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Aus: Ausgabe vom 23.11.2020, Seite 10 / Feuilleton

Eine kleine Zwischenbilanz

Von Erwin Riess
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Keine Geschäfte mit teuren Uhren: Wien im Lockdown

Der Dozent traf seinen Freund Groll vor einem Nobeljuwelier in der Kärntner Straße. Der Stephansdom war nur einen Steinwurf entfernt. »Danke, dass Sie den weiten Weg auf sich genommen haben«, sagte er und lehnte seine Rennmaschine an eine Sitzbank.

»Wenn Freunde rufen …!« sagte Herr Groll und machte eine großartige Geste.

Der Dozent verneigte sich.

Eigentlich könnte ich jetzt wieder in die U-Bahn steigen und die Donau heimwärts überqueren, dachte Herr Groll. Dass ein hochgebildeter Intellektueller, Erbe einer hochprofitablen Maschinenbaufirma aus dem hochnoblen Aristokraten- und Geldadelbezirk Hietzing, sich im Zentrum der Haupt- und Residenzstadt vor einem Mindestrentner aus den entrischen Gründen* verbeugt, muss für einen guten Tag reichen. Rasch aber verwarf Herr Groll den Gedanken und zieh sich im Geiste einer peinlichen sozialdemokratischen Schwäche. Die Herren der Welt verbeugen sich vor den Knechten. Damit kann ein Sozialdemokrat sich zufriedengeben, aber niemals ein unbeugsamer Donaubolschewik aus Transdanubien, sagte er sich. Der Tag wird erst gut sein, wenn ich den Dozenten für die nachhaltige, vollständige und rücksichtslose Expropriation der Expropriateure gewonnen haben werde. Soll der Dozent sich gefälligst ein Beispiel an Friedrich Engels nehmen. In der Villa seiner Mutter wird der Dozent seine Zimmerfluchten mit hundert armen Schluckern teilen müssen. Und die Fabrik seiner Mutter, die Maschinen herstellt, auf denen Kondome und Gummihandschuhe produziert werden, kommt unter kollektive Leitung mit einem Wechsel des Führungspersonals alle drei Jahre. So schön könnte das Leben sein, auch und gerade hier vor dem Juwelier der Finanzelite, bei dem die reichen Russen und Scheichs ein und aus gehen, die steuerschonenden Landsleute nicht zu vergessen! Nachdem er sich seiner weltanschaulichen Festigkeit versichert hatte, warf er dem Dozenten einen aufmunternden Blick zu.

Der Dozent räusperte sich. Dann sagte er mit fester Stimme: »Der Komplexitätsforscher Peter Klimek ** sagt, je früher man angesichts rasant steigender Infektionszahlen einen Lockdown verhängt, desto effizienter fällt er aus. Umgekehrt gilt: je später, desto mühsamer. Der Kanzler merkte neulich resignativ an, dass die Bereitschaft der Bevölkerung, die Maßnahmen mitzutragen, bis vor wenigen Tagen nicht gegeben gewesen sei. Man konnte daher nur sehenden Auges in die Katastrophe taumeln. Österreich weist nicht nur explodierende Infektionszahlen und eine rapid steigende Sterberate auf, sondern auch eine renitente Bevölkerung, die nach dem Motto vorgeht: Ihr von der Regierung tut so, als würdet ihr gegen das Virus vorgehen und wir tun so, als würden wir eure Vorgaben befolgen. Dazu bemerkt der Suchtforscher Michael Musalek: »Die Österreicher schwanken zwischen bagatellisieren und hysterisieren. Eine sachliche Auseinandersetzung mit Herausforderungen ist in der kollektiven Psyche unserer Landsleute nicht angelegt.« ***

»Ich höre bei Ihnen eine Präferenz für den schwedischen oder finnischen Weg der Krisenbekämpfung heraus«, bemerkte Herr Groll.

»Es könnte sein, dass Sie da einen Punkt getroffen haben«, räumte der Dozent ein.

»Schweden hat mittlerweile rasant steigende Infektionszahlen, nur Finnland hält sich besser«, erklärte Herr Groll. »Eigenverantwortung scheint auch in Skandinavien nicht im Übermaß vertreten zu sein. Dazu kommt, dass in schwedischen Pflegeheimen nach wie vor Menschen ohne Schutzausrüstung tätig sind. Von den über sechstausend Verstorbenen kommen zwei Drittel aus eben jenen Einrichtungen. Des weiteren sollte man bedenken, dass die nordischen Länder eine niedrige Bevölkerungsdichte aufweisen. In Nordschweden und dem finnischen Seengebiet können Sie tagelang durch die Taiga wandern, bis Sie auf einen Menschen treffen.«

»Und der entpuppt sich dann als Elch«, erwiderte der Dozent.

»Jedenfalls hat es ein Virus, das an menschlichen Kontakten schmarotzt, in diesen Regionen schwer«, schloss Groll.

Er verstehe nicht, warum ein Sicherheitsbeamter sich vor dem Juweliergeschäft aufgepflanzt habe, das Geschäft sei ja ohnehin geschlossen, sagte der Dozent. Er solle einmal einen Blick in die Auslage werfen, meinte Herr Groll und löste die Rollstuhlbremsen.

* »entrisch« bedeutet im Altwiener Dialekt: unheimlich, abgründig, gruselig

** Ö 1, »Mittagsjournal«, 18.11.2020

*** Kleine Zeitung, 17.11.2020

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