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Aus: Ausgabe vom 23.11.2020, Seite 11 / Feuilleton
Lyrik

Das nötige »Jetzt!«

Den Stein zum Blühen bringen: Vor 100 Jahren wurde Paul Celan geboren. Ein Blick auf sein Gedicht »Corona«
Von Stefan Ripplinger
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»Aus der Hand frisst der Herbst mir sein Blatt«: Paul Celan (23.11.1920–20.4.1970)

Der 100. Geburtstag des Dichters Paul Celan fällt ins Coronajahr. Der Hinweis darauf, dass eines seiner bekanntesten Gedichte »Corona« heißt, war deshalb überfällig. Funda Kiziler Emer, eine Germanistin von der Universität Sakarya (Türkei), erklärt in dem Fachblatt Folklor/Edebiyat (August 2020) zum Thema, auch Celan sei von einem Virus befallen worden, nämlich dem des Nazismus.

Bekanntlich musste der Dichter unter den Nazis, die seine Eltern in einem ukrainischen KZ ermordet haben, Zwangsarbeit leisten. Dass dieses unerträgliche Geschehen seine Gedichte dunkel grundiert, ist nicht zu bestreiten, doch ist in ihm niemandes »Seele« von einem Virus befallen worden, waren die Nazis keine Seuche und ihre Opfer keine Infizierten. Ganz abgesehen davon, findet sich in dem von Bildern schier überquellenden »Corona« kein einziges für eine Ansteckung. Nicht mal die Pest kommt vor.

Weder Kranz noch Krone

Zwischen »Corona« und Corona besteht also keine direkte Verbindung. – Und auch keine indirekte, denn in dem Gedicht ist keine Rede von einem Kranz oder einer Krone; das wäre ja die Grundbedeutung des Wortes. Unter dem Mikroskop erinnern die seit den Sechzigern bekannten Coronaviridae, zu denen auch SARS-CoV-2 gehört, an einen Blütenkranz oder den Hof um die Sonne, die sogenannte Sonnenkorona. Nichts davon in »Corona«; statt Sonne nur Sonntag. Stellen wir die Frage, weshalb das 1948 entstandene Gedicht diesen Titel trägt, ein wenig zurück, denn auch wenn es nichts über Pandemie verrät, verrät es sonst sehr viel. Zu Celan gibt es ebenso viele Zugänge, wie es Gedichte von ihm gibt, nämlich über tausend. Warum also, wenn auch aus einer historischen Laune, nicht dieses wählen? Es wirft sich im ersten Vers ins dunkle Gewand eines Naturgedichts, ohne eines zu sein: »Aus der Hand frisst der Herbst mir sein Blatt«.

Dass der Herbst wie ein Hündchen auftritt, das aus der Hand frisst, wirkt possierlich nur so lange, solange übersehen wird, dass er sich selbst auffrisst; der Herbst frisst sein eigenes Blatt. Aufklärung über diesen Vorgang bietet ein Gedicht aus Celans Debütband, den er 1948 mit Illustrationen des saarländischen Surrealisten Edgar Jené herausbrachte, »Sand aus den Urnen«. Da der Dichter mit dem Buch unzufrieden war, ließ er es einstampfen, manche in ihm enthaltenen Gedichte hat er später erneut veröffentlicht, nicht aber »Schwarze Flocken« (1944), in dem es zu Beginn heißt, dass »der Herbst unter mönchischer Kutte / Botschaft brachte auch mir, ein Blatt aus ukrainischen Halden«. Auf dem Blatt, von dem »Corona« spricht, befand sich also ursprünglich eine Botschaft, nämlich die von der Ermordung der Eltern in der Ukraine. Um so überraschender ist es deshalb, dass »Corona« fortfährt, »wir«, also Herbst und Dichter, »sind Freunde. / Wir schälen die Zeit aus den Nüssen und lehren sie gehn: / die Zeit kehrt zurück in die Schale«.

Es hat sich in den vier Jahren seit »Schwarze Flocken« etwas geändert, erst war Freund Herbst Überbringer der Todesbotschaft, nun frisst er das Traurige, das er bringt, selbst auf, schält aber auch Nüsse, um der Zeit auf die Sprünge zu helfen. Das tut der Herbst sich selbst zum Trotz, denn so viele Nüsse er gewöhnlich von den Bäumen schüttelt, ist er doch im Jahreslauf eine Phase des Niedergangs. Und welche Zeit sollte hier herausgeschält werden? Es muss daran gedacht werden, dass die Nüsse eine Frucht, einen Samen, also ein Stück Zukunft in sich tragen. Doch sobald sie zu gehen gelernt hat, geht die Zeit zurück in die taube Schale, aus Zukunft wird doch wieder verdinglichte Vergangenheit. Dass von dieser Vergangenheit auch die Gegenwart ergriffen wird, zeigt sich in der zweiten Strophe.

