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Aus: Ausgabe vom 25.11.2020, Seite 8 / Inland
Feminizide

»Der Kapitalismus ermöglicht Gewalt gegen Frauen«

Internationaler Protest am UN-Welttag gegen Ursachen und Folgen sexistischer Machtverhältnisse. Ein Gespräch mit Sasha Stieger
Interview: Gitta Düperthal
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Teilnehmerinnen einer Demonstration in Mexiko fordern Gerechtigkeit für Opfer von Femiziden und sexualisierter Gewalt (Ciudad Juárez, 7.3.2020)

Vor rund 20 Jahren erklärte die UN-Generalversammlung den 25. November zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen. Auch in diesem Jahr gehen Frauen weltweit auf die Straße und machen darauf aufmerksam, dass sich aufgrund der Coronapandemie die Lage noch verschärft. Welche Ziele verbinden Sie mit dem Tag?

Wir wollen für unsere Selbstbestimmung und Freiheit als Frauen, Lesben, Inter- und Transsexuelle eintreten. Gewalt gegen Frauen ist ein systemimmanentes Problem. Wir bezeichnen Frauenmorde bewusst mit dem Begriff Femizid, weil wir der Meinung sind, dass diese Morde tief im kapitalistischen, patriarchalischen System verwurzelt sind. Dahinter steht gezielte Frauenverachtung. Wir wollen über die Strukturen, die dazu führen, aufklären und sie bekämpfen.

In der Pandemie verschärfte sich diese Gewalt, auch weil der sowieso schon eklatante Mangel an Beratungs-, Bildungs- und Kommunikationsangeboten für Frauen weiter reduziert wurde. Durch das »Zuhausebleiben« waren sie am stärksten von der Krise betroffen. Miese Arbeitsbedingungen und niedrige Löhne sind nicht mehr hinzunehmen. Oft sind Frauen darauf angewiesen, aufgrund finanzieller Abhängigkeit bei einem gewalttätigen Partner zu bleiben. Bei Coronamaßnahmen müssen die politisch Verantwortlichen solche Aspekte künftig berücksichtigen.

Gibt es in Nürnberg besondere Gründe, an diesem Tag aktiv zu werden?

Ja, im Oktober wurde hier eine Frau in ihrer Wohnung von ihrem Ehemann ermordet. In Lokalzeitungen war daraufhin von einem »Ehedrama« oder einer »Beziehungstat« die Rede. Vergangenen Samstag wurden eine Frau und ein Mann von deren Expartner auf offener Straße erschossen. Als Motiv wurde Eifersucht genannt. Aus unserer Sicht eine Verharmlosung solcher Femizide! Die Frau wird aufgrund der patriarchalischen Prägung unserer Gesellschaft als Anhängsel des Mannes erniedrigt, ihre eigene Bedürfnisse werden permanent negiert. Es wird deshalb nicht der letzte Femizid sein. Es muss sich etwas ändern.

In der ganzen Republik wird diesen Mittwoch demonstriert. Der »Frauenpolitische Rat Land Brandenburg« will etwa vorm Landtag die orangefarbene Antigewaltfahne der »UN-Women-Kampagne« wehen lassen und mit 117 Paar roten Schuhen auf die 117 Opfer von Femiziden im Jahr 2019 aufmerksam machen.

Wir finden das gut. In der ganzen Republik sind Frauen schockiert, dass 2019 quasi an jedem dritten Tag eine Frau umgebracht wurde. Diese Gewalt gegen Frauen ist zu benennen und zu beenden.

Beim Frauenpolitischen Rat Land Brandenburg wirken auch die »Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen«, die »Landesarbeitsgemeinschaft Frauenpolitik« von Bündnis 90/Die Grünen, die »Frauenunion« der CDU sowie entsprechende Gremien beider Kirchen mit. Wie unterscheidet sich Ihr linker Protest davon?

Deren Hauptforderungen sind: die Einhaltung der Istanbul-Konvention des Europarats, um Gewalt gegen Frauen zu verhüten, sowie eine zukunftsfeste Finanzierung von Frauenhäusern und Beratungsstellen. Dem schließen wir uns an, sehen dies allein aber nur als Symptombekämpfung an. Das aktuelle Gesellschaftsklima ist insgesamt sexistisch. Der Kapitalismus ermöglicht Gewalt gegen Frauen. Uns geht es um Armutsbekämpfung, damit Frauen nicht aus Not heraus in gewaltsamen Beziehungen verweilen müssen, sondern ihr Leben frei gestalten können. In den selbstverwalteten Gebieten in Nordsyrien haben unsere Freundinnen begonnen, autonome Frauenstrukturen einzuführen. Uns ist der internationalistische Ansatz wichtig. Wir lassen uns von Frauenstreikbewegungen in Lateinamerika beeinflussen. Wir werden laut demonstrieren, um die Vorherrschaft der Männer, Gewalt, Unterdrückung, Kriege, Ausbeutung weltweit zu bekämpfen.

Sasha Stieger ist Sprecherin des »8.-März-Bündnisses Nürnberg«

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