Gegründet 1947 Sa. / So., 28. / 29. November 2020, Nr. 279
Die junge Welt wird von 2453 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 23.11.2020, Seite 5 / Inland
Gummibärchenhersteller

Kampf ums Werk

Haribo: Hunderte bei Protestkundgebung in Zwickau gegen Betriebsschließung. Gewerkschaft NGG fordert Ende von »Abbau Ost«
Von Oliver Rast
05.jpg
Als »heuchlerisch und rabiat« bezeichnen Haribo-Beschäftigte die Unternehmenspolitik (Zwickau, 21.11.2020)

Protestlos geben sie ihren Betrieb nicht auf. Rund 600 Menschen versammelten sich am Sonnabend in Zwickau auf dem Platz der Völkerfreundschaft zu einer Kundgebung. Der Anlass: Erhalt des Haribo-Werkes im nahe gelegenen Wilkau-Haßlau. Geht es nach dem Willen der Eigentümerfamilie Riegel, wird der Standort bereits bis Jahresende dichtgemacht. Nebenbei bemerkt: Es ist der einzige ostdeutsche, ehemals VEB Süßwarenfabrik Wesa. Bereits 1990 hatte sich der westdeutsche Fruchtgummihersteller den Volkseigenen Betrieb einverleibt.

Die Temperaturen waren niedrig, der Wind böig, die Stimmung unter den Beschäftigte samt solidarischem Anhang indes gut. Die Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) sendete Aufnahmen von der Protestaktion per Livestream in die warmen Wohnstuben. »Dass so viele hinter uns stehen, stärkt uns ungemein«, sagte der Betriebsratsvorsitzende am Sonnabend im Telefonat mit jW. Die Kollegen seien motiviert, schaffen weiter Mehrwert im Werk – »und sind entschlossen, nicht einfach klein beizugeben«. Aber: Vor dem Protest hatte es den Schock gegeben. Am 6. November hatte die Haribo-Geschäftsführung bei einer Betriebsversammlung die Werksschließung in Wilkau-Haßlau verkündet – Stichtag: 31. Dezember 2020. Die Verkünder brauchten kaum mehr als drei Minuten um eine 30jährige Unternehmensgeschichte zu beenden. »Eiskalt und ohne jeden Blickkontakt«, so schilderten zwei junge Frauen in einem Redebeitrag auf der Kundgebung die Szene, als den Beschäftigten der Beschluss mitgeteilt wurde. Seitdem sei das vormalige Image als »sozialer Familienbetrieb kaputt«.

Haribo schaltet derweil auf stur. Ein Unternehmenssprecher betonte jüngst auf jW-Nachfrage, man werde am Demontageplan festhalten. Am Sonnabend dann die Bestätigung gegenüber dpa: »Unsere Entscheidung, den Standort in Wilkau-Haßlau zum Jahresende zu schließen, steht«. Das Werk erfülle demnach nicht mehr die Anforderungen an eine wirtschaftliche und effiziente Produktionsstruktur. Dies fange schon bei der Bausubstanz an. »Würden wir neue Maschinen nach heutigen Standards installieren, würden diese schlichtweg die Traglast des Gebäudes überschreiten«, hieß es.

Modernisiert wurde das Werk nach Angaben von Gewerkschaftern in den Vorjahren nicht. Investitionen blieben aus. Offenbar liefen die Produktionsanlagen auf Verschleiß. Dennoch: Die Geschäftsbilanz des Betriebs ist positiv. Der Jahresabschluss 2018, der jW vorliegt, weist folgendes aus: Beschäftigte erwirtschafteten in dem Jahr einen Gewinn von 2,6 Millionen Euro, 2017 waren es 1,78 Millionen. Der jeweilige Überschuss floss gemäß des sogenannten Gewinnabführungsvertrags direkt in die Kasse der Haribo-Zentrale ins rheinland-pfälzische Grafschaft. Im Klartext: Der Osten alimentiert den Westen. Das ist nicht alles: 1993 hatte Haribo für den Ex-VEB öffentliche Fördermittel in Höhe von knapp 540.000 Euro erhalten, wie am vergangenen Donnerstag aus der Antwort der Bundesregierung auf eine schriftliche Anfrage der Linke-Bundestagsabgeordneten Sabine Zimmermann hervorging. »Es ist ein echter Skandal«, ärgerte sich Zimmermann am Freitag gegenüber jW, dass die Firmenspitze trotz abgeschöpfter Millionengewinne das Werk stillegen will.

