Umfeld fänden sich »vor allem junge Männer, die einen Hang zu schnellen und großen Autos haben«. Ein Foto aus der Segeberger Zeitung von Ende 2019 zeige S. im T-Shirt mit einem Motiv des rechten Rappers Chris Ares. Ares, der mit bürgerlichen Namen Christoph Zloch heißt, galt als wichtigster Vertreter der modernen Neonazirapszene, bevor er im September seinen Rückzug aus der Öffentlichkeit ankündigte.

S. interessiere sich beispielsweise auf der Fotoplattform »Instagram« für viele ultrarechte Seiten. In seiner Profilbeschreibung stünden neben einer Deutschlandfahne die Worte »Ehre über Ruhm« – auch Titel eines Tracks des Neonazirappers Absztrakkt, der 2020 einen Gastbeitrag für das Album von Chris Ares beisteuerte. S. folge zudem dem Profil des AfD-Politikers Julian Flak aus dem Kreis Segeberg, wie dieser umgekehrt auch ihm. Flak hatte sich nach dem Anschlag in Henstedt-Ulzburg mit dem Täter solidarisiert und Flyer unter der Überschrift »Den Brandstiftern das Handwerk legen – Antifa Verbot jetzt« verteilt.

Weitere Indizien für die rechte Gesinnung des Anschlagsfahrers sind Fotos in den »sozialen Netzwerken«, auf die er mit »Gefällt mir« reagierte, so auf der Seite »WW2photos« ein Bild, das den Titel »SS marschiert in Feindesland« trägt. Auf »Instagram« interessiere sich S. neben anderen Neonazikonten auch für das von Steve Trapke, NPD-Landesvorstandsmitglied in Schleswig-Holstein. Der schart im Raum Elmshorn Anhänger unter dem Namen »Deutsche Patriotische Gemeinschaft« um sich.

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