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Aus: Ausgabe vom 25.11.2020, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Bruttoinlandsprodukt

Wirtschaft auf Talfahrt

Statistiker liefern relativ gute Zahlen für das dritte Quartal. Doch nach Erholung geht es wieder bergab
Von Steffen Stierle
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Hamburg im November 2020: Freudlose Zeiten mit gebremster Konsumlaune

Auf den ersten Blick lesen sich die am Dienstag präsentierten Zahlen des Statistischen Bundesamts gut: Um 8,5 Prozent habe das Bruttoinlandsprodukt im 3. Quartal gegenüber dem Vorquartal zugelegt. Allerdings war jenes von einem historischen Einbruch der Wirtschaftsleistung um rund zehn Prozent geprägt, nachdem schon im ersten Jahresviertel ein Minus von 1,9 Prozent verzeichnet worden war.

Weniger schön lesen sich die aktuellen Zahlen daher, wenn man das Vorjahresquartal als Vergleichsmaßstab heranzieht, also das 3. Quartal 2019. Gegenüber diesem ist die Wirtschaft nämlich preisbereinigt um vier Prozent geschrumpft. Die aktuelle Erholung gegenüber dem Dreimonatszeitraum zuvor geht vor allem auf Nachholeffekte zurück. Viele private Anschaffungen hatten sich durch den ersten Shutdown vorerst erübrigt und sorgen nun für einen Zuwachs der Konsumausgaben um 10,8 Prozent. Ausrüstungsinvestitionen von Unternehmen mussten im 2. Quartal aufgrund unterbrochener Lieferketten verschoben werden. Nun legen sie um 16 Prozent zu. Kräftig gesteigert werden konnten gegenüber dem Zeitraum von April bis Juni mit einem Plus von 18,1 Prozent auch die Exporte. Schließlich war der Außenhandel zuvor weitgehend zum Erliegen gekommen.

Trotz der Zuwächse liegen sämtliche Kennzahlen der volkswirtschaftlichen Entwicklung noch weit unter Vorkrisenniveau. Und die Aussichten sind finster. Derzeit bremsen die zweite Welle der Pandemie sowie der damit verbundene sogenannte Teillockdown den zaghaften wirtschaftlichen Aufschwung wieder aus. Für das Jahres­endquartal wird allgemein wieder mit Schrumpfung des BIP gerechnet. Laut dem Analysten Carsten Brzeski von der ING-Bank ist ein erneuter Rückgang der Wirtschaftsleistung unvermeidbar. Die Dienstleistungen hätten bereits seit September geschwächelt. Nun verschlimmere der Lockdown diesen Trend.

Auch die am Montag vorgelegte Umfrage des Einzelhandelsverbands HDE legt nahe, dass es bereits wieder bergab geht. Der Befragung zufolge habe die Kundenzahl in den Stadtzentren in der dritten Novemberwoche um 40 Prozent unter dem Vorjahresniveau gelegen. »Wenn die Politik jetzt nicht zeitnah mit Hilfsprogrammen eingreift, dann überschreiten wir zeitnah den Kipppunkt, ab dem viele Händler nicht mehr zu retten sein werden«, warnte Geschäftsführer Stefan Genth vor einer Insolvenzwelle. Gefordert wird, die staatlichen Beihilfen auf den Einzelhandel zu erweitern. Bisher profitieren lediglich Unternehmen, die Kraft behördlicher Anordnung schließen mussten, von den Zuschüssen. Und auch dort gehen die Beschäftigten meist leer aus. So werden beispielsweise bis zu 75 Prozent der Umsatzausfälle von Gastronomen ersetzt. Den häufig außerordentlich schlecht bezahlten Kellnern bleibt weiterhin nur das Kurzarbeitergeld.

Nach Einschätzung des Präsidenten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, besteht das größte Risiko für die wirtschaftliche Erholung in einer lang anhaltenden Infektionswelle. Dadurch entstünde noch mehr Unsicherheit für Unternehmen, Soloselbständige und Verbraucher. Kurzfristig müsse daher »konsequent gehandelt werden, um mittelfristig die Wirtschaft zu schützen«. Der Chef des kapitalnahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), Michael Hüther, forderte eine Verlängerung der »Novemberhilfen«. Diese seien kurzfristig zu begründen und funktionierten.

Wenig zuversichtlich blicken laut dem am Dienstag veröffentlichten Geschäftsklimaindex des Münchener Instituts für Wirtschaftsforschung (Ifo) auch viele Unternehmen in die nahe Zukunft. Der monatlich aktualisierte Indikator, in dem sowohl die gegenwärtige Geschäftslage wie auch die Erwartungen berücksichtigt werden, ist trotz der Aussicht auf einen Impfstoff das zweite Mal in Folge gesunken. »Die zweite Coronawelle hat die Erholung der deutschen Wirtschaft unterbrochen«, so Ifo-Präsident Clemens Fuest. Die Geschäftsunsicherheit sei gestiegen. Besonders deutlich verschlechtert haben sich die Erwartungen im Dienstleistungssektor sowie im Handel. Lediglich im verarbeitenden Gewerbe sei die Stimmung etwas besser geworden.

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