Selbst Mitglieder der Landesregierung solidarisieren sich mit den »Hari­boianern« – Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) etwa. »Wir haben die Hand zum Erhalt der Beschäftigung am Standort mehrfach gereicht«, teilte Dulig am Freitag auf jW-Anfrage mit. Weiter sagte er: »Ich habe das Unternehmen erst am Donnerstag wieder aufgefordert, das Angebot des Freistaates anzunehmen und gemeinsam nach Alternativen zur Standortschließung zu suchen«. Vergeblich. Der Minister wurde deutlich: Die Geschäftsführung müsse sich »Gegenwind gefallen lassen«. Es zeige sich erneut, dass der Osten seit Jahren nur die verlängerte und preiswerte Werkbank von Westunternehmen sei, kritisierte Dulig. »Ohne Rücksicht auf Verluste« werde in der Krise gegen Beschäftigteninteressen agiert. Das sieht Stefan Körzell, DGB-Vorstandsmitglied, ähnlich: »Die Kollegen sind das Gold von Haribo«. Eine Lösung für die 150 Beschäftigten in Wilkau-Haßlau müsse mit ihnen gefunden werden und nicht gegen sie, sagte er am Sonnabend gegenüber jW.

Der Betriebsrat will weiter Druck machen, die Zeit drängt. Mit einer Lichterkette um das Firmengelände am Nikolaustag zum Beispiel, und mit Aktionen zum 100jährigen Haribo-Jubiläum am 13. Dezember. »Das werden Gänsehautmomente«, sagte der BR-Vorsitzende. Und Olaf Klenke, NGG-Landesbezirkssekretär, betonte zum Abschluss der Zwickauer Kundgebung: »Von hier geht ein klares Protestsignal für den Werkserhalt aus«. Der »Abbau Ost« müsse endlich gestoppt werden.

Unverzichtbar!

»Mit ihrer umfangreichen Berichterstattung in der Rubrik Betrieb und Gewerkschaft ist die junge Welt bei meiner Tätigkeit in einer betrieblichen Tarifkommission unverzichtbar – sie motiviert und stärkt in der Argumentation!« Claudia K., Angestellte in einem IT-Unternehmen

Eine prinzipienfeste, radikal kritische Tageszeitung im Netz ist durch nichts zu ersetzen für all diejenigen, die dem real existierenden Kapitalismus und Faschisten etwas entgegensetzen wollen.

Diese Zeit braucht eine starke linke Stimme – gedruckt und online!

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Ähnliche:

  • Verdi fordert, dass das Krankenhaus »als Ganzes« erhalten bleibt...
    06.02.2019

    Operation Löhne drücken

    Geschäftsführung von Zwickauer Klinikum will Teilbereiche ausgliedern. Beschäftigte wehren sich – und das nicht zum ersten Mal
  • Breiter Protest gegen Werksschließung: Plakat an einer...
    25.03.2013

    Aus trotz Lohnverzichts?

    Bosch schließt Thermotechnik-Werk bei Zwickau, obwohl Belegschaft jahrelang reduzierte Gehälter akzeptierte. Auch im hessischen Lollar droht Stellenabbau

Regio:

Mehr aus: Inland

»Gemeinsam statt alleinsam«: 3 Monate lang junge Welt im Aktionsabo lesen – für 62 €!