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Aus: Ausgabe vom 23.11.2020, Seite 8 / Ansichten

Hilfe aus dem Osten

G-20-Gipfel im Zeichen der Pandemie
Von Jörg Kronauer
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Beitrag des chinesischen Präsidenten Xi Jinping auf dem G-20-Gipfel am Sonntag

Nicht als der große Gleichmacher wirkt sie, sondern als der große Beschleuniger: die Covid-19-Pandemie, mit der sich am Wochenende der G-20-Gipfel befasste und die laut offiziellen Angaben bald schon eineinhalb Millionen Menschenleben weltweit gefordert haben wird. Sie trifft alle, aber die Folgen unterscheiden sich dramatisch: Während der alte transatlantische Westen in der zweiten Welle versinkt und manche schon vor einer dritten warnen, haben mehrere Staaten in der Asien-Pazifik-Region das Schlimmste wohl überwunden. In einigen, in China etwa, aber nicht nur dort, normalisieren sich Alltagsleben und Wirtschaftswachstum sogar schon wieder. Die größten Opferzahlen wie auch die schlimmsten ökonomischen Einbrüche sind dies- und jenseits des Nordatlantiks zu beklagen: ein Beleg dafür, dass ausgerechnet diejenigen Länder im Kampf gegen die Pandemie versagen, die lange Zeit den Ton in der Welt angaben und meist auch die globalen Reaktionen auf große Krisen bestimmten. Immer noch versuchen sie – wie auf dem G-20-Gipfel –, die Richtung vorzugeben; sie schaffen es aber nicht mehr, jedenfalls nicht allein.

Jüngstes Beispiel: die Forderung, überall auf der Welt einen bezahlbaren Impfstoff zugänglich zu machen, die am Wochenende – neben anderen – auch Bundeskanzlerin Angela Merkel vortrug. Bis vor kurzem wäre die Sache klar gewesen: Pharmakonzerne in Westeuropa und in Nordamerika entwickeln Vakzine, verkaufen sie gewinnbringend im reichen Westen – und verscherbeln sie dann mit Hilfe internationaler Organisationen in ärmeren Ländern, solange genug Geld dafür fließt. Die Zeiten sind vorbei. Als Deutschland unlängst den Biontech/Pfizer-Impfstoff feierte, da hatten China und Russland längst schon Notfallgenehmigungen für erste Impfungen erteilt – und Chinas Präsident Xi Jinping bestätigte jetzt auf dem G-20-Gipfel, Beijing unterstütze neben der Verteilung der chinesischen Vakzine auch ihre Herstellung in ärmeren Drittstaaten. Indonesien dürfte einer davon sein. Die Volksrepublik hat sich zudem vorsichtig der Forderung Indiens sowie diverser weiterer Staaten angeschlossen, Covid-19-Impfstoffe vom Patentschutz auszunehmen, um sie zu verbilligen. USA und EU lehnen das wie üblich ab. China hat es mit seinen eigenen Impfstoffen in der Hand, diesbezüglich den – so wichtigen – Durchbruch zu schaffen.

Für eine wachsende Zahl an Ländern hängt damit der Erfolg im Kampf gegen die Pandemie nicht mehr an der Unterordnung unter die westliche Dominanz, um von gönnerhaft verteilten Brosamen transatlantischer »Geber« zu profitieren, sondern an gedeihlicher Kooperation mit China: Nach den weltwirtschaftlichen Gewichten verschiebt sich nun also auch der politische Einfluss in der Weltpolitik in Richtung Beijing. Es trifft zu: Dies tut er schon seit geraumer Zeit. Die Coronakrise lässt den Prozess aber immer deutlicher hervortreten, und sie beschleunigt ihn.

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