Gegründet 1947 Montag, 30. November 2020, Nr. 280
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Vision einer anderen Zukunft

Von Mumia Abu-Jamal
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Die Gründerzeit der Vereinigten Staaten war beherrscht vom Zwangssystem der Sklaverei. Diese lastete wie ein Alptraum auf der neuen Nation und verwandelte ihre erklärten Ziele und Ideale in Lügen. Der heutige Gedanke der »Abolition« ist historisch tief verwurzelt in der Forderung nach Abschaffung der Sklaverei. Im Sommer 1776 hatten sich die Delegierten des Zweiten Kontinentalkongresses der britischen Kolonien in Nordamerika in Philadelphia versammelt. Sie verfassten die Unabhängigkeitserklärung, die am 4. Juli 1776 verabschiedet wurde und in der es unter anderem hieß: »Folgende Wahrheiten erachten wir als selbstverständlich: dass alle Menschen gleich geschaffen sind, dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind, dass dazu Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehören.«

Die Verfasser gehörten zum Teil der intellektuellen Elite des Landes an, doch ihre Behauptungen über die Ideale der neuen Nation waren voller Widersprüche. Die von Berühmtheiten wie Benjamin Franklin, Thomas Jefferson, Benjamin Rush und John Adams unterzeichnete Unabhängigkeitserklärung enthält Plattitüden wie die, dass »alle Menschen gleich geschaffen sind«, obwohl in den Vereinigten Staaten Menschen mit dunkler Hautfarbe, besitzlose Weiße und ausnahmslos alle Frauen weder selbst wählen noch in Ämter mit politischer Macht gewählt werden konnten. Die Indigenen wurden als Teil einer fernen Wildnis und nicht als Teil der in Gründung befindlichen Nation angesehen.

Die Menschen, die sich im 19. Jahrhundert gegen das expandierende System der Sklaverei zusammengeschlossen haben, wurden Abolitionisten genannt. Sowohl von den Herrschenden als auch von der Presse wurden sie bestenfalls als Sonderlinge, schlimmstenfalls als Verrückte angesehen. Trotz der öffentlichen Meinung unserer Tage war die Sklaverei damals allgegenwärtig wie die Luft zum Atmen. Die Nation war so tief und offen negrophobisch und rassistisch, dass die Vorstellung von einer aus Schwarzen und Weißen bestehenden Gruppe, die gemeinsam gegen die Sklaverei kämpfte, als abwegig angesehen wurde.

Im Oktober 1859 überfiel John Brown, ein Anführer weißer Abolitionisten, zusammen mit 21 Gefährten das Waffenlager der US-Armee in Harpers Ferry, Virginia, um afrikanische Sklaven in den umliegenden Plantagen für ihre Selbstbefreiung zu bewaffnen. Die Aktion war ein Schritt auf dem schicksalhaften Marsch in den Bürgerkrieg, der nach erschütternden Opfern zur Abschaffung der Sklaverei führte.

Auch für Abraham Lincoln, einen der meistbewunderten Präsidenten der Geschichte, waren die Protagonisten des fehlgeschlagenen Angriffs auf Harpers Ferry kaum etwas anderes als Verrückte. Im Februar 1860 distanzierten sich Lincoln und seine Republikanische Partei von ihnen, und seinen Anhängern im Norden versicherte er, weder er noch seine Partei unterstützten die Abolitionisten.

Die Abolitionistenbewegung hatte eine Vision von einer anderen Zukunft. Frederick Douglass, Harriet Tubman und John Brown schmiedeten ein neues Amerika, wie es für frühere Generationen noch unvorstellbar gewesen war. Sie waren ihrer Zeit weit voraus. Heute können wir auf die Lehren aus dem Kampf dieser noblen Bewegung zurückgreifen und lernen, den Kampf von Generation zu Generation fortzuführen, bis alle Menschen frei sind. Wir sind dazu aufgerufen, die heutige Abolitionistenbewegung zu unterstützen, die darauf hinarbeitet, das System niederzureißen, das Millionen von Menschen in Gefängniszellen und Isolationstrakten in diesem Gefangenenhaus der Nationen ihrer Freiheit beraubt.

Übersetzung: Jürgen Heiser

Der zur Veröffentlichung an dieser Stelle gekürzte und leicht bearbeitete Text ist Mumia Abu-Jamals Beitrag zum Onlineprojekt »Abolition for the People«, das der US-Sportler Colin Kaepernick gemeinsam mit dem Onlineportal Level initiierte, um eine Debatte über die Abschaffung rassistischer Polizeigewalt und Masseninhaftierungen auszulösen. (jh)

level.medium.com/abolition-for-the-people-397ef29e3ca5

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