Wenn einer schläft, träumt er meistens, doch heißt es hier, »im Traum wird geschlafen«. Das ist ein betäubendes Bild, denn wer im Traum schliefe, wäre aller Traumbilder, der glücklichen wie der grausamen, beraubt und aufs Vegetative herabgesunken. Dieses Erschlaffen bezeugen auch die beiden andern Verse dieser Strophe: »Im Spiegel ist Sonntag« und »der Mund redet wahr«. Wenn nur der Mund wahr redete, könnte er auch wirr reden, denn dann plapperte er ohne Verstand. Was den Sonntag angeht, so haben manche Interpreten vom christlichen Feiertag fabuliert, während sich mir, streng unhermeneutisch, die Erinnerung an ein Chanson der kürzlich verstorbenen Juliette Gréco aufdrängt, »Je hais les dimanches« (1951), Text von Charles Aznavour, »Millionen von Passanten / schieben sich / auf der Straße dahin, / mit gleichgültiger Miene, / die Menge trottet, / als ob’s zu einer Beerdigung ginge, / der Beerdigung des Sonntags, / der schon lang tot ist, / ach, ich hasse die Sonntage, / ich hasse die Sonntage«, und den Sonntag im Spiegel doch wohl doppelt.

Wenn alles Marmor wird

Während den Interpreten zum unheimlichen Stillstand der ersten und zweiten Strophe wenig einfiel, stürzten sie sich lüstern auf die dritte, denn sie enthält eine erotische Anekdote. »Mein Aug steigt hinab zum Geschlecht der Geliebten« – damit ist unter anderem die Dichterin Ingeborg Bachmann gemeint, mit der Celan eine Affäre hatte und der der Text handschriftlich mit »f. D.« (für Dich) gewidmet worden ist. Für Bachmann war dies, wie sie Celan am 24. Juni 1949 schrieb, sein »schönstes Gedicht, es ist die vollkommene Vorwegnahme eines Augenblicks, wo alles Marmor wird und für immer ist«. Liebe als Vorwegnahme einer memorierenden Marmorierung, glatt wie eine griechische Statue? Diese plötzliche Erstarrung stimmte immerhin mit der Zeit zusammen, die »in die Schale« zurückgeht, mit dem Wein, der »in den Muscheln« schläft, oder mit dem »Stein« – der sich allerdings »zu blühen bequemen« muss. Denn wie Celan später, in einem Entwurf seiner »Meridian«-Rede (1960), notierte, gibt gerade der Stein als das Anorganische, Schweigende dem Sprechenden »Richtung und Raum«. Die »Unrast«, der »ein Herz« den Takt schlagen soll, setzt sich von diesen stummen Verdinglichungen, von Schale, Muschel, Mond, Stein ab, aus sedimentierter Zeit wird »Es ist Zeit«, ganze viermal wiederholt das der Dichter, das nenne ich einen Appell.

Nehmen wir also an, dass Zeit gegen Zeit steht, die herbstliche gegen die frühlingshafte, die angehaltene gegen die anbrechende, die des Schlafs gegen die der Unrast. Diese Widersprüche dürfen nicht aufgelöst werden. Der entscheidende, der einen Sprung von der Gegenwart in die Vergangenheit und zurück erzwingt, findet sich aber in der erwähnten Formulierung vom »Geschlecht der Geliebten«. Liest man nämlich »Geliebte« als Plural, verliert das »Geschlecht« seine erotische Bedeutung, es bezieht sich dann auf das eigene Geschlecht, die Juden, die toten Geliebten, Vater und Mutter, zu denen der Dichter wie in eine Unterwelt noch einmal hinabsteigt. Das Gedicht ist Liebesgedicht und Totengedenken in Zeilen, die wie eine Kippfigur mal die eine, mal die andere Bedeutung annehmen.

Wenn das aber so ist, dann ist nach der »Corona«, die – Barbara Wiedemann weist darauf hin – hier eine Fermate, eine musikalische Dehnung meint, also nach einem sonntäglichen Stocken, nach einem berauschten Schlaf schlagartig die Zeit zum Handeln angebrochen; »es ist Zeit, dass man weiß«, es »ist Zeit, dass es Zeit wird«. Es ist höchste Zeit. Als ob sich dieser Gedanke unterschwellig, unterhalb der Liebe, vorbereitet hätte, soll nun ein Schleier, ein Dämmer zerrissen, der Spiegel, der nur öde Sonntage zurückgeworfen hat, zerbrochen, das Schweigen über das Verbrechen beendet werden. Hier beginnt etwas Neues, von dem bislang nur bekannt ist, dass, um es zu erreichen, ein revolutionärer Schnitt, ein »Jetzt!« nötig ist. Was Paul Celan als politischen Dichter unbequem macht, ist, dass seine Zukunft die Vergangenheit voraussetzt. Das, was gewusst werden soll, ist nicht nur die Liebe, die das Paar »umschlungen im Fenster« bekannt macht, sondern auch das, was auf Blättern aus ukrainischen Halden steht. Ja, ohne die Toten hätte die Liebe keine Zeit, und ohne seine Pausen gäbe es den Herzschlag nicht.

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